Her­aus­for­de­rungen in Mathurā

Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja war der ange­se­henste spi­ri­tu­elle Lehrer seiner Zeit. Er glich einem Löwen, der die Irr­lehren der Unper­sön­lich­keits­phi­lo­so­phie und der pseu­do­spi­ri­tu­ellen Sinn­lich­keit zer­riss. Śrīla Guru­deva war sein macht­voller General in Nord­in­dien. Er diente in Mathurā, um den Wunsch Ācārya Kes­arīs zu erfüllen. Ācārya Kesarī sandte ihm monat­lich etwas Geld, was aller­dings kaum reichte, um die Strom­ko­sten, die Aus­gaben für Lebens­mit­teln und andere Not­wen­dig­keiten zu decken.

Im Erd­ge­schoss des Tem­pels befand sich eine dhar­maśālā (Pil­ger­un­ter­künfte) und auf der ersten Etage der Tem­pel­raum. Die Tem­pel­halle war sechs Meter breit und zehn­ein­halb Meter lang, mit zwei Räumen auf der Süd­seite, einem Raum für Ācārya Kesarī, und einem Wasch­raum auf der Nord­seite. Śrīla Guru­deva reno­vierte später die Tem­pel­halle, indem er zwei Räume und Türen ent­fernte, die die Bereiche abtrennten. Er schuf auch Platz, um den Altar umkreisen zu können. Śrīla Guru­devas Zimmer lag an der nörd­li­chen Wand außer­halb der Tem­pel­halle. Gegen­über seinem Zimmer gab es noch zwei andere Zimmer und im Süd­we­sten eine kleine Küche. Guru­devas Zimmer hatte drei Türen, aber keine Fen­ster. Schloss Guru­deva die Türen, war es im Zimmer stickig, ließ er die Türen offen­ließ, kam ent­weder zu viel Sonne oder in der Regen­zeit der Regen herein.

Keśavjī Gauḍīyā Maṭha 1959

Die Gott­ge­weihten lebten von den Spenden, die sie in Mathurā sam­melten. Das Spen­den­sam­meln war stra­pa­ziös. In den Som­mer­mo­naten war die Hitze in Mathurā uner­träg­lich. Die brah­macārīs konnten nachts nicht schlafen, weil es keine Ven­ti­la­toren gab. Die Hitze wurde durch die Zie­gel­steine und den Zement, welche die Som­mer­sonne absor­bierten, noch ver­stärkt. Wasser zum Kochen und Trinken musste mehr­mals am Tag von einer weit ent­fernten Bade­stelle am Ufer der Yamunā geholt werden. Zu einer Seite des Tem­pel­ein­gangs gab es einen Tee­laden und zur anderen Seite einen Sweetshop. Vor diesen Läden trafen sich grobe Leute, die die Gott­ge­weihten belä­stigten. Wenn die brah­macārīs sich auf dem Dach der Maṭha auf­hielten, riefen ihnen die Nach­barn Belei­di­gungen zu. Ver­ließen oder betraten die Vaiṣṇavas den Tempel, wurden sie von Laden­be­sit­zern ange­pö­belt. Śrīla Guru­deva tole­rierte all diese Schwie­rig­keiten. Dreiste Geschäfts­leute hatten Lager­räume auf dem Grund­stück des Tem­pels belegt, ohne Miete dafür zu zahlen. Sie wollten die Räume nicht räumen, wei­gerten sich aber auch, zu zahlen.

Die Śrī Keśa­vajī Gauḍīya Maṭha glich einer bela­gerten Burg, die fort­ge­setzt von Feinden attackiert wurde, die nei­disch auf die Gauḍīya-Vaiṣṇavas waren. Im Erd­ge­schoss des Tem­pels, in der dhar­maśālā, lebten seit vielen Jahren Flücht­linge aus Paki­stan und Ban­gla­desch, die eben­falls keine Miete zahlten. Als Ācārya Kesarī das Gebäude gekauft hatte, wei­gerten sich die Besetzer, es zu ver­lassen. Sie lebten dort mit ihren Kin­dern und wollten von den Gott­ge­weihten nichts wissen. Wann immer Guru­deva oder die Gott­ge­weihten den Tempel betraten oder ver­ließen, wurden sie von den Flücht­lingen drang­sa­liert. Beson­ders ihre Kinder attackierten die Geweihten mit Vor­liebe. Man kann sich kaum vor­stellen, wie­viel Unfug sie trieben. Wenn die Geweihten im Tem­pel­raum kīr­tana sangen, kamen die Flücht­linge herauf und riefen: „Dieses Haus gehört uns. Ihr stört uns mit eurem wilden Getanze und Gesinge.  Geht in den Dschungel, wo ihr hin­ge­hört!“

Als das Pro­blem mit den Flücht­lingen sich weiter ver­schlim­merte, ging Guru­deva vor Gericht. Dort aber fragte ihn der Richter: „Warum ziehen sādhus vor Gericht?“

In jenen Tagen war die Öffent­lich­keit ver­wirrt und ohne Ver­ständnis von spi­ri­tu­ellem Leben. Viele Pseu­do­spi­ri­tua­li­sten lehrten nicht Hin­gabe zu Bha­gavān, son­dern pre­digten fal­sche Phi­lo­so­phien und frönten zugleich dem Sin­nenge­nuss. Vielen Leuten waren des­halb diese Sünder im Gewand von Hei­ligen ein Dorn im Auge. Jedoch waren sie nicht in der Lage, das Reine vom Unreinen zu unter­scheiden und hielten des­halb jeden Sādhu für einen Heuchler und Betrüger.

Śrīla Guru­deva ant­wor­tete: „Ist das Gericht nur für Kri­mi­nelle da? Für wen gibt es ein Gericht? Bekommen Recht­schaf­fene kein Recht?“

Der Richter ent­geg­nete: „Sādhus sollen allem ent­sagen. Warum küm­mern Sie sich um Besitz? Warum leben Sie nicht im Wald und pre­digen zu den Tieren? Warum gehen Sie zum Gericht?“

Wilde Tiere sind nicht so gewalt­tätig“, ant­wor­tete Śrīla Guru­deva. „Es ist nicht schwierig, im Wald mit Tieren zu leben und ihr Wesen durch Liebe zu wan­deln. In Städten und Dör­fern können Men­schen noch hart­her­ziger sein als Tiere, des­wegen ist es not­wendig, sie zu ändern. Sādhus eröffnen Tempel nur, um den Men­schen zu helfen. Sie als Richter ver­treten das Recht. Wenn Sie die Sādhus unter­stützen, han­deln sie gerecht und tun den Men­schen Gutes, wenn Sie aber Diebe und Halunken unter­stützen, tragen sie zur Zer­stö­rung der Welt bei. Wofür ent­scheiden Sie sich?“

Der Richter wurde still. Śrīla Guru­deva wusste sich stets durch­zu­setzen, nie­mand konnte ihm über den Mund fahren.

Nach kurzem Schweigen stimmte der Richter zu: „Ich werde Ihnen helfen. Ich sehe jetzt, dass Sie authen­tisch sind. Ich hatte Sie nur gete­stet, um her­aus­zu­finden, ob sie ein echter Sādhu sind.“ Der Richter half Śrīla Guru­deva und die Pro­bleme wurden all­mäh­lich weniger. Den­noch sollte es noch Jahre dauern, bis sie ganz ver­schwanden. In Jawahar Hatta in Mathurā hatte die Stadt­ver­wal­tung Woh­nungen ein­ge­richtet, die für Flücht­linge gemietet werden konnten. Śrīla Guru­deva gab schließ­lich Tem­pel­geld aus und mie­tete Räume für die Flücht­linge an, damit in der Maṭha Ruhe ein­kehrte.

Śrīla Guru­deva dachte sich: „Wie kann ich einen Platz schaffen, der für guru-sevā geeignet ist?“ Selbst die Polizei war her­aus­for­dernd und fort­wäh­rend auf Streit aus. Trotz dieser Schwie­rig­keiten aber führte Śrīla Guru­deva seine Dienste gewis­sen­haft weiter aus. Er über­setzte, edi­tierte und druckte Bücher, sprach hari-kathā und pre­digte. Er ließ nichts seinen Dienst beein­träch­tigen.

Nur die Tren­nung von Ācārya Kesarī bedrückte Śrīla Guru­deva in Mathurā. Er fühlte sich unwürdig und gefallen und betete um Ācā­rya­devas Barm­her­zig­keit. Ein echter Gott­ge­weihte denkt: „Ich bin gänz­lich unqua­li­fi­ziert. Ich lebe von der Hoff­nung, eines Tages die Barm­her­zig­keit meines spi­ri­tu­ellen Mei­sters zu emp­fangen. Durch großes Glück nahm Śrī Guru mich an und gab mir die Gele­gen­heit, den höch­sten Schatz reiner Liebe zu emp­fangen.“

Śrīla Guru­deva hatte Ācārya Kesarī gefragt, mit wem er Gemein­schaft pflegen sollte, wäh­rend er in Mathurā lebte. Ācārya Kesarī hatte geant­wortet: „Yamunā Devī ist ein großer Sādhu. Aus der ganzen Welt kommen Leute, um in ihr zu baden, drei Nächte in Mathurā zu ver­bringen, von Sünden frei zu werden und hari-bhakti zu erlangen. Geh für gute Gemein­schaft oder bei Zwei­feln oder Hin­der­nissen zu Yamunā Devī. Sie wird dir helfen, die Schwie­rig­keiten zu über­kommen.

Guru­deva begann, jeden Tag die Yamunā zu besu­chen. Täg­lich stand er um 3 Uhr mor­gens auf, chan­tete in der mor­gend­li­cher Stille seine guru-mantras, sannyāsa-mantras und den Mahā-Mantra. Um 4:30 Uhr nahm er an der Maṅgala-Ārati teil. Danach chan­tete er weiter, bis er 64 Runden des Mahā-Mantras auf seiner tulasī-Gebets­kette aus 108 Perlen beendet hatte, und ging dann für ein Bad zur Yamunā. Nach Ende der Ver­eh­rung der Bild­ge­stalten um 7:30 Uhr ehrte er das Wasser, mit dem die Bild­ge­stalten gebadet worden waren und nahm dann etwas mahā-prasāda zu sich. Der rest­liche Tag war ange­füllt mit hin­ge­bungs­vollen Tätig­keiten wie hari-kathā, kīr­tana und bṛhad-mṛdaṅga-sevā, dem Publi­zieren und Ver­breiten spi­ri­tu­eller Lite­ratur.

Keśavjī Gauḍīyā Maṭha 2009

Jeden Januar reiste Śrīla Guru­deva nach Kal­kutta, Baram­pura, Hoogli, Bard­haman und anderen Städten in Ben­galen, um die Bot­schaft reiner bhakti zu teilen. Dabei sam­melte er Spenden für den Dienst, Tau­sende Pilger beim Navadvīpa-Dhāma-Parikramā zu ver­kö­stigen. In jedem Laden und Haus bat er um ein paar Rupien als Spende. Er behielt nichts von dem Gesam­melten für sich, son­dern gab zu Beginn des Pari­kramā alles Ācārya Kesarī. Śrīla Guru­deva diente seinem spi­ri­tu­ellen Mei­ster mit unein­ge­schränkter Hin­gabe und Demut.

Śrī Guru und die Vaiṣṇavas ver­kör­pern als bhakta-bhāgavatas die Schriften. Sobald man dem echten spi­ri­tu­ellen Mei­ster dient, erfährt man ohne große Mühe spi­ri­tu­elle Ver­wirk­li­chungen. Obwohl unzäh­lige Bücher spi­ri­tu­elle Themen beschreiben, können Bücher allein nicht zur Erleuch­tung führen. Tran­szen­den­tales Wissen erwacht erst dann, wenn der Prak­ti­zie­rende die Unter­wei­sungen ernst­haft in seinem Leben anwendet. Das Herz Śrī Gurus und der Vaiṣṇavas ist ein Reser­voir gött­li­chen Nek­tars. Diesen Schatz lassen sie denen zuteil­werden, die eine auf­rich­tige die­nende Hal­tung zeigen.

Jedes Jahr nach dem Navadvīpa-Parikramā kehrte Śrīla Guru­deva nach Mathurā zurück. In den frühen Jahren lebten nur wenige Gott­ge­weihte im Mathurā-Tempel. Wegen der schwie­rigen Umstände wollte nie­mand dort­bleiben. Neun von zehn brah­macārīs, die dahin geschickt wurden, rei­sten aus Mathurā wieder zu anderen Tem­peln ab. Die­je­nigen aber, die blieben, waren stand­hafte und cha­rak­ter­feste Per­sön­lich­keiten mit einem auf­rich­tigen Wunsch nach hari-bhajana. Es gab im Tempel in Mathurā keine Decken­ven­ti­la­toren und kein Licht. Das Wasser war salzig und unge­sund. Der Tempel besaß auch keine Was­ser­pumpe. Zum Baden und Waschen schöpften die brah­macārīs das sal­zige Wasser aus einem Brunnen. Das Essen war knapp; Reis, Dāl, Früchte und Milch waren unbe­zahlbar. Die brah­macārīs sam­melten weg­ge­wor­fenes Gemüse vom Markt und erbaten kleine Mengen Wei­zen­mehl von den Bewoh­nern und Laden­be­sit­zern. Von diesen Almosen lebten sie.

Neu­an­kömm­linge sagten mit­unter, sie fühlten sich, als seien sie im Gefängnis gelandet. Der Tempel wurde als eine Art Erzie­hungs­an­stalt ange­sehen, in die indo­lente brah­macārīs geschickt wurden, um den Pfad der Ent­sa­gung wert­schätzen zu lernen. Śrīla Guru­deva war streng mit den brah­macārīs, er dul­dete kein Fehl­ver­halten. Wer sich dane­ben­be­nahm, wurde unwei­ger­lich geta­delt. Die brah­macārīs durften den Tempel nur aus trif­tigen Gründen ver­lassen. Mor­gens gingen sie paar­weise Spenden sam­meln und den Rest des Tages ver­brachten sie im Tempel. Guru­deva erlaubte ihnen nicht, sich im Erd­ge­schoss in der dhar­maśālā oder oben auf dem Dach auf­zu­halten, wo sich auf allen Seiten māyā prä­sen­tierte. Das Leben eines brah­macārīs gleicht einem Seil­tanz: jeder Fehler oder jede Nach­läs­sig­keit kann dazu führen, dass er von seinen Gelübden abfällt.

Doch so strikt Śrīla Guru­deva mit seinen brah­macārīs auch war, noch viel größer war seine Für­sorge und Zunei­gung zu ihnen. Durch die spi­ri­tu­elle Kraft, die von Śrīla Guru­deva aus­ging, und indem sie fort­ge­setzt hari-kathā und kīr­tana von ihm hörten, ver­gaßen sie die Ent­beh­rungen des Lebens in Mathurā. Śrīla Guru­deva konnte immer den Puls des Tem­pels spüren; er wusste zu jeder Zeit, was jeder tat. Er fragte seine brah­macārīs lie­be­voll: „Hast du deine Runden heute gechantet?“ Und wenn jemand krank wurde, küm­merte sich Guru­deva per­sön­lich so lange um ihn, bis er wieder zu Kräften kam.

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