Achtes Kapitel

Herausforderungen in Mathurā

Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja war der angesehenste spirituelle Lehrer seiner Zeit. Er glich einem Löwen, der die Irrlehren der Unpersönlichkeitsphilosophie und der pseudospirituellen Sinnlichkeit zerriss. Śrīla Gurudeva war sein machtvoller General in Nordindien. Er diente in Mathurā, um den Wunsch Ācārya Kesarīs zu erfüllen. Ācārya Kesarī sandte ihm monatlich etwas Geld, was allerdings kaum reichte, um die Stromkosten, die Ausgaben für Lebensmitteln und andere Notwendigkeiten zu decken.

Im Erdgeschoss des Tempels befand sich eine dharmaśālā (Pilgerunterkünfte) und auf der ersten Etage der Tempelraum. Die Tempelhalle war sechs Meter breit und zehneinhalb Meter lang, mit zwei Räumen auf der Südseite, einem Raum für Ācārya Kesarī, und einem Waschraum auf der Nordseite. Śrīla Gurudeva renovierte später die Tempelhalle, indem er zwei Räume und Türen entfernte, die die Bereiche abtrennten. Er schuf auch Platz, um den Altar umkreisen zu können. Śrīla Gurudevas Zimmer lag an der nördlichen Wand außerhalb der Tempelhalle. Gegenüber seinem Zimmer gab es noch zwei andere Zimmer und im Südwesten eine kleine Küche. Gurudevas Zimmer hatte drei Türen, aber keine Fenster. Schloss Gurudeva die Türen, war es im Zimmer stickig, ließ er die Türen offenließ, kam entweder zu viel Sonne oder in der Regenzeit der Regen herein.

Keśavjī Gauḍīyā Maṭha 1959

Die Gottgeweihten lebten von den Spenden, die sie in Mathurā sammelten. Das Spendensammeln war strapaziös. In den Sommermonaten war die Hitze in Mathurā unerträglich. Die brahmacārīs konnten nachts nicht schlafen, weil es keine Ventilatoren gab. Die Hitze wurde durch die Ziegelsteine und den Zement, welche die Sommersonne absorbierten, noch verstärkt. Wasser zum Kochen und Trinken musste mehrmals am Tag von einer weit entfernten Badestelle am Ufer der Yamunā geholt werden. Zu einer Seite des Tempeleingangs gab es einen Teeladen und zur anderen Seite einen Sweetshop. Vor diesen Läden trafen sich grobe Leute, die die Gottgeweihten belästigten. Wenn die brahmacārīs sich auf dem Dach der Maṭha aufhielten, riefen ihnen die Nachbarn Beleidigungen zu. Verließen oder betraten die Vaiṣṇavas den Tempel, wurden sie von Ladenbesitzern angepöbelt. Śrīla Gurudeva tolerierte all diese Schwierigkeiten. Dreiste Geschäftsleute hatten Lagerräume auf dem Grundstück des Tempels belegt, ohne Miete dafür zu zahlen. Sie wollten die Räume nicht räumen, weigerten sich aber auch, zu zahlen.

Die Śrī Keśavajī Gauḍīya Maṭha glich einer belagerten Burg, die fortgesetzt von Feinden attackiert wurde, die neidisch auf die Gauḍīya-Vaiṣṇavas waren. Im Erdgeschoss des Tempels, in der dharmaśālā, lebten seit vielen Jahren Flüchtlinge aus Pakistan und Bangladesch, die ebenfalls keine Miete zahlten. Als Ācārya Kesarī das Gebäude gekauft hatte, weigerten sich die Besetzer, es zu verlassen. Sie lebten dort mit ihren Kindern und wollten von den Gottgeweihten nichts wissen. Wann immer Gurudeva oder die Gottgeweihten den Tempel betraten oder verließen, wurden sie von den Flüchtlingen drangsaliert. Besonders ihre Kinder attackierten die Geweihten mit Vorliebe. Man kann sich kaum vorstellen, wieviel Unfug sie trieben. Wenn die Geweihten im Tempelraum kīrtana sangen, kamen die Flüchtlinge herauf und riefen: „Dieses Haus gehört uns. Ihr stört uns mit eurem wilden Getanze und Gesinge.  Geht in den Dschungel, wo ihr hingehört!“

Als das Problem mit den Flüchtlingen sich weiter verschlimmerte, ging Gurudeva vor Gericht. Dort aber fragte ihn der Richter: „Warum ziehen sādhus vor Gericht?“

In jenen Tagen war die Öffentlichkeit verwirrt und ohne Verständnis von spirituellem Leben. Viele Pseudospiritualisten lehrten nicht Hingabe zu Bhagavān, sondern predigten falsche Philosophien und frönten zugleich dem Sinnengenuss. Vielen Leuten waren deshalb diese Sünder im Gewand von Heiligen ein Dorn im Auge. Jedoch waren sie nicht in der Lage, das Reine vom Unreinen zu unterscheiden und hielten deshalb jeden Sādhu für einen Heuchler und Betrüger.

Śrīla Gurudeva antwortete: „Ist das Gericht nur für Kriminelle da? Für wen gibt es ein Gericht? Bekommen Rechtschaffene kein Recht?“

Der Richter entgegnete: „Sādhus sollen allem entsagen. Warum kümmern Sie sich um Besitz? Warum leben Sie nicht im Wald und predigen zu den Tieren? Warum gehen Sie zum Gericht?“

„Wilde Tiere sind nicht so gewalttätig“, antwortete Śrīla Gurudeva. „Es ist nicht schwierig, im Wald mit Tieren zu leben und ihr Wesen durch Liebe zu wandeln. In Städten und Dörfern können Menschen noch hartherziger sein als Tiere, deswegen ist es notwendig, sie zu ändern. Sādhus eröffnen Tempel nur, um den Menschen zu helfen. Sie als Richter vertreten das Recht. Wenn Sie die Sādhus unterstützen, handeln sie gerecht und tun den Menschen Gutes, wenn Sie aber Diebe und Halunken unterstützen, tragen sie zur Zerstörung der Welt bei. Wofür entscheiden Sie sich?“

Der Richter wurde still. Śrīla Gurudeva wusste sich stets durchzusetzen, niemand konnte ihm über den Mund fahren.

Nach kurzem Schweigen stimmte der Richter zu: „Ich werde Ihnen helfen. Ich sehe jetzt, dass Sie authentisch sind. Ich hatte Sie nur getestet, um herauszufinden, ob sie ein echter Sādhu sind.“ Der Richter half Śrīla Gurudeva und die Probleme wurden allmählich weniger. Dennoch sollte es noch Jahre dauern, bis sie ganz verschwanden. In Jawahar Hatta in Mathurā hatte die Stadtverwaltung Wohnungen eingerichtet, die für Flüchtlinge gemietet werden konnten. Śrīla Gurudeva gab schließlich Tempelgeld aus und mietete Räume für die Flüchtlinge an, damit in der Maṭha Ruhe einkehrte.

Śrīla Gurudeva dachte sich: „Wie kann ich einen Platz schaffen, der für gurusevā geeignet ist?“ Selbst die Polizei war herausfordernd und fortwährend auf Streit aus. Trotz dieser Schwierigkeiten aber führte Śrīla Gurudeva seine Dienste gewissenhaft weiter aus. Er übersetzte, editierte und druckte Bücher, sprach harikathā und predigte. Er ließ nichts seinen Dienst beeinträchtigen.

Nur die Trennung von Ācārya Kesarī bedrückte Śrīla Gurudeva in Mathurā. Er fühlte sich unwürdig und gefallen und betete um Ācāryadevas Barmherzigkeit. Ein echter Gottgeweihte denkt: „Ich bin gänzlich unqualifiziert. Ich lebe von der Hoffnung, eines Tages die Barmherzigkeit meines spirituellen Meisters zu empfangen. Durch großes Glück nahm Śrī Guru mich an und gab mir die Gelegenheit, den höchsten Schatz reiner Liebe zu empfangen.“

Śrīla Gurudeva hatte Ācārya Kesarī gefragt, mit wem er Gemeinschaft pflegen sollte, während er in Mathurā lebte. Ācārya Kesarī hatte geantwortet: „Yamunā Devī ist ein großer Sādhu. Aus der ganzen Welt kommen Leute, um in ihr zu baden, drei Nächte in Mathurā zu verbringen, von Sünden frei zu werden und haribhakti zu erlangen. Geh für gute Gemeinschaft oder bei Zweifeln oder Hindernissen zu Yamunā Devī. Sie wird dir helfen, die Schwierigkeiten zu überkommen.

Gurudeva begann, jeden Tag die Yamunā zu besuchen. Täglich stand er um 3 Uhr morgens auf, chantete in der morgendlicher Stille seine guru-mantras, sannyāsa-mantras und den Mahā-Mantra. Um 4:30 Uhr nahm er an der Maṅgala-Ārati teil. Danach chantete er weiter, bis er 64 Runden des Mahā-Mantras auf seiner tulasī-Gebetskette aus 108 Perlen beendet hatte, und ging dann für ein Bad zur Yamunā. Nach Ende der Verehrung der Bildgestalten um 7:30 Uhr ehrte er das Wasser, mit dem die Bildgestalten gebadet worden waren und nahm dann etwas mahā-prasāda zu sich. Der restliche Tag war angefüllt mit hingebungsvollen Tätigkeiten wie harikathā, kīrtana und bṛhadmṛdaṅgasevā, dem Publizieren und Verbreiten spiritueller Literatur.

Keśavjī Gauḍīyā Maṭha 2009

Jeden Januar reiste Śrīla Gurudeva nach Kalkutta, Barampura, Hoogli, Bardhaman und anderen Städten in Bengalen, um die Botschaft reiner bhakti zu teilen. Dabei sammelte er Spenden für den Dienst, Tausende Pilger beim Navadvīpa-Dhāma-Parikramā zu verköstigen. In jedem Laden und Haus bat er um ein paar Rupien als Spende. Er behielt nichts von dem Gesammelten für sich, sondern gab zu Beginn des Parikramā alles Ācārya Kesarī. Śrīla Gurudeva diente seinem spirituellen Meister mit uneingeschränkter Hingabe und Demut.

Śrī Guru und die Vaiṣṇavas verkörpern als bhakta-bhāgavatas die Schriften. Sobald man dem echten spirituellen Meister dient, erfährt man ohne große Mühe spirituelle Verwirklichungen. Obwohl unzählige Bücher spirituelle Themen beschreiben, können Bücher allein nicht zur Erleuchtung führen. Transzendentales Wissen erwacht erst dann, wenn der Praktizierende die Unterweisungen ernsthaft in seinem Leben anwendet. Das Herz Śrī Gurus und der Vaiṣṇavas ist ein Reservoir göttlichen Nektars. Diesen Schatz lassen sie denen zuteilwerden, die eine aufrichtige dienende Haltung zeigen.

Jedes Jahr nach dem Navadvīpa-Parikramā kehrte Śrīla Gurudeva nach Mathurā zurück. In den frühen Jahren lebten nur wenige Gottgeweihte im Mathurā-Tempel. Wegen der schwierigen Umstände wollte niemand dortbleiben. Neun von zehn brahmacārīs, die dahin geschickt wurden, reisten aus Mathurā wieder zu anderen Tempeln ab. Diejenigen aber, die blieben, waren standhafte und charakterfeste Persönlichkeiten mit einem aufrichtigen Wunsch nach hari-bhajana. Es gab im Tempel in Mathurā keine Deckenventilatoren und kein Licht. Das Wasser war salzig und ungesund. Der Tempel besaß auch keine Wasserpumpe. Zum Baden und Waschen schöpften die brahmacārīs das salzige Wasser aus einem Brunnen. Das Essen war knapp; Reis, Dāl, Früchte und Milch waren unbezahlbar. Die brahmacārīs sammelten weggeworfenes Gemüse vom Markt und erbaten kleine Mengen Weizenmehl von den Bewohnern und Ladenbesitzern. Von diesen Almosen lebten sie.

Neuankömmlinge sagten mitunter, sie fühlten sich, als seien sie im Gefängnis gelandet. Der Tempel wurde als eine Art Erziehungsanstalt angesehen, in die indolente brahmacārīs geschickt wurden, um den Pfad der Entsagung wertschätzen zu lernen. Śrīla Gurudeva war streng mit den brahmacārīs, er duldete kein Fehlverhalten. Wer sich danebenbenahm, wurde unweigerlich getadelt. Die brahmacārīs durften den Tempel nur aus triftigen Gründen verlassen. Morgens gingen sie paarweise Spenden sammeln und den Rest des Tages verbrachten sie im Tempel. Gurudeva erlaubte ihnen nicht, sich im Erdgeschoss in der dharmaśālā oder oben auf dem Dach aufzuhalten, wo sich auf allen Seiten māyā präsentierte. Das Leben eines brahmacārīs gleicht einem Seiltanz: jeder Fehler oder jede Nachlässigkeit kann dazu führen, dass er von seinen Gelübden abfällt.

Doch so strikt Śrīla Gurudeva mit seinen brahmacārīs auch war, noch viel größer war seine Fürsorge und Zuneigung zu ihnen. Durch die spirituelle Kraft, die von Śrīla Gurudeva ausging, und indem sie fortgesetzt hari-kathā und kīrtana von ihm hörten, vergaßen sie die Entbehrungen des Lebens in Mathurā. Śrīla Gurudeva konnte immer den Puls des Tempels spüren; er wusste zu jeder Zeit, was jeder tat. Er fragte seine brahmacārīs liebevoll: „Hast du deine Runden heute gechantet?“ Und wenn jemand krank wurde, kümmerte sich Gurudeva persönlich so lange um ihn, bis er wieder zu Kräften kam.

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