Achtzehntes Kapitel

Von reiner Liebe erfüllt

In den Monaten vor Beginn des Navadvīpa-Dhāma-Parikramās predigte Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja in Bengalen und lud die Einwohner der Dörfer dazu ein. Er bezahlte sogar die Zugfahrkarten vieler armer Leute, die es sich sonst nicht leisten konnte, zu kommen. Während er unterwegs war, übertrug er Narahari Prabhu, in den er volles Vertrauen hatte, die Leitung der Devānanda Gauḍīya Maṭha.

Am Erscheinungstag Śrī Nityānanda Prabhus, dem 3. Februar 1947,  kehrte Ācāryadeva mit den gesammelten Spenden seiner Bengalen-Predigerreise in die Devānanda Gauḍīya Maṭha zurück. Ācāryadeva gab alle Geld- und Sachspenden zu Narahari Prabhu und bat ihn: „Bitte bringe dies Prabhupāda dar. Für mich bist du nicht verschieden von ihm. Du bist seine Erweiterung, um mich zu beschützen.

Obwohl Narahari Prabhu älter als Śrīla Gurudeva war und länger im Tempel wohnte, diente Narahari Prabhu Gurudeva mit Liebe und Zuneigung, als dieser vom Predigen mit Ācāryadeva zurückkam. Narahari Prabhu reichte seinem Gottbruder mahā-prasāda und Wasser und fächelte ihm Luft zu, während er aß.

Am glückverheißenden Erscheinungstag Śrī Nityānanda Prabhus fastete Śrīla Gurudeva zusammen mit den anderen Tempelbewohnern bis zum Abend, doch sie spürten keine Erschöpfung, denn von Ācārya Kesarī über die nektargleichen Herrlichkeiten Śrī Nityānanda Prabhus zu hören, war wie ein belebender Trunk, der sie alle Müdigkeit vergessen ließ.

Śrī Kṛṣṇa erschien als Caitanya Mahāprabhu mit der Gemütsstimmung und der Körpertönung Śrīmatī Rādhārāṇīs in der materiellen Welt, um die höchste göttliche Liebe zu verteilen. Jedoch können bedingte Seelen diese nicht kosten, weil sie winzig klein sind und der materiellen Verunreinigung unterliegen. In der Śvetāśvatara Upaniad (5.9) heißt es: „Wenn man eine Haarspitze in hundert Teile teilt und einen dieser Teile wiederum in hundert Teile, dann entspricht ein solches Teilchen der Größe der spirituellen Seele“. Die winzig kleinen Seelen, die sich von Kṛṣṇa abwenden, werden von einer entstellten Natur bedeckt und in grobe und subtile Körper gesperrt. Leben für Leben, seit unvordenklichen Zeiten, kosten sie die Freuden der Sinne und vertiefen sich in illusorische Liebe zu ihren zeitweiligen Freunden und Verwandten. Ohne die Barmherzigkeit Baladeva Prabhus verfügen sie nicht über die Kraft, ihre wahre Identität zu erwecken. Und ohne zu wissen, wer sie wirklich sind, können sie die Liebe, die Caitanya Mahāprabhu ihnen schenken will, nicht annehmen. Deswegen erschien Kṛṣṇas Bruder Baladeva Prabhu, der die Grundlage aller Existenz ist, als Śrī Nityānanda, noch bevor Kṛṣṇa als Śrī Caitanya Mahāprabhu kam. Nityānanda Prabhu verhilft den Menschen zu ihrer spirituellen Identität und gibt ihnen damit ein Gefäß, mit dem sie das göttliche Geschenk Mahāprabhus empfangen können. Jeder kann bei Nityānanda Prabhu Zuflucht finden, indem er einen echten spirituellen Meister annimmt, denn Śrī Nityānanda Prabhu ist der Ursprung aller spirituellen Meister.

Der kīrtana an Śrī Nityānanda Prabhus Erscheinungstag hielt bis spät in die Nacht an. Ācārya Kesarī und die Gottgeweihten tanzten jubelnd, während sie über Gaura-Nitāis Namen und Ruhm sangen. Sie wurden so freudetrunken im sakīrtana-rasa, dass sie sich nicht bewusst waren, wie die Zeit verflog. Das wunderbare Geschehen begeisterte Śrīla Gurudeva, so dass er sich mit großer Ehrfurcht den Staub von dem Boden, auf dem die Vaiṣṇavas unter den tosenden Rufen von „Nitāi-Gaurāṅga, Jaya Nitāi-Gaurāṅga!“ in die Luft sprangen, auf seinen Körper strich. Gurudeva betete zum Dhāmeśvara Nityānanda Prabhu, der den Heiligen Dhāma offenbart, ihm einen Anblick vom spirituellen Reich zu gewähren. Da erschaute Gurudeva in Ehrfurcht eine Vision des transzendentalen Navadvīpas, die sich vor seinen Augen offenbarte. Er sah die beiden großherzigen Herren, Gaurāṅga und Nityānanda, die strahlend wie tausend gleichzeitig aufgehende Sonnen und Monde mit unzähligen leuchteten Gefährten an den sandigen Ufern der Gaṅgā tanzten, welche golden unter dem smaragdenen Blätterdach der Wunschbäumen schimmerte. Die Halbgötter schauten gebannt aus ihren Juwelenpalästen und verehrten die beiden goldenen Herren mit Gebeten.

Die Schönheit Navadvīpas faszinierte Gurudeva. Nach dem Kīrtana, als Gurudeva die Füße Ācārya Kesarīs massierte, sagte er: „Heute Abend hatte ich dank deiner Gnade, die das Unmögliche möglich machen kann, eine Vision des transzendentalen Navadvīpa-Dhāmas.“

„Nityānanda Prabhu hat Navadvīpa-Dhāma in deinem Herzen offenbart, weil du Vertrauen besitzt“, antwortete Ācāryadeva. „Als Existenzenergie erweitert sich Nityānanda Prabhu in die materiellen und spirituellen Bereiche. Insbesondere manifestiert er sich als Śrī Navadvīpa und Er gibt denen, die ernsthaft und mit Vertrauen sādhana praktizieren, die spirituellen Augen, dieses ewige Reich zu sehen.“

Seit er ihn das erste Mal getroffen hatte, wünschte sich Śrīla Gurudeva, von Śrīla Keśava Gosvāmī Mahārāja eingeweiht zu werden. Jetzt äußerte Gurudeva seinen Wunsch: „Mahārāja, bitte nimm mich als deinen Schüler an und weihe mich in die die dīkṣā-Mantras ein.“

„Wie kann ich dich annehmen oder ablehnen?“, sagte Ācārya Kesarī, „du gehörst mir bereits. Wie kannst du mir jemals fern sein?“

„Dann wirst du mich einweihen?“

„Ich werde dich zum kommenden Gaura-Pūrṇimā-Fest einweihen.“

Gurudeva fühlte sich zufrieden und gesegnet. Er fuhr fort mit seinem Dienst. Diese Nacht träumte er von Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākura und seinem geliebten Schüler Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja. Er verwirklichte, dass beide sehr enge Gefährten Caitanya Mahāprabhus waren, und er legte das Gelübde ab, mit ganzem Herzen ihrer Mission zu dienen.

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