Kṛṣṇa, der Sohn Nandas und Yaśodās

Um Ācārya Kesarī zu erfreuen, blieb Śrīla Guru­deva in Mathurā. Er sprach im Tempel hari-kathā und erläu­terte das Śrīmad Bhāga­vatam. Einige bekannte Ein­wohner Mathurās begannen regel­mäßig zu kommen und fassten Ver­trauen. Sie waren vor allem von Śrīla Guru­devas Erläu­te­rungen über die inneren Bedeu­tungen der Spiele Kṛṣṇas im Zehnten Canto angetan, vom Ruhm Vrajas und von der ein­zig­ar­tigen Gele­gen­heit, sich an Vraja zu erin­nern, wäh­rend man in Mathurā lebt. Śrīla Guru­deva führte Belege aus dem Śrīmad-Bhāgavatam und anderen vedi­schen Schriften an und bewies so, dass Vrajendra-Nandana Kṛṣṇa die ursprüng­liche Form der Abso­luten Wahr­heit ist. Im Śrīmad Bhāga­vatam (10.5.1–2) beschreibt Śrīla Śuka­deva Gos­vāmī: nandas tv ātmaja utpanne ‒ „Nanda Mahārājas Sohn wurde geboren“, und jāta-karmātmajasya vai ‒ „die Geburts­ze­re­monie für Baby-Kṛṣṇa wurde durch­ge­führt“.

Jāta-karma bezieht sich auf Zere­mo­nien nach der Geburt eines Kindes, ins­be­son­dere auf das Abtrennen der Nabel­schnur. Śuka­deva Gos­vāmī hätte nicht davon gespro­chen, wenn Vasu­deva Mahārāja nur das kleine Baby Kṛṣṇa aus Mathurā gebracht und die Tochter Yaśodās mit­ge­nommen hätte. Śuka­deva Gos­vāmī sagte: „Nanda Mahārāja war von Natur aus sehr groß­mütig. Als Śrī Kṛṣṇa als sein Sohn geboren wurde, war er von Freude über­wäl­tigt. Nach dem Baden, Läu­tern und Ankleiden des Babys, lud er Brāh­maṇas ein, glück­brin­gende vedi­sche Man­tras zu chanten. Danach ließ er eine vedi­sche Geburts­ze­re­monie nach den vor­ge­schrie­benen Regeln durch­führen und ver­ehrte die Halb­götter und Vor­fahren.“

Das Bhāga­vatam belegt, dass Kṛṣṇa direkt aus dem Leib Yaśodā Mātās in Gokula geboren wurde, gleich­zeitig aber auch als Nārāyaṇa in Kaṁsas Kerker in Mathurā vor Devakī und Vasu­deva erschien. In Mathurā mani­fe­stierte Kṛṣṇa sich ohne Flöte und ohne Pfau­en­feder. Wenn der Herr mit all seinem Schmuck und vier Händen, die Waffen tragen, erscheint, wie dies in Mathurā der Fall war, wird Er als Nārāyaṇa-Tattva ange­sehen.

Nachdem Kṛṣṇa erschienen war, ver­wan­delte Er sich auf Wunsch Vasu­devas und Devakīs in einen Säug­ling und wies Vasu­deva an, Ihn nach Gokula zu bringen und mit Yoga­māyā aus­zu­tau­schen. Vasu­deva brachte Mathurā-Kṛṣṇa nach Vraja. Dort ging dieser in den tran­szen­den­talen Körper des ursprüng­li­chen Kṛṣṇas ein, der aus dem Leib Mutter Yaśodās geboren worden war. Nachdem Vasu­deva Kṛṣṇa nach Vraja gebracht hatte, ging er mit Yoga­māyā den gefähr­li­chen Weg zurück nach Mathurā. Als Kaṁsa erfuhr, dass ein Kind geboren worden war, wollte er Yoga­māyā auf einem Stein zer­schmet­tern. Doch sie ent­schlüpfte seinen Händen und erhob sich in die Luft. Sie nahm die Gestalt der Göttin Durgā an, mit acht Waffen in ihren acht Händen. Śuka­deva Gos­vāmī beschrieb sie als adṛśya­tā­nujā viṣṇoḥ (Śrīmad Bhāga­vatam 10.4.9). Anujā viṣṇoḥ bedeutet: „die jün­gere Schwe­ster Viṣṇus.“

Das bedeutet, dass Kṛṣṇa aus dem Schoß Yaśodās geboren worden sein musste, denn Vasu­deva brachte Yoga­māyā aus Gokula – aus dem Bett Yaśodās. Warum sonst sollte Śrīla Śuka­deva Gos­vāmī sagen: adṛśya­tā­nujā viṣṇoḥ? Wie sonst konnte er Yoga­māyā als anujā bezeichnen: als jün­gere Schwe­ster des Herrn? Es ist somit klar, dass sie in Gokula geboren wurde und Vasu­deva sie nach Mathurā brachte. Als Kaṁsa ver­suchte, sie zu töten, gab sie ihm einen Tritt vor den Kopf und rief: „Kaṁsa, du Narr! Wel­chen Sinn hat es, zu ver­su­chen, mich zu töten? Dein Feind wurde wo anders geboren!“ Als Yoga­māyā Kaṁsas Händen ent­schlüpfte, sagte sie nicht, dass Kṛṣṇa in Mathurā geboren wurde. Sie sagte: „Dein Tod ist woan­ders geboren (Śrīmad-Bhāgavatam 10.4.12).“ Aus den Schriften geht daher klar hervor, dass Nanda-Nandana Kṛṣṇa in Gokula zusammen mit Seiner jün­geren Schwe­ster Yoga­māyā geboren wurde. Nach Kṛṣṇas Geburt in Vraja wurde seine Nabel­schnur abge­schnitten und die Brāh­maṇas führten die obli­ga­to­ri­schen vedi­schen Rituale durch. Nārada besuchte Kaṁsa und sprach zu ihm: „Der­je­nige, der dich töten wird, ist an einem anderen Ort geboren. Du aber sitzt hier, ohne etwas zu unter­nehmen! Kannst du dich nicht mehr daran erin­nern, was deine Fami­li­en­göttin, Durgā, gesagt hat?

Im Śrīmad-Bhāgavatam (10.14.1) betet Śrī Brahmā zu Śrī Kṛṣṇa, der als paśupāṅga­jāya bezeichnet wird. Aṅga-jāya heißt „dem Sohn“ und paśu-pa heißt „des Kuh­hirten“. Hier betet Brahmā zu Kṛṣṇa, dem Sohn Nandas, des ober­sten Kuh­hirten in Vraja. Brahmā betete auf viele Weise zu Kṛṣṇa, aber Kṛṣṇa war nicht erfreut. Dar­aufhin begann Brahmā die Ein­wohner Vrajas zu ver­herr­li­chen ‒ erst dann war Kṛṣṇa zufrieden. In Vraja ist Kṛṣṇa līlā-puruṣottama, der uner­reichte Genießer süßer und lie­be­voller Spiele mit den Vra­ja­vāsīs. In Mathurā dagegen ist Er nārāyaṇa-tattva, der Gebieter über allen Reichtum und alle Macht. In der Gopī-Gīta (Śrīmad-Bhāgavatam 10.31.1) beten Mäd­chen von Vraja zu Śrī Kṛṣṇa: „jayati te ‘dhikaṁ jan­manā vrajaḥ ‒ Oh Geliebter, Deine Geburt in Vraja macht dieses Land über alle Maßen glor­reich“.

Trotz aller Beweise, dass Kṛṣṇa in Wahr­heit in Gokula und nicht in Mathurā geboren wurde, glauben die Bewohner Mathurās, dass er in Mathurā geboren wurde und danach von Vasu­deva nach Gokula gebracht wurde, wo Nanda Mahārāja Ihn in den ersten Jahren Seines Lebens aufzog. Ein Haupt­ziel wäh­rend Śrīla Guru­devas frühem Pre­digen in Mathurā war, diese fal­schen Vor­stel­lungen zu besei­tigen. Zu diesem Zweck hatte ihn Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja dorthin geschickt.

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