Anzei­chen von Hin­gabe

In Tulasi Dāsas Śrī Rāma‐Carita‐Mānasa heißt es: honahāra vīravān ke hote haiṅ cikna paṭ: „So wie die Blät­tern eines Spröss­lings den spä­teren Baum erkennen lassen, so weist der Cha­rakter eines Kindes auf seine Zukunft hin.“

Schon bevor er sich auf den Bauch drehen konnte, pflegte Śrīman Nārāyaṇa in den Armen seiner Mutter den Erzäh­lungen des Rāmāyaṇa zu lau­schen. Mit sechs Monaten besuchte er, fröh­lich auf den Schul­tern seines Vaters oder Groß­va­ters rei­tend, reli­giöse Ver­an­stal­tungen. Wenn Vater oder Groß­vater schon gehen wollten, bevor der Vor­trag zu Ende war, weinte er laut, bis sie sich ent­schieden, zu bleiben. Als Kind saß Śrīla Guru­deva gebannt beim hari‐kathā und zeigte keine Anzei­chen von Hunger oder Durst. Sobald er unter den Zuhö­rern saß, war seine Gegen­wart deut­lich spürbar, und jeder, der ihn ansah, emp­fand Glück im Herzen.

Als Śrīla Guru­deva sieben Monate alt war, fiel den Eltern auf, dass der Junge immer dann zu weinen begann, wenn sie ihn mit gewöhn­li­chem Wasser baden wollten, und dass es ihn schau­derte, es zu berühren. Badeten sie ihn dagegen mit Wasser aus der nahe­ge­le­genen Gaṅgā, war er zufrieden und lachte. Er war eigen­sinnig und aß nichts ‒ ganz gleich wie ver­füh­re­risch ‒ solange es kein pras­ādam war, und auch nur, wenn ihm seine Familie zuvor caraṇāmṛta von der mor­gend­li­chen Lakṣmī‐Nārāyaṇa‐ und Śālagrāma‐Verehrung zu trinken gegeben hatten.

Sobald sein Sohn spre­chen lernte, nahm Paṇḍita Tiwārī ihn auf seinen Schoß und lehrte ihn Verse aus der Bhagavad‐Gītā, so wie Kinder das ABC von ihrem Lehrer lernen. Lie­be­voll unter­wies er ihn: „Wenn du die Verse der Gītā lernst, kommt Kṛṣṇa in dein Herz. Kṛṣṇas Anwei­sungen sind Seine große Barm­her­zig­keit, sein mahā‐prasāda. Jemand, der sein Leben zum Erfolg führen will, wird die Bhagavad‐Gītā lesen und sich die Verse ein­prägen. Wo Kṛṣṇa und Seine hei­ligen Worte geachtet werden, gibt es kein Leid, keine Krank­heit und keine Illu­sion. Nimm dir diese Verse zu Herzen und beschütze so unsere Familie.“

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Unter Anlei­tung seines Vaters lernte Śrīla Guru­deva rasch viele Verse der Bhagavad‐Gītā und des Śrīmad Bhāga­va­tams aus­wendig. Jeden Morgen bei Tages­an­bruch stu­dierte er die Bhagavad‐Gītā und ging dann mit seinem Vater zur Gaṅgā, wo sie den hei­ligen Fluss mit Räu­cher­stäb­chen, Ghee­lämp­chen und Blumen ver­ehrten. Anschlie­ßend badeten sie und brachten ihren Ahnen Opfe­rungen dar. Auf dem Hin‐ und Rückweg rezi­tierten Vater und Sohn die Bhagavad‐Gītā. Zuhause ange­kommen, gab ihm die Mutter caraṇāmṛta und ser­vierte ihm pras­ādam von Śrī Lakṣmī‐Nārāyaṇa, den Bild­ge­stalten der Familie.

Mit fünf Jahren wurde Śrīla Guru­deva ein­ge­schult. Die Kinder aus seinem Dorf sahen ihn intuitiv als ihr Vor­bild an und trafen sich gern bei seinem Haus, um ihn zur Schule zu begleiten. Sogar Jungen aus dem Nach­bar­dorf schlossen sich an. Guru­devas Eltern ver­teilten caraṇāmṛta und prasāda an die Kinder, und dann nahm Guru­deva sie mit zur Schule in das neun Kilo­meter ent­fernte Dorf Dal­sāgara. Der Pfad führte durch Wald und Felder, wel­cher zur Regen­zeit über­schwemmt und nur schwer begehbar waren. Die schlichte Grund­schule in Dal­sāgara bestand aus nur einem Raum, näm­lich dem Leh­rer­zimmer, und einem kleinen Schuppen, in dem Schul­ma­te­rial auf­be­wahrt wurde. Unter­richtet wurde unter einem großen Baum. Guru­deva hatte von seinem Vater einen Pfau­en­fe­der­kiel und selbst­ge­machte Tinte bekommen. Stifte waren selten in jenen Tagen und nur Kinder aus wohl­ha­benden Fami­lien besaßen einen.

Als der Lehrer zum Unter­richt kam, bemerkte er, dass Guru­deva die Jungen darin anlei­tete, die Schriften zu rezi­tieren. „Warum übt ihr nicht eure Auf­gaben?“, tadelte er. „Was werdet ihr lernen, wenn ihr nur das Rāmāyaṇa auf­sagt?“

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Śrī Rāma wird uns gutes Auf­fas­sungs­ver­mögen ver­leihen“, erwi­derte Guru­deva, „und dann wird es uns leicht­fallen, unsere Auf­gaben zu lernen. Wie können wir sonst lernen? Sie sind vierzig oder fünfzig Jahre alt und wir gerade fünf. Wie können wir Ihnen folgen? Sie sind uns so weit voraus, aber mit der Hilfe Śrī Rāmas werden wir Ihren Unter­richt ver­stehen können.“

Ja, Rāma wird euch helfen“, gab der Lehrer ver­blüfft zu. Nach kurzem Über­legen sagte er dann: „Gut, wir werden gemeinsam beten. So wird es euch viel­leicht leichter fallen, dem Unter­richt zu folgen.“ Fortan rezi­tierten Lehrer und Schüler jeden Morgen vor dem Unter­richt ein Kapitel des Rāmāyaṇa und ein Kapitel der Bhagavat‐Gītā. In der Pause sagte Guru­deva Verse auf, die er aus­wendig gelernt hatte, und inspi­rierte andere, es ihm gleich­zutun. Durch Guru­devas Ein­fluss änderte sich die Schule. Seine Mit­schüler ach­teten ihn als ihr Vor­bild, und bald wurde er zum Klas­sen­spre­cher ernannt. Nach dem Unter­richt beglei­teten ihn die Jungen aus­ge­lassen nach Hause.

Wieder zuhause schaute Guru­deva zu, wie sein Vater und seine Mutter ihren Bild­ge­stalten dienten und nahm an der Abend‐ārati teil. Nach den Regeln der brāh­maṇas darf nie­mand die Bild­ge­stalten ver­ehren und für sie kochen, der nicht for­mell ein­ge­weiht ist. Des­halb schaute Śrīla Guru­deva nur zu, wie seine Eltern den Herrn ver­ehrten. Anschlie­ßend hörte er zu, wie sein Vater hari‐kathā zu den Dorf­be­woh­nern sprach, nahm dann das prasāda der Bild­ge­stalten zu sich und legte sich schließ­lich zur Nacht schlafen.

Mit der Zeit besuchten mehr und mehr Leute das Haus der Tiwaris. Oft machten sie Bemer­kungen wie: „Etwas ist beson­ders in diesem Haus. Wenn wir hier kīr­tana singen, tanzt unser Herz.“ Ohne Ein­la­dung kamen sie und brachten Geschenke wie Reis, Weizen, Früchte oder Blumen und fühlten sich, als hätten sie einen Tempel Gottes betreten.

Wir sind gṛhasthas“, sagten Guru­devas Eltern, „Spenden anzu­nehmen ist nicht ange­bracht für uns.“

Śrīla Guru­deva wider­sprach: „Es ist doch gut, wenn jeder Bha­gavān dienen möchte. Bitte nehmt ihre Geschenke an und bringt sie Lakṣmī‐Nārāyaṇa dar. Dann könnt ihr mahā‐prasāda an alle ver­teilen.“ Sein Vater und Groß­vater begannen dar­aufhin, vielen Men­schen täg­lich mahā‐prasāda zu ser­vieren. Guru­deva genoss es, zu sehen, wie den sādhus in seinem Haus Unter­kunft gewährt und prasāda ange­boten wurde.

Mor­gens schaute Guru­deva zu, wie Rehe, Papa­geien, Eich­hörn­chen, Tauben und andere Tiere zu seinem Haus kamen, Gras oder Körner fraßen und dann wieder ver­schwanden. Fas­zi­niert lief er ihnen hin­terher und rief: „Wo wollt ihr hin? Warum bleibt ihr nicht?“

Er fragte seinen Groß­vater: „Warum kommen die Tiere nur kurz und ver­lassen uns dann wieder?“

Sie wollen dorthin, wo sie geliebt werden“, ant­wor­tete Dhyā­nacānda Tiwārī, „zu ihren Freunden und ihrer Familie.“

All­abend­lich, wenn sich die Dorf­be­wohner und Gäste im Hof der Tiwaris ein­fanden, um Paṇḍi­tajīs Vor­träge zu hören, setzte sich auch Guru­deva dazu und hörte zu. Schon von klein auf wurde ihm bei­gebracht, den Vaiṣṇavas und brāh­maṇas Ehre zu erweisen, und diese wie­derum seg­neten ihn, dass ihm im Leben Glück beschieden sein möge. Intuitiv ange­zogen von Śrīla Guru­deva, scharten sich die Dorf­be­wohner um ihn und ent­wickelten all­mäh­lich eine hin­ge­bungs­volle Natur und einen guten Cha­rakter.  Der­ge­stalt ist die Kraft hei­liger Per­sön­lich­keiten.

Nach dem Abend­pro­gramm gingen die Gäste nach Hause. Eines Tages fragte Śrīla Guru­deva seinen Groß­vater: „Wes­halb bleiben die Leute nicht bei uns?“ „Es ist nicht mög­lich, dass sie immer hier­bleiben“, erklärte sein Groß­vater geduldig.

Wo gehen sie hin?“ fragte Guru­deva.

Sie gehen zurück nach Haus zu ihren Fami­lien“, ant­wor­tete der Groß­vater, „denn dort zieht es ihr Herz hin.“

Aber mögen sie uns nicht?“

Doch, aber das ist die Natur von Gottes Schöp­fung. Jeder hat die größte Zunei­gung zu denen, zu denen er eine direkte Bezie­hung hat.“ „Wer ist Gott?“ fragte Guru­deva.

Śrī Rāma ist Gott.“

Wenn wir Śrī Rāma lieben, wird Er uns dann nie ver­lassen? Und werden wir Ihn nie ver­lassen?“

Hanumānjī besaß viel Liebe zu Rāma, des­halb ver­ließ Rāma ihn nie, und er ver­ließ nie Rāma.“

Ich möchte Sri Rāma so lieben wie Hanumān“, sagte Guru­deva. „Wenn ich Rāma wahr­haft liebe, dann wird Er kommen und mich nie ver­lassen. Alle anderen, die hier­her­kommen, gehen wieder.“

Deine Familie ist hier“, beru­higte ihn sein Groß­vater, „warum sorgst du dich um andere?“

Aber alle gehen fort und wohnen für sich.“

Schon als Kind war Śrīla Guru­devas Anzie­hung zu Gott offen­sicht­lich. Er stellte seinen Eltern Fragen wie: „Wie können wir eine lie­be­volle Bezie­hung zu Gott auf­bauen, so dass er uns nie ver­lassen wird?“ Er ver­stand die flüch­tige Natur welt­li­cher Bezie­hungen und schwor sich: „Eines Tages werde ich jeden die Bedeu­tung wahrer Liebe lehren. Reine Liebe gibt es nicht in dieser Welt. Die Men­schen suchen in allen Wesen und allen Dingen danach, aber sie können keine dau­er­hafte Liebe finden, denn alles hier ist ver­gäng­lich. Des­halb bleiben sie uner­füllt.“

Er hatte von seinem Vater gehört, dass jemand, der Gott liebt, zugleich auch Liebe für alle Lebe­wesen emp­findet, dass das Herz derer ohne Liebe zu Gott dagegen hart und kalt ist. Mit diesem Maß­stab prüfte er den Cha­rakter eines jeden, den er traf, und dachte: „Wann werde ich einen reinen Geweihten des Herrn treffen?“

Auf der Suche nach sol­chen Geweihten besuchte er Ver­an­stal­tungen, in denen das Rāmāyaṇa, das Śrīmad Bhāga­vatam und andere Schriften vor­ge­tragen wurden. Alle Ein­woh­nern Tiwārīpuras ver­ehrten Śrī Rāma, und ganz­tä­gige Rezi­ta­tionen seiner Spiele im ört­li­chen Tempel waren keine Sel­ten­heit. In diesem Tempel gab es auf dem Haupt­altar Bild­ge­stalten von Rāma, Sītā und Lakṣ­maṇa, wie auch von Rādhā‐Kṛṣṇa und Bāla Gopāla. Auch einer Bild­ge­stalt Hanumāns und einem Śiva‐Liṅga wurden auf dem Tem­pelhof Opfe­rungen dar­ge­bracht. Guru­deva ging bis­weilen mor­gens zu diesem Tempel, hörte den brāh­maṇa-Prie­stern zu, wie sie Vedi­sche Man­tras chan­teten und blieb dann für die Rezi­ta­tion des Rāmāyaṇa. Auch im Vāmanadeva‐Tempel und in den āśramas Nārada Ṛṣis, Vaśiṣṭḥas und Gaurama Ṛṣis wurden des Öfteren reli­giöse Ver­an­stal­tungen orga­ni­siert.

Am Rāma‐Navami‐Tag pflegten die Ein­wohner Tiwārīpuras den ganzen Tag und die ganze Nacht zu fasten, sogar ohne einen Tropfen Wasser, und ohne Unter­bre­chung Tulasī Dāsas Beschrei­bungen über Śrī Rāma zu rezi­tieren. Guru­deva weinte bit­ter­lich, sobald er von ergrei­fenden Spielen Rāmas hörte, wie zum Bei­spiel, als König Daśa­ratha gezwungen war, Rāma zu ver­bannen, und dar­aufhin aus­rief: „Hā Rāma! Hā Rāma! Hā…“, und so sein Leben aus­hauchte. Als er hörte, wie Bha­rata in den Wald kam, um seinen älteren Bruder zurück­zu­holen, rief er: „Wie groß ist die Liebe Bha­ratas!“

Śrīla Guru­deva fragte seinen Groß­vater, Dhyā­nacānda Tiwārī: „Warum fasten wir und chanten das Rāmāyaṇa an Rāmas Geburtstag?“

Wenn wir das tun“, erklärte der Groß­vater, „wird Śrī Rāma erfreut sein und hier erscheinen. Das ist Seine Ver­eh­rung. Gegen­stände dar­zu­bringen, ist nicht die ein­zige Mög­lich­keit, Bha­gavān zu dienen. Solange man sich nicht an Śrī Rāmas Herr­lich­keit erin­nert und sie im Inneren annimmt, wird Rāma nicht in unser Herz kommen und so bleibt unser Bewusst­sein unrein.“

Wes­halb lesen wir es dann nicht jeden Tag?“, wollte Guru­deva wissen. „Dann wird Rāma immer bei uns bleiben.“

Es ist gut, das Rāmāyaṇa jeden Tag zu lesen, aber es ist sehr lang. Wir haben nicht so viel Zeit.“

Warum haben wir keine Zeit?“, fragte Guru­deva weiter. „Gehört nicht all unsere Zeit und unser ganzes Leben Śrī Rāma?“

Doch“, ant­wor­tete sein Groß­vater, „aber es dauert vier­und­zwanzig Stunden, das gesamte Epos zu chanten. Du kannst Tulasī Dāsas Sundara‐Kāṇḍa aus­wendig lernen. Das dauert nicht so lange, ist aber sehr hilf­reich.“ Bald hatte Śrīla Guru­deva den Sundara‐Kāṇḍa aus­wendig gelernt und rezi­tierte ihn zusammen mit den Versen der Bhagavad‐Gītā.

Tags­über erin­nerte sich Śrīla Guru­deva an die Hel­den­taten Śrī Rāmas, und des Nachts pflegte er von Rāmas Spielen wie Seiner Schlacht mit Rāvaṇa zu träumen. Eines Mor­gens hatte er eine Vision, wie Śrī Rāma zusammen mit Sītā­devī, Lakṣ­maṇa und Hanumān auf einem gött­li­chen Schwan vom Himmel her­ab­kamen. Er rannte zu Ihnen und brachte seine aus­ge­streckten Ehr­er­bie­tungen dar. Nachdem Rāma und Sītā­devī ihren geliebten Geweihten gesegnet hatten, stiegen Sie wieder zum Himmel auf und ließen Guru­deva zit­ternd zurück, über­wäl­tigt von tran­szen­den­talem Tren­nungs­schmerz.

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