Einundvierzigstes Kapitel

Sādhu-Saṅga

Jedes Jahr nach Gaura-Pūrṇimā pflegte Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja seine Gottbrüder und die ācāryas der anderen Gauḍīya-Maṭhas aufzusuchen und sie zu ehren. Er besuchte die āśramas Bhaktibhūdeva Śrauti Mahārājas, Bhaktiśrīrūpa Siddhāntī Mahārājas und Bhaktijīvana Janārdana Mahārājas. Die Vaiṣṇavas trafen sich und erwiesen sich gegenseitig Ehre. Sie sprachen über ihre Verwirklichungen, wie sie Mahāprabhu künftig dienen und erfreuen wollten und über ihre nächsten Schritte, Mahāprabhus Bewegung auf der Welt zu verbreiten. Sie kamen zusammen, um an den Stimmungen und Verwirklichungen ihrer Gottgeschwister teilzuhaben, denn obwohl sie alle zur selben Familie Mahāprabhus gehörten, besaß doch jeder sein eigenes Sentiment.

Die heiligen Flüsse wie die Gaṅgā, Yamunā, Godāvarī, Tāpti und Narmadā führen scheinbar dasselbe Wasser, doch in Wahrheit hat jeder Fluss eigene unverwechselbare Eigenschaften. Wenn die Flüsse in den Ozean münden und sich vereinigen, verlieren sie ihren Namen, ihre Stellung und ihre Eigenschaften. Dieses vermischte Wasser heißt dann Ozean. Es ist salzig und nicht trinkbar. In gleicher Weise findet man in einer Glaubensgemeinschaft verschiedene Tempel und Gruppen. Dies ist von Kṛṣṇa selbst so vorgesehen, so wie er auch unterschiedliche heilige Flüsse erschaffen hat. Diese Trennung sorgt dafür, die individuelle Besonderheit und Großartigkeit der einzelnen Gemeinschaft erhalten bleibt.

Ācārya Kesarī nahm sich insbesondere Zeit für ein Treffen mit Pūjyapāda Bhaktirakśaka Śrīdhara Gosvāmī Mahārāja. Er nahm jedes Mal viele Schüler mit sich und fragte seinen Gottbruder-ācārya: „Welchen Nektar hast du in letzter Zeit verteilt? Welche Bücher und Lieder hast du verfasst?“

In dem Jahr, in dem Śrīla Gurudeva, Śrīla Bhaktivedānta Vāmana Mahārāja und Śrīla Bhaktivedānta Trivikrama Mahārāja sannyāsa annahmen, ging Ācārya Kesarī mit ihnen und anderen sannyāsīs und brahmacārīs, um seinen Gottbruder Ehre zu erweisen. Ācārya Kesarī und Pūjyapāda Śrīdhara Mahārāja verneigten sich voreinander, umarmten sich und stellten sich gegenseitig Fragen nach ihrem Wohlergehen.

Ācārya Kesarī stellte seine frischgebackenen sannyāsīs vor. Pūjyapāda Śrīdhara Mahārāja segnete sie und fragte dann Śrīla Bhaktivedānta Vāmana Mahārāja: „Jagad-Guru Śrīla Prabhupāda führte die sannyāsa-Einweihungen in der Gauḍīya-Sampradāya ein. Die śāstra schreibt 108 Namen für sannyāsīs vor. Vāmana ist ein der Hauptnamen. Aber bist du Vāmana Dāsa oder Vāmana Mahārāja? Vāmanadeva verwandelte sich in den riesigen Trivikrama. Ist er nun Trivikrama Dāsa oder Trivikrama Mahārāja? Warum bekommen sannyāsīs den Titel Mahārāja?“

Als er diese Frage hörte, lächelte Ācārya Kesarī. Śrīla Bhaktivedānta Vāmana Mahārāja gab dann eine erhellende und gut durchdachte Antwort. Zuerst sagte er: „Vaiṣṇava Ṭhākura, Sie kennen die Frage und die Antwort. Ich spreche nur auf Ihre Anweisung. Bitte berichtigen Sie mich, wie ein Lehrer seine Schüler berichtigt. Śrī Vāmanadeva begab sich zum König der Dämonen, Bali Mahārāja, und bat ihn zum Wohl der Halbgötter um seine guru-bhakti. Unter dem Vorwand, drei Schritte Land zu erbitten, nahm Vāmanadeva Bali Mahārāja alle Frömmigkeit, Sünden, Reichtümer und die Hingabe zu seinem materialistischen Guru. Der König ergab sich dann vollständig dem Herrn. Vāmanadeva sorgte für Bali Mahārājas spirituelles Wohl, indem er ihm in die Zuflucht des ursprünglichen Gurus Ānantadeva gab.

Nur durch Liebe ist es möglich, die Seelen den Lotosfüßen Śrī Gurus zu weihen. Die Pflicht eines Mahārājas besteht darin, jeden, dem er begegnet, mit der Schülernachfolge zu verbinden und ihn damit von unerwünschter Gemeinschaft zu befreien. Jemand, der eine Beziehung zur guru-varga besitzt, erlangt alle guten Eigenschaften und Kräfte Bhagavāns. Der Titel Mahārāja bedeutet mahān-rūpa-virājeta-śobheti – „ein König, der Herzen durch Liebe erobert und sie mit reiner Hingabe erleuchtet“. Dieser mahān, diese große Seele, der andere zum Fußstaub der Mahājanas, der reinen Gottgeweihten, weiht, ist der wahre Mahārāja. Unsere spirituellen Meister gewähren echten sannyāsa demjenigen, den sie für geeignet halten, ein Mahārāja, ein Überbringer ihre Liebe zu sein. Ein solcher Mahārāja ist der beste dāsa, der beste Diener, weil er von der Schülernachfolge ermächtigt wurde, jeden mit dem höchsten Schatz göttlicher Liebe zu verbinden. Einige, die im Auftrag der Schülernachfolge handeln, mögen sich als ācārya oder großen Lehrer sehen, und andere verstehen sich als unbedeutenden Diener, der andere mit deren ewigen Dienst verbindet, doch beide arbeiten als Diener im Auftrag der Schülernachfolge.“

Śrīla Bhaktirakṣaka Śrīdhara Gosvāmī Mahārāja merkte an: „Du hast über ein schwieriges Thema gesprochen, aber du hast es leicht verdaulich präsentiert. Gold ist ein hartes Metall. Wenn es erhitzt wird, schmilzt es, aber bald erstarrt es wieder. Wenn man es jedoch zu Asche verbrennt, wird es nicht wieder seinen ursprünglichen Zustand annehmen. Diese Goldasche ist medizinisch wirksam, sofern sie richtig verabreicht wird. In gleicher Weise sind die esoterischen Konzepte von bhakti nur schwer zu verstehen. Gäbe es keine erfahrene rasika-Vaiṣṇavas, könnte niemand in die bhakti-Geheimnisse eindringen und sie anwenden beziehungsweise die Lehren der Veden, des Vedānta, der Śrutis und Smṛtis verstehen.

In deiner Kindheit hießt du Santoṣa. Dann taufte dich Prabhupāda Sajjana-Sevaka. Jetzt gab dir Pūjyapāda Keśava Mahārāja den Namen Vāmana, als ob du klein wärest, aber in Wirklichkeit bist du Trivikrama, sehr groß. Von Beginn an hast du in Vraja-Paṭṭana, an der Quelle des vraja-rasas, gedient. Deswegen ist dein Herz von rasa erfüllt. Du wirst die Nachfolge Prabhupādas weiterführen und jeden in diesem rasa baden. Du bist die Zukunft unserer Sampradāya, ich habe Vertrauen, dass du die Prinzipien unserer Schülernachfolge aufrechterhalten wirst. Ich bin sehr mit dir zufrieden und segne dich von Herzen.“

Śrīdhara Gosvāmī Mahārāja stellte dann eine Frage an Trivikrama Mahārāja: „Warum erhalten die sannyāsīs in unserer Schülernachfolge Namen von Nārāyaṇa? Sehen wir uns alle als letztlich eins mit dem Brahman an?“

Śrīla Trivikrama Mahārāja antwortete: „In der Nārāyaṇa Upaniṣad heißt es: ‚smṛti nārāyaṇo yathā tathā – man soll sich zu allen Zeiten an Śrī Nārāyaṇa erinnern‘. Das Śrīmad-Bhāgavatam weist uns an:

avismṛtiḥ kṛṣṇa-padāravindayoḥ
kṣīṇoty abhadrāṇi ca śaṁ tanoti
sattvasya śuddhiṁ paramātma-bhaktiṁ
jñānaṁ ca vijñāna-virāga-yuktam
Śrīmad-Bhāgavatam 12.12.55

Die beständige Erinnerung an die Lotosfüße Śrī Kṛṣṇas vertreibt alles Unglück und gewährt das höchste Wohl. Das Herz desjenigen, der sich auf diese Art und Weise beschäftigt, wird vollkommen rein und Hingabe zum Herrn, begleitet von Wissen, Verwirklichung und Loslösung von der Welt, erwacht.

Man sollte sich unter allen Umständen an den Herrn im Herzen erinnern. Beides, Hören und Chanten, ist miteingeschlossen, sobald man einfach die Namen Nārāyaṇas ausruft, und dies führt ganz natürlich zum Erinnern. Selbst wenn man einen gewöhnlichen Menschen ruft, der den Namen Nārāyaṇa trägt, ist dies kīrtana, und dieses Rufen zu hören, zählt unter śravaṇa. Die Namen Bhagavāns sind für jeden segensreich. Ajāmila rief seinem Sohn, der Nārāyaṇa hieß, und obwohl Ajāmila zahlreiche Sünden auf sich geladen hatte, wurde er aus höllischen Dasein erlöst und erlangte Befreiung. Um die Praktizierenden im kīrtana zu beschäftigen und ihnen zu helfen, sich immer an den Herrn zu erinnern, tauft der spirituelle Meister seinen Schüler auf einen Namen Bhagavāns. Der Herr ist von Seinen Namen nicht verschieden; wenn daher Śrī Guru seinem Schüler mit einem Namen Bhagavāns benennt, bringt er ihn damit den Lotosfüßen des Herrn dar. Dies ist nicht mit dem Verständnis gleichzusetzen, das Lebewesen als dasselbe wie Brahman oder Bhagavān anzusehen.“

„Ja, das ist die schlichte Wahrheit“, sagte Śrīla Śrīdhara Mahārāja. Dann schaute er auf Śrīla Gurudeva und fragte: „Wie lautet Mahārājas Name?“

„Bhaktivedānta Nārāyaṇa Mahārāja“, antwortete Ācārya Kesarī.

„Sajjana wurde Vāmana und Rādhānātha wurde Trivikrama“, sagte Śrīla Śrīdhara Mahārāja, „aber du bist Nārāyaṇa geblieben. Nichtsdestoweniger hast du Vaikuṇṭha überschritten und verfügst über große Kraft. Dein Gurudeva hat dir viel Verantwortung, Kraft und spirituellen Reichtum gegeben. Angemessener guru-dakṣinā bedeutet, das zu wiederholen, was dich dein Guru Mahārāja lehrte. Lege mir bitte deshalb dein Verständnis von der Besonderheit Śrīla Prabhupādas und der Gauḍīya-Maṭha dar, und erhelle uns danach über die Bedeutung deines Namens Nārāyaṇa.“

Nachdem er Ācārya Kesarī, der Schülernachfolge und allen Vaiṣṇavas Ehrerbietungen dargebracht hatte, sprach Śrīla Gurudeva: „Die Gauḍīya-Vaiṣṇava-Paramparā kam in dieser Welt durch Mahāprabhu, die Sechs Gosvāmīs und in jüngerer Zeit durch Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura und Śrīla Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākura herab. Es gibt viele Tempel und āśramas für Viṣṇu und Nārāyaṇa auf der Welt. Außerdem gibt es viele Schwindler, die ihre eigenen Zentren eröffnen und sich selbst zu Gott ernennen. Aber niemand hatte Tempel für den Dienst der svarūpaśakti eröffnet. Durch die Barmherzigkeit und Inspiration Śrīla Rūpa Gosvāmīs, Raghunātha dāsa Gosvāmīs, Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākuras, Śrīla Gaurakiśora Dāsa Bābājī Mahārājas und der gesamten Schülernachfolge gründete Śrīla Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākura die Gauḍīya-Maṭha: die erste Schule der Welt, die den Dienst zu svarūpa-śakti Śrīmatī Rādhārāṇī lehrt.

Śrīla Prabhupāda eröffnete die Gauḍīya-Maṭha, um die Seelen zu lehren, wie man Śrīmatī dient und unter Ihrer Anleitung Kṛṣṇa dient. Gauḍīya bezieht sich auf die Nachfolger von Gaurī Rādhikā. Durch die Verehrung des Brahmans entwickelt man keine dienende, sondern eine unpersönliche Haltung. Nur unter der Führung Śrīmatī Rādhārāṇīs und der Vrajadevīs ist es möglich, eine dienende Haltung Kṛṣṇa gegenüber zu erwerben, denn Versiertheit in Kṛṣṇas Dienst wird nicht von Kṛṣṇa gegeben, vielmehr erleuchten Seine geliebten Geweihten die würdigen Anwärter mit vraja-bhakti.

Caitanya Mahāprabhu stieg herab, um die Liebe Śrīmatī Rādhikās zu erfahren und zugleich die Gelegenheit zu geben, Ihre vertraute Dienerin zu werden. Mahāprabhu beauftragte Nityānanda Prabhu, Advaita Ācārya, Haridāsa Ṭhākura und Seine anderen Geweihten damit, die Menschen auf den Pfad reiner Hingabe zu führen. Er wies die Gosvāmīs an, vraja-bhakti durch ihre Schriften bekanntzumachen, und die Gosvāmīs offenbarten den Ruhm und die Einzigartigkeit der Vrajadevīs.

Unter dem Einfluss der Zeit waren hatten sich viele Fehlauffassungen ausgebreitet, die die Bevölkerung vom glückverheißenden Pfad abbrachten. Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākura eröffnete die Gauḍīya Maṭhas, um die fehlgeleitete Masse der Menschen wieder zu berichtigen, und er bot ihnen die Gelegenheit, die Lehren der Gosvāmīs praktisch anzuwenden. Die Aufgabe der Gauḍīya Maṭha besteht darin, zu lehren, und die Stimmung der Vrajavāsīs und Vrajadevīs zu erwecken.“

Śrīla Gurudeva erläuterte dann weiter die Bedeutung des Namens Nārāyaṇa. Er sagte: „Unter Nārāyaṇa versteht man im allgemeinen den Namen des allwissenden Höchsten Herrn, der auf dem Milchozean liegt und aus dessen Nabel der kosmische Lotusstengel wächst, der die vierzehn Planetensysteme in sich birgt. Nārāyaṇa bezeichnet auch den Herrn über allen Reichtum, den Herrn Vaikuṇṭhas, des spirituellen Reiches, das von Erstaunen und Ehrfurcht geprägt ist. Von der höheren Perspektive der Einwohner des ewigen Vrajas jedoch bedeutet Nārāyaṇa derjenige, dessen Augen (nayana) mit Lotusblütenblättern und dessen Iris mit der blauen nīlimā-Blume vergleichen werden; derjenige, der ein blaues Tuch (nīla-vasana) trägt; der Geliebte, der obwohl eigenständig, immer mit Seiner Geliebten vereint ist, weil Er vollkommen darin vertieft ist, Ihr Freude zu schenken; der den Höchsten Herrscher durch Seinen bloßen Seitenblick kontrolliert; der durch den bloßen Glanz Seiner Zehennägel unzählige vertraute Gefährten Nārāyaṇas manifestiert, welche alle ihr eigenes Gemüt besitzen, obwohl sie aus derselben Quelle stammen. Bei den Lotosfüssen dieser göttlichen Persönlichkeit kann die Gesamtheit aller Lebewesen (nāra-ayaṇa) in den Hainen, in denen dem allanziehenden Herrn aller Lieblichkeit liebender Dienst dargebracht wird, Zuflucht und ewige Wohnstätte finden. Gurupādapadma hat uns barmherzigerweise mit dem Verständnis eingeweiht, dass wir ewige Diener dieses Nārāyaṇas sind.“

Als Pūjyapāda Śrīdhara Mahārāja dies hörte, war er hocherfreut und sagte: „Nārāyaṇa Mahārāja, du bist ein besonderer Zweig in Prabhupādas Baum. Viele Früchte werden aus deinen Verwirklichungen reifen und Tausende werden die Herrlichkeit dieser Gauḍīya-Paramparā verinnerlichen, wenn sie den süßen Saft dieser Früchte kosten.“

Pūjyapāda Śrīdhara Mahārāja wandte sich an Ācārya Kesarī: „Śrīla Keśava Mahārāja, du hast ihnen wahrhaftig sannyāsa gegeben. Sie sind fest mit der Guru-Paramparā, mit Māyāpura und Navadvīpa-Dhāma verbunden und verfügen über ein gutes Verständnis davon. Du bist vom Glück begünstigt. Prabhupāda gab dir außergewöhnliche Juwelen. Ich bin glücklich, dass ich dir begegnen durfte. Sādhu-darśana wird nicht einfach erlangt. Gottlose Menschen kommen ohne Einladung, aber sādhu-darśana ist sehr selten, deshalb bin ich so froh. Meine Tür steht immer offen für dich, nicht nur die Tür meines Tempels, sondern auch die Tür meines Herzens. Ich wünsche mir, dass du öfter kommst. Falls du nicht kannst, werde ich kommen und dich treffen. Ich sehne mich ständig nach solch erhabener sādhu-saṅga.“

Nachdem sie abschließend über Themen des Predigens gesprochen hatten, erwiesen die großen Vaiṣṇavas sich liebevoll gegenseitig Ehre und verabschiedeten sich.

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