Fünfunddreißigstes Kapitel

Segen über das Land

Ācārya Kesarī predigte in den Städten und Dörfern Indiens. Wo immer er und seine Begleiter hinreisten, organisierten sie Festveranstaltungen mit hari-kathā und mahā-prasāda. Die brahmacārīs gingen von Tür zu Tür und luden die Ansässigen zum hari-kathā und mahā-prasādam ein. Sie sammelten Spenden in Form von Gemüse und Getreide, kochten, opferten bhoga und verteilten dann das prasādam an jeden, der kam. Auf den Reisen waren die Gottgeweihten intensiv im Dienst beschäftigt. Sie arbeiteten hart, um Mahāprabhu zufriedenzustellen und die bedingten Seelen zu erheben. Solch stetes Bemühen im Dienst ist nur für diejenigen möglich, die von der guru-varga spirituell ermächtigt sind.

In einem Dorf nahe Siddhāvāṭī befindet sich ein pāda-pīṭha, eine Gedenkstätte zu Ehren Mahāprabhus, die dort von Śrīla Bhaktisiddhānta Prabhupāda errichtet worden war. Prabhupāda hatte pāda-pīṭhas an den wichtigsten Orten eingerichtet, die Mahāprabhu mit Seinen Fußabdrücken geschmückt hatte, als Er durch Indien gereist war. Wann immer Prabhupāda ein pāda-pīṭha etablierte, beschäftigte er die jeweiligen Einwohner des Ortes im Dienst und übertrug ihnen die Verantwortung für das Heiligtum. Ācārya Kesarī reiste zu diesen pāda-pīṭhas, um sicherzustellen, dass dieser Dienst richtig fortgeführt wurde, und um die Ansässigen in ihrer bhakti-Praxis zu stärken.

Als Ācārya Kesarī und seine Begleiter zu dem pāda-pīṭha in der Nähe Siddhāvāṭīs kamen, waren sie erschrocken, zu sehen, dass der Ort zu einem Dorf verarmter Leprakranker verkommen war. Den Leuten fehlten Finger und Zehen und in einigen Fällen auch ganze Glieder. Sie sahen verzweifelt aus, als die von Ācārya Kesarī angeleitete saṅkīrtana-Prozession durch das Dorf zog.

„Was ist mit diesem Dorf passiert?“ fragte Gurudeva.

„Vor einigen Jahren“, antwortete Ācārya Kesarī, „errichtete Prabhupāda hier auf gespendetem Land den pāda-pīṭha. Die Einwohner aus den umliegenden Dörfern waren gläubig und wohltätig und brachten Geschenke und Gaben für Mahāprabhus Verehrung. Doch die Bewohner dieses Dorfes waren gierig und korrupt. Sie besetzten den pāda-pīṭha und stahlen die Spenden, die als Darbringung bestimmt waren, und auch die Blumen und Früchte, die hier wuchsen. Um sich den pāda-pīṭha vollständig anzueignen, vertrieben die Bewohner die sādhus, die zum Dienen und zum bhajana hierherkamen. Nach einiger Zeit erkrankten sie selbst an Fieber, Ruhr und anderen Krankheiten. Schließlich verkam es zu einem Dorf von Leprakranken. Gopāla Cāpāla, der Haridāsa Ṭhākura beleidigte, verlor durch die gleiche Krankheit seine Nase, Ohren, Augen und Finger. Später aber, durch die Gnade Mahāprabhus und Haridāsa Ṭhākuras, wurde ihm verziehen und er wurde vollständig geheilt und Vertrauen erwachte in seinem Herzen. Wir werden in ähnlicher Weise dafür sorgen, dass diese Leute von ihren Vergehen befreit werden und Vertrauen in Mahāprabhu und harināma in ihnen erwacht.“

Die Gottgeweihten luden die Dorfbewohner zu einem Festmahl am Nachmittag ein. Gurudeva und die brahmacārīs kochten kicari und kṣīra. Kicari, welches geeignet ist, Mahāprabhu dargebracht zu werden, sollte so duften, dass es die Leute über Meilen hinweg anzieht. Tatsächlich rannten die Dorfbewohner zum Essen, als ob sie für viele Jahre gehungert hätten. Aber wie konnten sie ohne Finger essen? Um den Leprakranken zu helfen, besorgte Ācārya Kesarī Löffel. In einigen Fällen halfen Kranke, die gesunde Hände besaßen, denjenigen, die ihre Finger verloren hatten. Caraṇāmṛta und prasāda wurden an alle verteilt.

Ācārya Kesarī sprach zu den Dorfbewohnern über den Ruhm Mahāprabhus und erklärte ihnen dann: „Eure beklagenswerte Lage wird sich bessern, wenn ihr aufrichtig betet und Mahāprabhu um Vergebung bittet. Etwas, das für Bhagavāns Dienst bestimmt ist, darf niemals veruntreut und für den eigenen Genuss missbraucht werden. Euer unsägliches Leid ist das unmittelbare Ergebnis des Vergehens, das an diesem pāda-pīṭha Mahāprabhu Dargebrachte an sich zu reißen. Wenn ihr davon frei werden wollt, müsst ihr bereuen und Buße tun. Missbraucht nie wieder Dinge, die für Bhagavāns Dienst bestimmt sind.“

Ācārya Kesarī blieb für einige Tage in dem Dorf und sprach hari-kathā. Die Einwohner waren von seiner Anwesenheit und seiner Botschaft der Hoffnung so inspiriert, dass sie Land in Siddhāvāṭī stifteten. Ācārya Kesarī nahm die Spende gütig an und richtete dort einen Tempel mit Bildgestalten Śrī Śrī Gaura-Nityānanda Prabhus und Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇas ein. Ācārya Kesarī ließ Trigunātita Brahmacārī und andere brahmacārīs zurück, um den Tempel zu leiten und das Predigen zu entwickeln. Bevor er abreiste, unterwies er sie, unablässig nāma-saṅkīrtana zu chanten und so eine glückbringende Atmosphäre in der Gegend zu erzeugen. Einwohner aus den benachbarten Dörfern und Städten begannen den pāda-pīṭha wieder zu besuchen. Nach einiger Zeit kam wieder ein steter Strom von Besuchern zum darśana. Der Charakter der leprakranken Dorfbewohner hatte sich gewandelt. Sie hatten nicht länger den Wunsch, zu stehlen und gaben, was sie sich zu Unrecht angeeignet hatten, wieder zurück. Viele wurden geheilt und ihre Glieder wie durch ein Wunder wiederhergestellt. Andere gaben friedlich ihren Körper auf. Ācārya Kesarī kam jedes Jahr dorthin, um ihr spirituelles Leben zu nähren und sie zu ermutigen, harināma zu chanten, zu lesen, zu hören und das Caitanya-Caritāmṛta, Caitanya-Bhāgavata und Caitanya-Maṅgala zu studieren.

Tausende Menschen kamen zu den Veranstaltungen, die Ācārya-Kesarī an verschiedenen Orten organisierte. Manchmal schliefen die Leute während des kīrtanas ein und schlummerten während des Vortrags weiter. Aber wenn es Zeit für prasādam war, wachten sie auf und setzten sich eifrig in Reihen nieder. Ācārya Kesarī beauftragte Gurudeva mit der prasāda-Verteilung und sagte: „Sie sind vom Glück begünstigt, dass sie wenigstens für eines der Dinge, die wir gebracht haben, Wertschätzung zeigen.“

Gurudeva gab jedem einen Teller aus Bananenblättern und etwas Salz und Chili. Danach chantete er das prasāda-Gebet von Bhaktivinoda Ṭhākura und ließ es jeden wiederholen. Er sang den pañca-tattva-mantra und den mahā-mantra, während er durch die Reihen ging, und forderte jeden auf, sie zu wiederholen. Nur nachdem jeder den mahā-mantra gechantet hatte, verteilte er kicari. Dann teilte er das Chutney auf die gleiche Weise aus.

Als nächstes verteilte Śrīla Gurudeva Süßen Reis. Süßen Reis nennt man in Bengalen mahā-prasāda. Reis, Dāl, Kicari – das ist prasāda. Aber Süßer Reis… das ist mahā-prasāda! Sie bereiteten den Süßen Reis zu, indem sie 100 Kilogramm Reis, 500 Kilogramm Gur, 1000 Liter Wasser und eine kleine Menge Milch kochten. Als der Süße Reis kam, rief Gurudeva laut: „bolo mahā-prasāda ki jaya!“ Dann chantete er und ließ alle nach ihm wiederholen:

mahā-prasāde govinde
nāma-brahmaṇi vaiṣṇave
svalpa-puṇyavatāṁ rājan
viśvāso naiva jāyate

Die Dorfbewohner schauten begierig auf die großen Kellen. Gurudeva kündigte an: „Wer diesen Vers, ‚mahā-prasāde govinde‘ chantet, bekommt eine große Kelle mahā-prasāda.“ Nachdem jeder das Gebet aufgesagt hatte, begann Kānāi Prabhu einen līlā-kīrtana zu singen. Er erzählte zwischen den Versen, wie Durvāsā Ṛṣi nach Dvārakā gekommen war und in Mitte der Nacht kṣīra (Süßen Reis) verlangte, diesen auf Kṛṣṇas Körper schmierte und den Herrn dann segnete, dass er überall dort, wo Ihn der kṣīra berührt hatte, unverletzlich sein würde. Die Dorfbewohner waren von dem kīrtana gebannt. Sie dachten freudig: „Oh, das ist mahā-prasāda. Jetzt werden wir auch so stark werden wie Kṛṣṇa, der von Durvāsā Kraft bekommen hat.“

Manche Menschen, aufgrund ihrer schlechten Gewohnheiten oder ihrer bedingten Natur, können das hari-kathā oder andere Formen von Barmherzigkeit der mahā-bhāgavata-Vaiṣṇavas nicht einfach annehmen. Ācārya Kesarī predigte jedoch in sehr einfacher und anziehender Weise und wandelte so die Herzen. Die meisten Bewohner der Küstendörfer aßen mit großer Vorliebe Fisch. Ācārya Kesarī sprach dieses Thema oft nachdrücklich an, und die Leute, die sein hari-kathā hörten, änderten ihre Essgewohnheiten.

Manchmal im Winter organisierte Ācārya Kesarī Programme in Prayāga. Gurudeva und die brahmacārīs brannten ein großes Feuer ab, setzten sich darum und sangen kīrtana. Viele Leute sammelten sich am warmen Feuer und hörten dem kīrtana zu. Gurudeva sagte an: „Wir beginnen jetzt eine vedisches yajña (Opfer). Jeder ist willkommen, daran teilzunehmen und Bhagavān Kartoffeln und Auberginen im yajña darzubringen. Das wird den Herrn erfreuen und Segen schenken. Es kann auch Holz gebracht werden, um das Opferfeuer am Brennen zu halten.“

Viele brachten freudig Kartoffeln und Auberginen zum Feuer. Das Gemüse buk in der glimmenden Kohle und der kīrtana fuhr fort. Anschließend staubten die brahmacārīs die Asche von dem Gemüse ab, schälten es, zerstampften es und vermischten es mit Gewürzen. Sie brachten es dem Herrn dar und verteilten das prasāda an die anwesenden Leute, die von rajo-guṇa (Leidenschaft) und tamo-guṇa (Unwissenheit) beeinflusst waren. Jemand, der prasādam von hochklassigen Vaiṣṇavas annimmt, wird die Anhaftung an die materielle Welt verlieren und einen höheren Geschmack für spirituelle Tätigkeiten entwickeln. Es ist nicht einfach, Menschen zu ändern, die an Essen, Schlafen, Genießen und Streiten haften. Der spirituelle Meister erhebt diese Leute langsam, indem er sie mit mahā-prasāda, Govinda, harināma und den Vaiṣṇavas in Kontakt bringt.

< Zurück    Vorwärts >