Poli­zei­kom­missar Nārāyaṇa Tiwari

Wie es in Indien üblich ist, arran­gierten Śrīla Guru­devas Eltern seine Hoch­zeit, wäh­rend er noch an der Schule lernte, obwohl die offi­zi­elle Hoch­zeit mit einem brāh­maṇa-Mäd­chen nicht vor seinem ein­und­zwan­zig­sten Lebens­jahr statt­finden würde. Paṇḍita Tiwari teilte seinem Sohn mit: „Jetzt, da du ver­lobt bist und die Schule fast abge­schlossen hast, soll­test du dir Gedanken machen, wel­chen Beruf du erlernen möch­test, um eine Familie zu erhalten.“

Auf die Anwei­sung seines Vaters hin erklärte sich Guru­deva bereit, nach einem Aus­bil­dungs­platz zu suchen. Zu jener Zeit sandte die bri­ti­sche Regie­rung regel­mäßig Beamte aus, um qua­li­fi­zierte Rekruten für den Poli­zei­dienst aus­zu­wählen. Bei einer Muste­rung wurde Guru­deva zu einer Anhö­rung ein­ge­laden. Er hatte gehört, dass ange­henden Poli­zei­be­amte flüssig Eng­lisch spre­chen mussten. Guru­deva sprach etwas Eng­lisch, aber es war schwierig für ihn, den bri­ti­schen Akzent des Prü­fenden zu ver­stehen.

Als der Beamte sprach, wie­der­holte Guru­deva ein­fach keck dessen Worte.

Der bri­ti­sche Beamte fragte Guru­deva: „Wie ist dein Name?“

Wie ist dein Name?“ ant­worte Guru­deva.

Der Beamte wies ihn an: „Sag mir deinen Nach­namen.“

Sag mir deinen Nach­namen.“

Der Beamte dachte bei sich: „Dieser Junge ist mutig!“ Dann fragte er: „Willst du meine Fragen nicht beant­worten?“

Guru­deva: „Willst du meine Fragen nicht beant­worten?“

Er ist cha­rak­ter­fest“, dachte der Beamte. Natür­lich hatte er von Nārāyaṇa Tiwaris guten Noten und seinen sport­li­chen Qua­li­täten gehört, aber jetzt konnte er bestä­tigen, dass dieser junge Kerl unge­wöhn­lich war. Er erstat­tete seinem Vor­ge­setzten Bericht: „Es gibt dort einen kräf­tigen, jungen Mann namens Nārāyaṇa Tiwari, der einen guten Poli­zi­sten abgeben würde.“

Bald darauf nahm Guru­deva ein Angebot der ört­li­chen Poli­zei­di­rek­tion an. Er schloss seine Aus­bil­dung mit Aus­zeich­nung ab und war bald als Poli­zei­kom­missar tätig. Weil die poli­ti­sche Situa­tion in Indien eska­lierte, wurde er damit beauf­tragt, Kon­flikte ein­zu­schätzen und ent­spre­chende Maß­nahmen zu ergreifen.

Guru­deva nahm den Dienst­auf­trag an, aber er ver­langte: „Ich benö­tige zwei Pferde zum Reisen.“

Sein Vor­ge­setzter wil­ligte ein: „Wir werden Ihrem Wunsch nach­kommen.“

Als Śrīla Guru­deva seinen Dienst als Poli­zei­kom­missar begann, wurde das Land von Kämpfen um die natio­nale Unab­hän­gig­keit erschüt­tert. Unstim­mig­keiten und eine Stim­mung gegen­sei­tiges Miss­trauen heizten sich mehr und mehr auf. Sobald sie jemanden sahen, der ihnen ver­dächtig schien, waren die Leute bereit, ihn umzu­bringen, denn viel­leicht wurden sie sonst zuerst getötet. Nichts­de­sto­trotz sorgten Guru­devas Ein­fluss und Cha­rakter für fried­liche Über­ein­künfte, wo immer er hinkam. Guru­deva war allen Seiten gegen­über wohl­wol­lend und ent­schärfte durch sein umsich­tiges Han­deln die hit­zigen Gei­ster und löste Pro­bleme und Miss­ver­ständ­nisse. Guru­deva erfüllte seine Pflichten besonnen und resolut. Er har­mo­ni­sierte alles, indem er Wahr­heiten aus Vedi­schen Schriften erklärte, vor allem aus dem Rāmāyaṇa. Durch ihn ver­standen die Leute, dass es nicht not­wendig war, zu streiten, und gaben ihre Feind­se­lig­keiten auf. Als Ergebnis dessen wurden Guru­deva beson­dere Fälle in Bihar, Ben­galen und Orissa über­tragen.

Zu der Zeit bauten die Eng­länder ein endlos erschei­nendes Eisenbahn‐ und öffent­li­ches Bus­netz in Indien auf. Sie führten auch drei­räd­rige Fahr­zeuge ein, die solch einen Höl­len­lärm machten, dass sie kilo­me­ter­weit zu hören waren. Der Krach erschreckte Kühe und Stiere, so dass sie die Seile zer­rissen, mit denen sie ange­bunden waren, und wild hin und her rannten, dass die Hunde bellten und die Ohren taub wurden. Im Gegen­satz zu den Briten, die Fahr­zeuge zum Erle­digen ihrer Auf­gaben benutzten, bevor­zugte es Śrīla Guru­deva, mit dem Pferd zu reisen.

Gurudeva als PolizeikommisarEinmal erfuhr Guru­deva, dass die Poli­zei­di­rek­tion einen Leicht­ath­le­tik­wett­kampf für junge Offi­ziere aus­trug, in dem diese sich zur Beför­de­rung emp­fehlen konnten. Guru­deva bat den bri­ti­schen Super­in­ten­denten, an dem Wett­be­werb teil­nehmen zu dürfen. Der Mann sagte: „Es tut mir leid, Herr Tiwari, aber Sie sind dafür nicht zuge­lassen.“

Sir, ich möchte nicht beför­dert werden“, ent­geg­nete Guru­deva, „ich bin Sportler. Bitte erlauben Sie mir, inof­fi­ziell teil­zu­nehmen.“

Der Super­in­ten­dent dachte kurz nach und wil­ligte dann ein. Guru­deva trat in fünf Wett­be­werben an, unter anderem Laufen, Weit­sprung und Hoch­sprung, und gewann in jeder Dis­zi­plin. Der Super­in­ten­dent war von Guru­devas Lei­stungen so beein­druckt, dass er ihn auf der Stelle beför­derte, unter der Zustim­mung des gesamten stau­nenden Korps.

Später wurde Śrīla Guru­deva nach Rāj­mahal ver­setzt (einer Stadt in Bihar, die an der Grenze zu Ben­galen liegt). Er war von seinem Dienst sehr in Anspruch genommen, des­halb wurden die Besuche in seiner Hei­mat­stadt sel­tener. Jede sechste oder achte Woche kam er nach Tiwa­ripur, um seine Familie zu besu­chen und seinem Vater seinen Sold anzu­bieten. Sein Vater war von dieser respekt­vollen Hal­tung sehr erfreut und gab ihm das Geld zurück in der Hoff­nung, dass Guru­deva sich irgend­wann nie­der­lassen und eine Familie gründen würde. Guru­deva ver­brachte seine Zeit in Tiwa­ripur mit spi­ri­tu­ellen Tätig­keiten und kehrte pünkt­lich wieder zur Dienst­stelle zurück. Selbst wenn er viel zu tun hatte, behielt er seine früh­mor­gend­liche spi­ri­tu­elle Praxis bei, bevor er zur Arbeit ging.

Von Kind­heit an besaß Śrīla Guru­deva eine unge­wöhn­liche Anzie­hung zu hari‐kathā und ließ alles stehen und liegen, um an spi­ri­tu­ellen Ver­an­stal­tungen teil­zu­nehmen, die in der Nähe statt­fanden. Auch in seinem hek­ti­schen Leben als Poli­zei­kom­missar nahm er jede Gele­gen­heit wahr, von Gott­ge­weihten über spi­ri­tu­elle Themen zu hören.

Eines Tages besuchte er eine Ver­an­stal­tung, in der ein gelehrter sādhu das Rāmāyaṇa rezi­tierte. Er ver­tiefte sich so in rāma‐kathā, dass er gar nicht bemerkte, wie die Zeit ver­ging. Die Rezi­ta­tion dau­erte die ganze Nacht und als sie am Morgen zu Ende war, fiel Śrīla Guru­deva ein, dass er eine Nacht­schicht auf der Dienst­stelle ver­passt hatte. In Erwar­tung eines scharfen Tadels ging Guru­deva am näch­sten Tag zum Dienst. Der Super­in­ten­dent sah ihm kommen und rief ihm zu: „Herr Tiwari, bitte kommen Sie gleich in mein Büro.“

Besorgt ging Śrīla Guru­deva ins Büro.

Setzen sie sich“, sagte der Super­in­ten­dent. Guru­deva setzte sich auf einen Stuhl. Der Mann reichte ihm einen Brief­um­schlag. Als Guru­deva darauf schaute, sagte der Super­in­ten­dent: „Ich habe gestern Nacht die Dienst­ha­benden kon­trol­liert.“ Er machte eine Pause. „Ich war ver­är­gert, zu sehen, dass einige auf ihrer Sta­tion schliefen.“ Guru­deva schaute auf. Der Kom­missar sprach weiter: „Aber mit Ihnen war ich sehr zufrieden, denn sie waren wach und haben ihre Pflichten mit Sorg­falt durch­ge­führt. Sie haben gute Arbeit gelei­stet, Herr Tiwari, des­wegen ent­schied ich mich, Sie zu beför­dern.“

Nach dem Treffen mit dem Super­in­ten­denten ging Śrīla Guru­deva in sein Büro und setzte sich hin, tief in Gedanken ver­sunken. „Das muss ein Zei­chen Gottes sein“, sagte er. „Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis ich gehe.“

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