Uner­war­tete Rück­kehr

Als Śrīla Guru­deva seine Familie Ende 1946 ver­ließ und der Mis­sion Śrī Cai­tanya Mahāprabhus in der Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha bei­trat, waren seine Fami­li­en­an­ge­hö­rigen so bestürzt, dass sie alles stehen und liegen ließen und in allen Rich­tungen nach ihm suchten. Sie suchten mona­te­lang per­sön­lich und beauf­tragten auch Detek­tive, aber ohne Erfolg. Um Guru­deva zu finden, befragte die Familie sogar mysti­sche Tān­trikas, chan­tete spe­zi­elle Man­tras und führte Vedi­sche Rituale durch. Als sich alle Anstren­gungen als fruchtlos erwiesen, ver­loren Paṇḍita Baleśva­ranātha und Lakṣmī­devī ihre Hoff­nung.

Paṇḍita Baleśva­ranātha besaß etwa vierzig Hektar Land. Im Kummer über Guru­devas Ver­schwinden ver­strich die Pflanz­zeit für den Reis. Der Mon­sun­regen kam und ging, aber von Śrīman Nārāyaṇa war keine Spur zu ent­decken. Im Herbst gab Paṇḍita Baleśva­ranātha sein Suchen auf und kehrte nach Tiwa­ripur zurück. Auf dem Heimweg, wäh­rend er dar­über nachsann, wie sein Leben ohne seinen geliebten Sohn wei­ter­gehen sollte, fiel ihm ein, dass er nichts gesät hatte und folg­lich dieses Jahr kein Getreide ernten würde. Ver­zweif­lung überkam ihn: „In jeder Hin­sicht ist unser Leben rui­niert. Bevor Nārāyaṇa weg­ging, brachte er seinen Sold als Poli­zei­of­fi­zier heim, der zusätz­lich zu den Ein­nahmen aus der Ernte unsere große Familie erhielt. Jetzt haben wir nicht nur Nārāyaṇa ver­loren, son­dern auch die Ernte.“

Zurück in Tiwa­ripur inspi­zierte Paṇḍita Baleśva­ranātha seine Felder und war ver­blüfft, dass sie voller saf­tiger grüner Reis­pflanzen standen, mit praller gefüllten Ähren als in frü­heren Jahren und gerade bereit zur Ernte. Er fragte seine Nach­barn, wer den Reis gepflanzt hatte. Jeder staunte, aber keiner wusste etwas.

Ohne Wissen seiner Familie hielt sich Śrīla Guru­deva zur glei­chen Zeit in Devag­hara auf, einem abge­le­genen Wald­ge­biet nahe der Grenze zwi­schen Ben­galen und Bihar. Gele­gent­lich erfor­derte es Śrīla Guru­devas Dienst, mit dem Zug zum Bau­ern­markt nach Josi­dihi zu fahren, einer nahe­ge­le­genen Stadt. Eines Tages, als er aus dem Zug in Josi­dihi aus­stieg, sah Guru­deva seinen Cousin, Kedarnātha Tiwari, der Schaffner war und gerade an der glei­chen Hal­te­stelle stand. Kedarnātha Tiwari und Guru­deva waren lange Jahre Freunde gewesen. Kedarnātha freute sich unüber­sehbar, seinen Freund zu treffen, und er umarmte Guru­deva herz­lich. Er befragte Guru­deva nach seinem Ver­bleib und Guru­deva, der von ein­fa­chem Herzen war, erzählte Kedarnātha, wo er in Devag­hara wohnte. Kedarnātha wollte Guru­deva über­zeugen, zumin­dest einmal kurz für einen Besuch nach Hause zu kommen, doch Guru­deva lehnte ab. Nach einer herz­li­chen Unter­hal­tung erle­digte Guru­deva seine Besor­gungen und fuhr zurück nach Devag­hara.

Nachdem Guru­deva sich ver­ab­schiedet hatte, lief Kedarnātha Tiwari sofort zur Post­sta­tion und sandte ein Tele­gramm an Guru­devas Familie. Am näch­sten Tag stand uner­wartet Guru­devas gesamte Familie vor Ācārya Kes­arīs Āśramas in Devag­hara. Sein Vater, seine Mutter, Geschwi­ster, Ehe­frau und andere ver­langten Aus­kunft über Śrīman Nārāyaṇa. Sie wurden zu seinem Zimmer gewiesen, wo er gerade krank mit Fieber im Bett lag. Als sie das Zimmer betraten, sahen sie Guru­deva schla­fend, zuge­deckt mit einem weißen Laken.

Paṇḍita Tiwari zog vor­sichtig das Laken her­unter und umarmte seinen Sohn mit Tränen in den Augen. Lakṣmī­devī schlug sich ihre Brust und weinte: „Mein Sohn! Mein Sohn!“ Seine Geschwi­ster und Eltern umarmten Guru­deva innig und baten ihn, nach Hause zurück­zu­kehren.

Guru­deva jedoch war ent­schlossen, bei Ācā­rya­deva zu bleiben. Er sagte: „Ich habe mein Leben den Lotos­füßen Guru Mahārājas hin­ge­geben. Ich werde nicht zurück­kehren.“

Sie baten ihn inständig: „Sieh, wie krank du hier geworden bist. Bitte komm mit nach Hause. Wir werden dich gesund­pflegen.“ Als Guru­deva nicht nachgab, wandten sich seine Eltern wei­nend an Ācārya Kesarī und beteten: „Bitte geben Sie uns unseren Sohn zurück.“

Ich habe ihn nicht gerufen“, erwi­derte Ācārya Kesarī. „Er kam aus freien Stücken. Wenn Sie ihn nach Hause mit­nehmen möchten, steht dem nichts im Weg.“ Die Liebe spi­ri­tu­eller Per­sön­lich­keiten tran­szen­diert die zeit­wei­lige Liebe dieser Welt. Ācā­rya­deva wusste, dass Guru­deva wieder zum āśrama zurück­kehren würde und gab ihm des­halb die Erlaubnis, in sein Dorf zu gehen. Śrīla Guru­devas Fami­li­en­an­ge­hö­rigen waren über­glück­lich und nahmen ihn mit nach Hause. Sie fühlten sich, als sei ihr Leben zurück­ge­kehrt.

Auf dem Weg nach Tiwa­ripur erzählte Paṇḍita Baleśva­ranātha Śrīla Guru­deva über die Reis­felder, die so rät­sel­haft gewachsen waren. Ange­kommen, inspi­zierten sie den Reis. Erstaunt, die rie­sigen Körner zu sehen, sagte Guru­deva: „Es ist Zeit, das Getreide zu ernten. Ich fange morgen damit an.“

Wer hat das Korn aus­gesät?“, wun­derte sich der Vater. „Wir sollten es her­aus­finden, damit wir die Ernte mit ihm teilen können.“ Aber unter den freu­digen Ereig­nissen vergaß Paṇḍita Tiwari seine Sorgen.

Die Tiwaris zele­brierten Guru­devas Rück­kehr, indem sie die Bewoh­nern Tiwa­ripuras ein­luden und ein zwei­tä­giges Fest fei­erten. Paṇḍita Tiwari und Lakṣmī­devī ver­ehrten prunk­voll ihre Fami­li­en­bild­ge­stalt und dankten Śrī Nārāyaṇa für Seine Groß­her­zig­keit und Güte, ihnen ihren Sohn zurück­zu­geben. Eine Kapelle spielte rühr­se­lige Lieder und Hun­derte Gäste aus Tiwa­ripur und nahe­ge­le­genen Dör­fern strömten herbei, um die Rück­kehr des ver­lo­renen Sohnes zu feiern.

Śrīla Guru­deva blieb reser­viert und aß kaum. Er ver­hielt sich seiner Familie und alten Freunden gegen­über neu­tral und dachte ständig dar­über nach, wie er wieder zu seinem spi­ri­tu­ellen Mei­ster zurück­kehren konnte. Schon in der ersten Nacht lehnte er es ab, das Innere des Hauses zu betreten, und über­nach­tete statt­dessen in einem Stu­di­en­zimmer im Ein­gangs­be­reich des Anwe­sens.

Nach dem Fest orga­ni­sierte Paṇḍita Baleśva­ranātha ein Treffen füh­render Gelehrter, des Fami­li­en­gurus, acht­barer Leute aus Tiwa­ripur und umlie­genden Dör­fern sowie auch naher Kind­heits­freunde Guru­devas, mit der Hoff­nung, seinen Sohn zu über­zeugen, zu Hause seinem bha­jana nach­zu­gehen und zugleich für seine Frau, Kinder und Familie zu sorgen. Paṇḍita Tiwari bat Śrīla Guru­deva, an dem Treffen teil­zu­nehmen. Die Gelehrten und wich­tigen Per­sön­lich­keiten gaben Vor­träge über dharma, in denen sie dar­über spra­chen, dass es die Pflicht eines Sohnes sei, seinen Eltern als recht­schaf­fener Haus­hälter zu dienen.

Die Eltern ernähren und sorgen für ihre Kinder vom Säug­ling bis zum Erwach­se­n­alter. Des­halb sind Kinder ihrer­seits den Eltern ver­pflichtet und sollten ihre Schuld beglei­chen, indem sie ihren Eltern im Alter dienen. Die Paṇḍitas führten Bei­spiele aus dem Bhāga­vatam von reli­giösen Haus­häl­tern an, die zugleich große Geweihten des Herrn waren, wie den Pāṇḍavas, Bali Mahārājas und Ambarīṣa Mahārājas. Sie gaben auch Bei­spiele von großen Weisen und Asketen, die Ent­sa­gung und Medi­ta­tion aus­führten, ohne ihre Fami­lien zu ver­lassen. Sie erklärten: „Wenn du deine Familie, deine Töchter und deine junge Frau auf­gibst, wirst du ihnen gegen­über ver­schuldet sein und schwere Sünde für den Kummer und die Schwie­rig­keiten auf dich laden, die du ihnen berei­test.“

Śrīla Guru­deva erwi­derte demütig mit einem Vers aus dem Bhāga­vatam (11.5.41):

devarṣi-bhūtāpta-nṛṇāṁ pitṝṇāṁ
na kiṅ­karo nāyam ṛṇī ca rājan
sar­vāt­manā yaḥ śaraṇaṁ śaraṇyaṁ
gato mukundaṁ pari­hṛtya kartam

Mein König: jemand, der sich Mukunda, der höch­sten Zuflucht aller Lebe­wesen, voll­ständig ergeben hat, ist weder den Halb­göt­tern, noch den Weisen, den Vor­fahren, der Familie oder andern Lebe­wesen ver­schuldet. Er ist einzig und allein Śrī Mukundas Diener.

Nicht imstande, dieses Schrift­zitat zu wider­legen, änderten die paṇḍitas ihre Her­an­ge­hens­weise und rieten Guru­deva: „Wenn du nicht Haus­hälter sein willst, dann lebe als Mönch zu Hause und diene Gott. Wenn du das Zölibat ein­hältst, kannst du so mächtig werden wie dein Groß­vater Gorak­hanātha, der neben seiner Fröm­mig­keit auch große Stärke besaß. Er konnte schwer bela­dene Och­sen­karren mit bloßen Händen aus dem Schlamm ziehen und wütende Stiere von­ein­ander trennen.“

Ein Ele­fant ist auch stark“, ent­geg­nete Guru­deva, „aber phy­si­sche Kraft führt nicht zum höch­sten Ziel des Lebens, zu reiner Hin­gabe zu Gott.“

Śrīla Guru­deva zitierte dar­aufhin diesen Bhāga­vatam-Vers (11.9.29):

lab­dhvā su-durlabham idaṁ bahu-sambhavānte
mānuṣyam artha-dam anityam apīha dhīraḥ
tūrṇaṁ yateta na pated anu-mṛtyu yāvan
niḥś­reyasāya viṣayaḥ khalu sar­vataḥ syāt

Die mensch­liche Lebens­form ist sehr selten und wird erst nach vielen Geburten erlangt. In jeder Lebens­form ist Sin­nen­be­frie­di­gung erhält­lich, doch nur in der Geburt als Mensch – obgleich auch diese zeit­weilig ist – gibt es die Mög­lich­keit, das höchste Ziel spi­ri­tu­eller Voll­kom­men­heit zu errei­chen. Ein intel­li­genter Mensch wird des­halb keinen Moment zögern, sich um sein wahres Wohl zu bemühen, bevor der Tod ihn ereilt.

Darauf wandten die paṇḍitas ein: „Wer sagt, dass du dein Leben nicht zu Hause ver­voll­kommnen kannst? Sieh das Bei­spiel Prahlāda Mahārājas. Er erhielt Bha­ga­vāns dar­śana zu Hause.“

Prahlāda Mahārāja hörte für sech­zig­tau­send Jahre hari-kathā von seinem spi­ri­tu­ellen Mei­ster Nārada Ṛṣi, dem ver­trauten Geweihten Śrī Nārāyaṇas“, erwi­derte Śrīla Guru­deva. „Dieses Bei­spiel beweist, dass man Bha­ga­vāns dar­śana nur durch erst­klas­sige sādhu-saṅga erlangt. Auch Dhruva sah Bha­gavān erst, nachdem ihm die Gnade Nārada Ṛṣis zuteil­ge­worden war. Aus diesem Grund habe ich Zuflucht bei den Lotos­füßen eines befreiten Gurus der Brahma-Madhva-Gauḍīya-Sampradāya gesucht, die von Kṛṣṇa selbst aus­geht und über Brahmā, Nārada Ṛṣi, Vyā­s­a­deva, Madhvācārya und Cai­tanya Mahāprabhu bis zum heu­tigen Tag her­ab­kommt.

Ein paṇḍita bat Śrīla Guru­deva dar­aufhin, die Phi­lo­so­phien der ver­schie­denen sam­pra­dāyas zu erläu­tern. Guru­deva beschrieb die Kern­ge­danken der Viśiṣṭādvaita-, Kevalādvaita-, Śuddhādvaita- und Dvaita-Auffassungen wie auch die Acintya-Bhedābheda-Philosophie. Er erklärte der Zuhö­rer­schaft, dass die Kevalādvaita-Lehre Śaṅ­karācā­ryas die Abso­lute Wahr­heit (Brahman) als unper­sön­lich, ohne Form und ohne Eigen­schaften beschreibt, die Seele als letzt­lich iden­tisch mit dem Brahman und die Welt als illu­so­risch. Nach Śrī Rāmā­nu­jācā­ryas Śud­dhād­vai­ta­vāda sind die Lebe­wesen und der mate­ri­elle Kosmos Eigen­heiten der Abso­luten Wahr­heit, aber den­noch ewig von Ihm ver­schieden. Śrī Madhvācā­ryas Dvai­ta­vāda betont fünf ewige Unter­schiede: (1) den Unter­schied zwi­schen Gott und den Lebe­wesen, (2) zwi­schen den indi­vi­du­ellen Seelen, (3) zwi­schen Gott und der Materie, (4) zwi­schen ver­schie­denen mate­ri­ellen Objekten, und (5) zwi­schen der Materie und den Lebe­wesen. Śrī Cai­tanya Mahāprabhu schließ­lich ver­einte die Lehren aller ācā­ryas im voll­kom­menen Ver­ständnis der Abso­luten Wahr­heit, Acintya-Bhedābheda-Tattva. Auf Grund­lage der Veden beleuch­tete Cai­tanya Mahāprabhu die höchste Stel­lung Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇas, die zusammen die voll­stän­dige Abso­lute Wahr­heit ver­kör­pern. Kṛṣṇa und Seine Energie sind eins, so wie Hitze und Licht nicht von Feuer zu trennen sind. Nicht Gott selbst trans­for­miert sich in die Lebe­wesen, son­dern Seine Energie über­nimmt diese Auf­gabe. Durch die Umwand­lung von Kṛṣṇas unbe­greif­li­cher, von Ihm nicht zu tren­nenden Energie, ist alles Exi­stie­rende gleich­zeitig eins mit und ver­schieden von Ihm.

Guru­deva schloss: „Die anderen Lehren sind als vādas, als Theo­rien, bekannt, Acintya-Bhedābheda dagegen als tattva, als schlüs­sige Wahr­heit. Alle anderen Auf­fas­sungen sind in Mahāprabhus Phi­lo­so­phie mit­ein­ge­schlossen, so wie die ver­schie­denen Mond­phasen im Voll­mond, und sie ist glor­reich, weil sie reine Hin­gabe zu Kṛṣṇa betont. Das ist das Ver­ständnis meines Guru Mahārājas.“

Die Mehr­heit derer, die beab­sich­tigt hatten, Guru­deva zu über­zeugen, zu Hause zu bleiben, zeigten sich von seinem Wissen, seinem festem Ver­trauen und seiner Hin­gabe beein­druckt. Sie ließen seine Eltern wissen, dass diese sich glück­lich schätzen konnten, einen so intel­li­genten Sohn zu haben. Nachdem sie prasāda geehrt hatten, kehrten sie nach Hause zurück.

Der Fami­li­en­guru jedoch sprach mit Paṇḍita Tiwari unter vier Augen: „Die Ben­galen haben deinen Sohn mir schwarzer Magie ver­hext. Du musst diesen Bann bre­chen, damit er wieder normal wird.“

Wo ist die schwarze Magie?“

Sie ist an zwei Stellen: in dem Beutel, in den er seine Hand zum Chanten steckt, und in den drei Schnüren von Tulasī-Perlen um seinen Hals. Nimm ihm seine Gebets­kette weg und schneide die Tulasī-Schnüre durch, wäh­rend er schläft. Bring beides zur Gaṅgā und wirf es ins Wasser, dann wird Nārāyaṇa wieder zu Sinnen kommen.“

Paṇḍita Tiwari berief heim­lich den Fami­li­enrat ein, um zu bespre­chen, wie man Guru­devas ent­sagte Hal­tung berich­tigen könne. Obwohl froh, ihn wieder zu Hause zu haben, fürch­teten sie, er könnte sie wieder ver­lassen. Paṇḍita Tiwari sagte: „Er hat sich die Haare und den Bart abra­siert. Das sym­bo­li­siert, dass seine Eltern für ihn gestorben sind. Gurujī sagt, dass die Ben­galen, mit denen er war, mäch­tige Yogīs sind, die ihn mit mysti­schen Kräften und schwarzer Magie beein­flussen. Jetzt ist er zwar zurück­ge­kehrt, aber bestimmt liegt ein Bann auf ihm, der ihn zwingen wird, wieder weg­zu­gehen. Gurujī sagt, dass die drei Tulasīketten, die er um den Hals trägt, und die Tulasī­perlen in dem Stoff­beutel, auf denen er chantet, ver­hext sind. Sie machen ihn gefügig und wil­lenlos. Wir müssen sie abschneiden, wäh­rend er schläft.“

Die Familie schlich nachts zur Schla­fens­zeit in sein Zimmer und schickte seinen jün­geren Bruder mit einem Messer vor, um ihm die Hals­ketten abzu­schneiden. Doch Śrīla Guru­deva hielt beim Schlafen gewöhn­lich seinen Chant­beutel in seinen Händen auf der Brust und trug einen chaddar um seinen Hals. Sein Bruder war ratlos. Meh­rere Minuten ver­gingen, in denen er still neben Guru­devas Bett hockte und ange­strengt über­legte, wie er es anstellen sollte. In dem Moment öff­nete Śrīla Guru­deva seine Augen und blickte ihn direkt an. Er durch­schaute seine Absicht und sagte zornig: „Wenn du mir meine Tulasīketten abschnei­dest, schneide ich mir den Hals durch. Willst du das?“

Nein“, ant­wor­tete dieser ent­gei­stert, „aber du ver­stehst nicht: auf diesen Ketten liegt ein Bann, der dich ver­wirrt. Bitte nimm sie ab, damit sie dich nicht mehr kon­trol­lieren.“

Ich bin bei klarem Ver­stand“, erwi­derte Guru­deva, „und ich werde nie­mandem erlauben, meine Tulasī zu ent­fernen.”

Selbst dieser pein­liche Vor­fall hielt die Familie nicht davon ab, ihren Plan wei­ter­zu­ver­folgen. Nach zwei wei­teren Fehl­ver­su­chen schließ­lich kam Paṇḍita Tiwari zur Ein­sicht. Er hatte eines Nachts einen Traum, in dem eine gött­liche Stimme zu ihm sprach: „Śrīman Nārāyaṇa ist Mein reiner Geweihter. Er ist in dieser Welt nur erschienen, um Mir zu dienen. Ich habe Mahā-Lakṣmī gesandt, deinen Reis zu pflanzen, damit deine Familie keinen Mangel leidet, wäh­rend du nach deinem Sohn suchst. Lass jetzt Śrīman Nārāyaṇa unge­stört seinen bha­jana aus­führen.“

Paṇḍita Tiwari hörte noch einmal den­selben Vers, den sein Sohn zuvor zitiert hatte:

devarṣi-bhūtāpta-nṛṇāṁ pitṝṇāṁ
na kiṅ­karo nāyam ṛṇī ca rājan
sar­vāt­manā yaḥ śaraṇaṁ śaraṇyaṁ
gato mukundaṁ pari­hṛtya kartam

Der­je­nige, der sich Mir, Mukunda, völlig ergeben hat, ist nie­mandem etwas schuldig. Ich begleiche seine Schulden. Warum sorgst du dich? Dein Sohn besitzt niṣkiñcana-bhakti für Guru und Bha­gavān. Er ist mit allen guten Eigen­schaften gesegnet und seine Ver­wandten werden nie Mangel leiden. Du hast nicht einen Halm gepflanzt und trotzdem ist alles besser gewachsen denn je. Wor­über also beschwerst du dich? Lass deinen Sohn seinen Weg gehen.“

Paṇḍita Tiwari erwachte und ging zu seinen Fel­dern. Er sah, dass der gesamte Reis geschnitten und zu Garben gebunden war. Er fragte herum, wer das getan hatte, aber jeder war genauso über­rascht wie er. Am näch­sten Tag, als er mit dem Dre­schen beginnen wollte, fand er die ganze Ernte aus­ge­dro­schen und in Säcke ver­packt vor, das Stroh sorg­fältig daneben auf­ge­schichtet. Zuvor hatte er sich gewun­dert: „Wer hat den Reis gepflanzt?“ Und jetzt fragte er sich: „Wer hat gepflanzt, geerntet, gedro­schen und sor­tiert?“

Die gesamte Familie hatte über der Suche nach ihrem geliebten Śrīman Nārāyaṇa alles ver­gessen, und als sie ihn dann gefunden hatten, fei­erten sie und ver­nach­läs­sigten die Ernte. Aber wie durch ein Wunder war die Arbeit getan.

Śrīla Guru­deva ver­lebte seine Zeit zu Hause mit dem drän­genden Wunsch, wieder in Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārājas āśrama zurück­zu­kehren. Die meiste Zeit des Tages brachte er mit spi­ri­tu­ellen Tätig­keiten zu und nahm seine Mahl­zeiten allein in seinem Stu­dier­zimmer ein. Er stand jeden morgen früh auf und ging zur Gaṅgā. Nach­mit­tags gab er seinen jün­geren Geschwi­stern Nach­hil­fe­un­ter­richt in ihren Schul­fä­chern und las ihnen Geschichten aus den Schriften vor.

Eines Nach­mit­tags im Januar 1948 kamen sein jün­gerer Bruder und seine Schwe­ster mit ihren Haus­auf­gaben zu ihm, aber Guru­deva sagte, dass er sich nicht wohl fühle und sie an diesem Tag nicht unter­richten würde. Als seine Mutter ihm sein Abend­brot brachte, lehnte Guru­deva das prasāda ab. Am näch­sten Morgen gegen Neun schickte Paṇḍita Tiwari seinen jüng­sten Sohn, um zu sehen, wie es Guru­deva ginge und ob er Hilfe oder Medizin bräuchte, weil er nicht wie gewohnt auf­stand und die Familie begrüßte. Guru­deva schlief auf einer höl­zernen Prit­sche und einer ein­fa­chen Matratze unter einem Mos­ki­to­zelt, das über die vier Ecken seines Bettes her­ab­hing. Der Junge kam in das Stu­dier­zimmer und trat an Guru­devas Bett. Er sah auf die Decke auf Guru­deva und dachte sich: „Er muss sehr krank sein, dass er sogar seinen Kopf bedeckt.“ Als er aber die Decke anhob, lag dar­unter nur Stroh. Er stürmte zurück ins Haus mit der nie­der­schmet­ternden Nach­richt, dass Nārāyaṇa fort war.

Für viele Tage hatte Guru­deva dar­über nach­ge­dacht, wie er sich ohne großes Auf­sehen davon­stehlen konnte. Diese Nacht nun hatte er Stroh unter seine Decken gestopft und war unge­sehen aus dem Haus geschlüpft. Um nicht zu ris­kieren, dass ihn jemand erkannte und seine Familie benach­rich­tigte, ging er nicht zum ört­li­chen Bahnhof, son­dern wählte einen Weg durch einen gefähr­li­chen Wald, in dem Gei­ster in Gestalt von Büf­feln, Stieren und schau­rigen Raub­tieren her­um­spukten. Nie­mand aus der Gegend setzte nachts einen Fuß in diesen Wald. Nur mit einem dhoti und chaddar am Leib und seiner Tulasīkette in der Hand, auf der er unab­lässig chan­tete, durch­querte Śrīla Guru­deva unbe­hel­ligt das Wald­stück.

An einem Bahnhof weit weg von seinem Dorf kaufte Guru­deva am frühen Morgen eine Zug­fahr­karte nach Navad­vīpa. In Navad­vīpa kam er zur Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha. Seine auf­ge­lö­sten Ange­hö­rigen dagegen fuhren sofort nach Devag­hara, in der Hoff­nung, ihn dort zu finden. Als sie ihn nicht antrafen, schickten sie Such­trupps zu allen Gauḍīya-āśramas in Ben­galen und fanden heraus, dass ihr Sohn sich in der Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha in Navad­vīpa auf­hielt. Guru­devas Eltern besuchten ihn dort und baten ihn, zurück­zu­kehren. Doch Guru­deva war ent­schlossen, in Navad­vīpa unter der Obhut Ācārya Kes­arīs zu bleiben. Als sie ihn nicht umstimmen konnten, ersuchte ihn sein Vater schließ­lich: „Wir haben einen letzten Wunsch. Bevor wir aus diesem Leben scheiden, besuche uns bitte ein letztes Mal.“

Śrīla Guru­deva stimmte zu und seine Eltern kehrten schweren Her­zens nach Hause zurück, ihrer letzten Hoff­nung beraubt. Sie waren besiegt worden. Wie konnten sie Guru­deva über­zeugen, zurück­zu­kommen, wenn ihre Felder voller Getreide standen? Wäre nicht die uner­klär­liche Reis­ernte, wer weiß, was die Tiwaris ange­stellt hätten, um Guru­deva zurück zum Hof zu holen. Bihārīs können äußerst unge­halten werden und sehr nach­tra­gend sein.

Doch das Leben der Tiwaris ging weiter, und zwar ohne Schwie­rig­keiten, denn es heißt, dass Bha­gavān 330 Mil­lionen Halb­götter im Dienst derer beschäf­tigt, die Ihm alles hin­geben. Die Men­schen aus Tiwārīpura und den Nach­bar­dör­fern fühlten sich von Bha­gavān inspi­riert, den Tiwaris mit ihren Fel­dern und ihrem Anbau zu helfen. Bald waren Śrīla Guru­devas Brüder alt genug, den Hof zu führen, und seine Schwe­stern wurden in ehr­bare Fami­lien ver­hei­ratet. Auch Guru­devas drei Töchter wurden mit Erfolg groß­ge­zogen und hei­ra­teten ange­se­hene Ehe­männer.

Am Anfang waren die Leute aus Tiwa­ripur ent­rü­stet und ver­ur­teilten Śrīla Guru­deva dafür, seine Familie und jungen Kinder im Stich zu lassen. Jahre später aber ver­standen sie seine Größe und viele kamen für Rat zu ihm und nahmen harināma- und dīkṣā-Ein­wei­hungen von ihm an. Sie ver­standen, dass Śrīla Guru­deva kein gewöhn­li­cher Mensch war, son­dern eine befreite Seele, die barm­her­zi­ger­weise in ihrem Dorf erschienen war.

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