Das Erblühen reiner Bhakti

Viele Fei­er­lich­keiten fanden in den Monaten von Śrīla Guru­devas Ankunft im Tempel bis zum Erscheinen Cai­tanya Mahāprabhus am 7. März 1947 statt. Am 11. Februar rich­tete Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja ein drei­tä­giges Vyāsa‐pūjā‐Fest zum Anlass des Erschei­nens Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākuras aus. Dazu lud er Hun­derte Gott­ge­weihte aus Ben­galen, Orissa und anderen Lan­des­teilen ein. Die Geweihten tanzten glück­selig im kīr­tana und prasāda wurde an Tau­sende Gäste ver­teilt. Den ganzen Tag über waren Vor­träge über die Herr­lich­keiten der Gauḍīya‐Paramparā zu hören. Param­parā in diesem Zusam­men­hang bedeutet Schü­ler­nach­folge, und Gauḍīya bezieht sich auf die Tra­di­tion, die durch Cai­tanya Mahāprabhu über Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura und Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura her­ab­kommt. Weil Śrīla Keśava Gos­vāmī Mahārājas Erschei­nungstag drei Tage vor dem Erschei­nungstag Śrīla Prab­hupādas war, konnte Guru­deva zudem von dessen Schü­lern im Tempel von Ācārya Kes­arīs Leben und Ruhm erfahren.

Śrī­matī Rād­hārāṇī schickte Ihre geliebten Diener, Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura, Śrīla Saras­vatī Ṭhākura Prab­hupāda, Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja und deren Gefährten in der Gauḍīya‐Nachfolge, ange­fangen mit Svarūpa Dāmo­dara und Rūpa Gos­vāmī, in diese Welt, um die Men­schen an ihre Bezie­hung zu Kṛṣṇa zu erin­nern. Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura erschien am 2. Sep­tember 1838 in einer Familie der höheren Schichten in Vīra­na­gara in West­ben­galen. Auf­grund seiner außer­ge­wöhn­li­chen Qua­li­fi­ka­tionen beför­derte ihn die bri­ti­sche Regie­rung in Indien auf den hoch­an­ge­se­henen Posten eines Magi­strats. Seine Sach­kenntnis und sein Können ver­halfen ihm all­seits zu Ruhm und Aner­ken­nung.

bhaktivinoda-thakuraBhak­ti­vinoda Ṭhākura bereiste uner­müd­lich Städte und Dörfer und inspi­rierte Tau­sende, über die glor­rei­chen Hei­ligen Namen des Herrn zu hören und zu singen. 1866 begeg­nete Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura in Vṛn­dāvana Śrīla Jagan­nātha Dāsa Bābājī Mahārāja und nahm ihn als seinen unter­wei­senden spi­ri­tu­ellen Mei­ster an. Trotz seiner viel­fäl­tigen mate­ri­ellen Ver­pflich­tungen ver­fasste Bhak­ti­vinoda Ṭhākura über ein­hun­dert Bücher spi­ri­tu­elle Lite­ratur in ver­schie­denen Spra­chen, zusammen mit hun­derten devo­tio­nalen Lie­dern. An einer Stelle schrieb er:

Wann wird der Tag kommen, an dem Men­schen aller Länder, ohne Rück­sicht auf Kaste und Her­kunft, zusam­men­kommen und freud­voll im harināma‐saṅkīrtana tanzen?“

Im Rahmen seines Regie­rungs­dien­stes wurde Bhak­ti­vinoda Ṭhākura auch nach Jagan­nātha Purī in Orissa ver­setzt. Dort betete er ein­dring­lich zu Bimalā­devī, der Energie Śrī Jagan­nāthas: „Allein kann ich die Bot­schaft reiner Hin­gabe nicht auf der Welt ver­breiten. Bitte sende einen Diener Rādhā‐Kṛṣṇas, der hilft, die gefal­lenen Seelen zu erlösen.“

Als Ant­wort darauf erschien am 6. Februar 1874 Śrīla Bhak­tis­id­dhānta Saras­vatī Ṭhākura Prab­hupāda, der vierte Sohn Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākuras und Śrī­matī Bha­ga­vatī Devīs. Bei seiner Geburt war seine Nabel­schnur wie eine hei­lige brāhmaṇa‐Schnur um seinen Körper gewickelt. Dieses und andere Kör­per­merk­male wiesen ihn als eine tran­szen­den­tale Per­sön­lich­keit aus. Bhak­ti­vinoda Ṭhākura erkannte in ihm einen von Bimalā­devī, der Energie des Herrn, Gesandten, und nannte ihn des­halb Bimalā Prasāda. Schon als Klein­kind offen­barte er die Merk­male einer außer­ge­wöhn­li­chen Per­sön­lich­keit. Einmal, als Bimalā Prasāda in seiner Wiege lag war, blieb Śrī Jagan­nātha wäh­rend des jähr­li­chen Wagen­fe­stes vor dem Haus Bhak­ti­vinoda Ṭhākuras stehen und bewegte sich drei Tage lang nicht von der Stelle. Als schließ­lich Bha­ga­vatī Devī aus dem Haus kam und ihr sechs Monate altes Kind auf die Lotos­füße des Herrn legte, fiel Śrī Jagan­nāthas präch­tige Blu­men­gir­lande auf ihn herab und Bha­ga­vatī Devī gab ihm Jagan­nāthas mahā‐prasāda als erste feste Nah­rung.

Bimalā Prasāda besaß eine über­durch­schnitt­liche Intel­li­genz und ein pho­to­gra­phi­sches Gedächtnis. Schon in früher Jugend erlernte er die Sanskrit‐Sprache mei­ster­haft und stu­dierte Astro­logie, Logik, Geschichte, Geo­gra­phie, Spra­chen und Phi­lo­so­phie. Beson­ders unge­wöhn­lich war sein Wissen in Astro­logie. Er ver­öf­fent­lichte Kom­men­tare zu berühmten Texten wie dem Sūrya‐Siddhānta. Seine Pro­fes­soren, die Bimalā Pras­ādas ein­zig­ar­tige Intel­li­genz und Gelehrt­heit schätzten, ver­liehen ihm den Titel Śrī Sid­dhānta Saras­vatī, mit dem ein bril­lanter Gelehrter aus­ge­zeichnet wird. In jungen Jahren wurde ihm der Vor­sitz des Lehr­stuhls für Astro­logie an der Uni­ver­sität in Kal­kutta vom dama­ligen Rektor, Āśu­toṣa Mukhopād­hyāya, ange­boten, aber Śrīla Saras­vatī Ṭhākura lehnte höf­lich ab: „Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um die Sterne am Himmel oder die Sand­körner am Strand zu zählen.“

bhaktisiddhanta-sarasvati-thakuraIm Oktober 1887 ent­schloss sich Bhak­ti­vinoda Ṭhākura, nach Vṛn­dāvana zu reisen und sich dem bha­jana zu widmen. Auf dem Weg über­nach­tete er in der Nähe des Tāra­keśvara Mahādeva‐Tempels im Birbhum Distrikt in Ben­galen. Dort offen­barte sich ihm Śrī Śiva in einer Vision und sprach zu ihm: „Geh nicht nach Vṛn­dāvana. Der Geburtsort Mahāprabhus ist bedeckt und nie­mandem mehr bekannt, und Mahāprabhus reine Bot­schaft wird nicht länger gelehrt. Kehre des­halb nach Navad­vīpa zurück und finde den Geburtsort Cai­tanya Mahāprabhus. Schreibe Bücher, pre­dige bhakti und eröffne āśramas, damit Geweihte, die ernst­haft bhakti prak­ti­zieren wollen, zusam­men­kommen und unge­hin­dert ein Leben in Hin­gabe führen können.“

Bhak­ti­vinoda Ṭhākura betete zu Mahā­deva: „Bitte segne mich, dass ich deinen Wunsch erfüllen kann. Die Men­schen dieser Zeit ver­ehren Gott und wollen bhakti prak­ti­zieren, aber sie sind von māyā ange­zogen und können ihre Sinne und ihre Wün­sche nach Sin­nes­ge­nuss nicht beherr­schen. Wie sollen solche, zwar auf­rich­tigen, aber schwa­chen Men­schen dem Pfad bedin­gungs­loser Hin­gabe folgen, wie ihn Mahāprabhu vor­lebte?“

 „Setze dein Pre­digen mit fri­schem Enthu­si­asmus fort”, ant­wor­tete Śiva, „ich werde für die­je­nigen, die sich auf­richtig wün­schen, deinen Lehren zu folgen, den bedeckenden Ein­fluss māyās und Kalis ent­fernen.“

Wann wird sich Mahāprabhus Bewe­gung welt­weit ver­breiten?“, fragte Bhak­ti­vinoda Ṭhākura.

Alles geschieht zu seiner Zeit“, sagte Śiva. „Die reine Hin­gabe, die Mahāprabhu lehrte, ist wie ein blü­hender Lotos. Bald wird sich sein Duft über­allhin ver­breiten. In den Genera­tionen, die nach dir in der Gauḍīya‐Sampradāya folgen, wird reiner bhakti‐yoga zuse­hends ver­breitet werden. Erst muss die Grund­lage geschaffen werden und dann, in der dritten Genera­tion nach dir, wird eine befreite Seele erscheinen und die Lehren spon­taner Anzie­hung und höch­ster Liebe zu Rādhā‐Kṛṣṇa in alle Winkel der Erde tragen.“

Bhak­ti­vinoda Ṭhākura kehrte freud­voll nach Navad­vīpa zurück und begann nach dem Erschei­nungsort Cai­tanya Mahāprabhus zu suchen, der im Laufe der Zeit ver­lo­ren­ge­gangen war. Eines späten Abends, als er leise in seiner Hütte am Fluss­ufer in Godruma chan­tete, sah Bhak­ti­vinoda Ṭhākura ein gol­denes Leuchten auf der anderen Seite der Gaṅgā. Er sah eine Stroh­hütte und strah­lende Per­sön­lich­keiten, die in hin­ge­bungs­voller Ekstase tanzten. Als sich diese Vision für meh­rere Nächte wie­der­holte, über­querte er schließ­lich die Gaṅgā, um zu erkunden, woher das Licht herkam. Als er immer weiter vor­drang, kam er zu einem Ort, der von den orts­an­säs­sigen Mus­limen auf­ge­geben worden war. Denn obwohl sie ver­sucht hatten, Gemüse anzu­bauen, wuchs dort nichts anderes als die hei­lige Tulasī‐Pflanze.

Anschlie­ßend begab sich Bhak­ti­vinoda Ṭhākura nach Krishn­anagar, einer nahe­le­genden Stadt, wo er alte Karten Navad­vīpas im Regie­rungs­ar­chiv stu­dierte.  Er fand heraus, dass die Gaṅgā in den letzten 500 Jahren mehr­fach ihren Lauf geän­dert und den Geburtsort Mahāprabhus erst bedeckt und später wieder frei­ge­geben hatte und dass Mahāprabhus wahrer Geburtsort in Māyāpura auf der öst­li­chen Seite der Gaṅgā lag.

Dies stimmte auch mit den Infor­ma­tionen aus den aner­kannten Bio­gra­phien Mahāprabhus überein, wie auch mit dem, was Bhak­ti­vinoda Ṭhākura in seinen Visionen gesehen hatte. Für eine wei­tere Bestä­ti­gung sandte er einen Brief an Śrīla Jagan­nātha Dāsa Bābājī, das dama­lige Ober­haupt der Gauḍīya‐Vaiṣṇavas in Indien, und bat ihn demütig, zu kommen und zu beur­teilen, ob dieser Ort Mahāprabhus Erschei­nungsort war.

Jagan­nātha Dāsa Bābājī kam aus Vṛn­dāvana nach Māyāpura. Wegen seines fort­ge­schrit­tenen Alters war es ihm nicht mög­lich, zu laufen, son­dern er wurde in einem Tra­ge­korb getragen. Doch als er in Māyāpura ein­traf, sprang er auf wun­der­same Weise aus seinem Korb und tanzte in Glück­se­lig­keit. Vaiṣṇavas aus ganz Indien wurden für ein saṅkīr­tana-Festival ein­ge­laden, das ein Monat lang andau­erte. Als Distrikt‐Magistrat stellte Bhak­ti­vinoda Ṭhākura einen Antrag auf ein grö­ßeres Stück des umge­benden Landes, wel­ches ihm von der Bri­ti­schen Regie­rung gewährt wurde. Dar­aufhin begann er mit Aus­gra­bungen am Geburtsort Cai­tanya Mahāprabhus und fand sogar Reste von Ein­rich­tungs­ge­gen­ständen aus dem Haus Mahāprabhus, ein­schließ­lich der Bild­ge­stalt Adho­kṣaja Viṣṇus, die von Jagan­nātha Miśra ver­ehrt worden war.

Śrīla Saras­vatī Ṭhākura half seinem Vater, Cai­tanya Mahāprabhus Geburtsort auf­zu­bauen, und begann dann, dort zu wohnen. Kurz darauf traf er seinen spi­ri­tu­ellen Mei­ster, Śrīla Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja. Im Jahre 1898 nahm er von ihm dīkṣā-Ein­wei­hung an. Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja ver­kör­perte das höchste Maß an strikter Ent­sa­gung, weil er unab­lässig in Ver­zückung seine innig geliebten Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇa ver­ehrte. Inspi­riert vom idealen Ver­halten und der Ver­eh­rung seines Guru­devas legte Śrīla Saras­vatī Ṭhākura ein Gelübde ab, eine Mil­li­arde Hei­lige Namen des mahā‐mantras zu chanten. Sogleich begann er mit 300 000 Namen täg­lich. Wäh­rend der neun Jahre, die es dauern sollte, bis er sein Gelübde erfüllt hatte, trug er nur ein Klei­dungs­stück, wel­ches er nach seinem täg­li­chen Bad in der Gaṅgā an seinem Körper trocknen ließ, und er aß nur einmal täg­lich am Abend etwas Reis und gekochtes Gemüse ohne Salz. Śrīla Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī war erfreut, die Ent­sa­gung und hin­ge­bungs­volle Ent­schlos­sen­heit seines Schü­lers zu sehen.

Am 24. Januar 1898 erschien in Vana­ri­pada in Ost­ben­galen ein ewiger Gefährte Śrīla Saras­vatī Ṭhākuras: Śrī Vinoda, der später als Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja bekannt wurde. Er stammte aus einer reli­giösen Adels­fa­milie, seine Eltern Śrīyut Śaratcandra Guhaṭhāk­urtā und Śrīyutā Bhu­va­na­mo­hinī Devī besaßen ein großes Gut. In seinem Horo­skop wurde vor­her­ge­sagt, dass er einmal ein füh­render Vaiṣṇava‐ācārya werden würde. Bhu­va­na­mo­hinī zog mit ihrem Sohn nach Dūdhal, in das Dorf ihres Vaters. In Ben­galen ist es üblich, dass die Mütter ihre Säug­linge mit Öl ein­mas­sieren und danach an einen warmen Ort in die Sonne legen. Eines Tages ließ Bhu­va­na­mo­hinī ihren Sohn Vinoda nach einer sol­chen Ölmas­sage im Son­nen­licht auf dem Hof liegen und ging ins Haus, um ihre Haus­halts­pflichten zu erle­digen.

Wäh­rend­dessen chan­tete Śrīla Saras­vatī Ṭhākura die Hei­ligen Namen und dachte dar­über nach, wie er dem Wunsch seines Vaters Bhak­ti­vinoda, die reine bhakti der Gauḍīya‐Sampradāya zu ver­breiten, gerecht werden könnte. Er dachte: „Den Seelen ist es bestimmt, Freude zu kosten, denn sie sind Erwei­te­rungen von Kṛṣṇas gött­li­cher Energie, der per­so­ni­fi­zierten Glück­se­lig­keit. Trotz all ihrer Bemü­hungen, glück­lich zu werden, wider­fährt den bedingten Seelen auf­grund ihrer Unwis­sen­heit end­loses Leid. Wie kann ich der Welt vinoda, ewiges Glück, schenken? Wann wird Vinoda kommen?“

Śrī Garuḍa, der Adler, der Śrī Viṣṇu trägt, hörte sein Gebet und ent­schloss sich: „Für die Freude Viṣṇus muss ich Vinoda zu Bimalā Prasāda bringen.“ Garuḍa flog in das Dorf Dūdhal herab, hob das Baby Vinoda vor­sichtig hoch und stieg sofort zum Himmel auf.

Gerade in dem Moment kam Bhu­va­na­mo­hinī, um nach ihrem Sohn zu schauen und sah plötz­lich ihr zartes Kind in den Krallen eines schon weit ent­fernen gol­denen Adlers. Sie schrie in großer Angst, rannte dem Adler nach und betete: „Oh Gott, bitte rette meinen Sohn! Wenn Du ihn zurück­bringst, ver­spreche ich Dir, dass ich ihn Deinem Dienst weihe.“ Hun­derte Dorf­be­wohner kamen aus ihren Häu­sern, als sie den Tumult hörten. Brāh­maṇa-Prie­ster wurden gerufen und sie begannen Schutz­m­an­tras zu chanten. Garuḍa emp­fand Mit­leid mit Vinodas Mutter, und weil er wusste, dass Vinoda sich später Bimalā Prasāda anschließen würde, legte er das Kind auf einer schwim­menden Betel­nuss­rinde in der Mitte eines nahe­ge­le­genen Sees ab und flog davon. Bhu­va­na­mo­hinī, die dem Adler nach­ge­rannt war, sah aus einiger Ent­fer­nung, wie ihr Sohn im Wasser abge­legt wurde. Mit den schlimm­sten Befürch­tungen sprang sie in den See und schwamm rasch, ihn zurück­zu­holen. Als sie zum Ufer zurück­kehrte, unter­suchte sie ihr Baby gründ­lich, aber als sie fest­stellte, dass ihm nichts geschehen war, pries sie den Herrn vor Freude über­schwäng­lich.

adler-mit-paramgurudevaIn Māyāpura folgte Śrīla Saras­vatī Ṭhākura weiter seinen täg­li­chen Gelübden und unter­stützte wäh­rend­dessen Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura bei seinen Zeit­schriften und beim Pre­digen und küm­merte sich um Mahāprabhus Geburtsort. Im Jahre 1911 for­derten die ortho­doxen brāh­maṇas aus Ben­galen die Vaiṣṇava‐Gemeinde mit der Behaup­tung heraus, dass die­je­nigen, die aus anderen Kasten stammten, keine brāh­maṇa-Ein­wei­hung erhalten und somit auch keine Veden stu­dieren durften. Es wurde eine Kon­fe­renz in Medinapura‐Distrikt in Ben­galen abge­halten, um den Sach­ver­halt zu dis­ku­tieren. Auf Anwei­sung Bhak­ti­vinoda Ṭhākuras gab Śrīla Saras­vatī Ṭhākura dort als Ver­treter der Vaiṣṇavas einen Vor­trag. Er ver­herr­lichte zuerst aus­giebig mit Versen aus den Schriften die brāh­maṇas, bewies danach aber mit Aus­sagen der Veden, dass im Grunde alle Lebe­wesen Teile parab­rahmas, der höch­sten Seele, und daher von ihrer Essenz her brāh­maṇas sind. Auf­grund ihrer Abkehr von Gott fallen die Lebe­wesen in diese mate­ri­elle Welt und werden des­halb als śūdras bezeichnet, als die­je­nigen, die in Klagen ver­tieft sind. Vaiṣṇavas sind wahre brāh­maṇas, weil sie eine unmit­tel­bare Bezie­hung zu Parab­rahma besitzen und sich immer freud­voll in Seinem Dienst beschäf­tigen.

Später im selben Jahr, auf einer anderen Gelehr­ten­kon­fe­renz, stärkte Śrīla Saras­vatī Ṭhākura das Ver­trauen der Anwe­senden in die Gött­lich­keit Cai­tanya Mahāprabhus, indem er mit Zitaten aus der Caitanya‐Upaniṣad des Atharva‐Vedas, aus anderen Upa­niṣaden und den Purāṇas die Ewig­keit des gaura‐mantras bewies.

So wurde Bhak­tis­id­dhānta Saras­vatī Ṭhākura zum Emp­fänger der Seg­nungen und der voll­stän­digen Barm­her­zig­keit Bhak­ti­vinoda Ṭhākuras. Die letzten Tage seines Lebens ver­brachte Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura in Godruma und ver­tiefte sich in bha­jana. Er dachte dar­über nach, wie den bedingten Seelen geholfen werden konnte. Er hatte mehr als ein­hun­dert Bücher in Sans­krit, Ben­gali, Oriya, Hindi, Urdu und Eng­lisch für die spi­ri­tu­elle Erhe­bung der Men­schen ver­fasst. Aber wie konnten diese Lehren ver­breitet werden und wo konnten die Geweihten sie in einem gün­stigen Umfeld prak­ti­zieren? Bhak­ti­vinoda Ṭhākura wies des­halb Śrīla Saras­vatī Ṭhākura an: „Jetzt, da Mahāprabhus Geburtsort wieder ent­hüllt ist, soll­test du Zen­tren für bhakti eröffnen und dort die reine Hin­gabe der vraja‐devīs lehren. Pre­dige den Ruhm Māyāpuras durch spi­ri­tu­elle Lite­ratur, führe all­jähr­lich Pilger durch Navadvīpa‐Dhāma und gründe Tempel. Errichte zuerst die Cai­tanya Maṭha im Māyāpura und eröffne dann Gauḍīya Maṭhas überall auf der Welt. Ich habe überall in Indien die Men­schen dazu gebracht, die Hei­ligen Namen zu chanten, aber ohne āśramas bleiben sie weiter der mate­ri­ellen Krank­heit aus­ge­setzt. Öffne des­halb Zen­tren, in denen sie von Klagen, Angst und Illu­sion geheilt werden können und ihnen die süße Medizin des vraja‐rasa (der gött­liche Liebe Vrajas) ver­ab­reicht wird.“

Śrīla Bhak­tis­id­dhānta Saras­vatī Ṭhākura nahm diese Anwei­sungen ver­trau­ens­voll an. Am 23. Juni 1914 ver­schied Bhak­ti­vinoda Ṭhākura von dieser Welt. In Tren­nung von seinem spi­ri­tu­ellen Beschützer chan­tete Śrīla Saras­vatī Ṭhākura in Māyāpura inständig und unab­lässig harināma und betete: „Oh Rādhe, bitte sende deine Nach­folger in diese Welt, um Liebe zu Kṛṣṇa zu lehren.“

Nach Jahren inten­siv­ster Ent­sa­gungen offen­barte sich Gaurāṅga Mahāprabhu selbst, in Beglei­tung seiner wich­tig­sten Gefährten, Śrīla Saras­vatī Ṭhākura in einer Vision. Mahāprabhu unter­wies ihn: „Jetzt ist die Zeit gekommen, die Gauḍīya Maṭha zu gründen und zum Wohle aller harināma‐saṅkīrtana zu ver­breiten. Ich habe Meine Gefährten bereits gesandt, um dich zu unter­stützen. Bald werden sie sich dir anschließen und dir helfen, die Bot­schaft gött­li­cher Liebe zu pre­digen.“

Mahāprabhu seg­nete Śrīla Bhak­tis­id­dhānta Saras­vatī Ṭhākura und ent­schwand dann. Śrīla Saras­vatī Ṭhākura war mit­tellos und ohne Unter­stüt­zung, aber die Energie, mit der er ermäch­tigt war, über­traf an Kraft sogar die Stärke Vai­kuṇṭhas. Zusammen mit seinen hin­ge­ge­benen Nach­fol­gern sollte er in kür­ze­ster Zeit mād­hurya (die Süße der Spiele Śrī Rādhā‐Kṛṣṇas) und audārya (die Barm­her­zig­keit Śrī Cai­tanya Mahāprabhus) auf der ganzen Welt ver­teilen.

Zehn Jahre zuvor war Vinoda Bihārī zu einem kräf­tigen Jungen her­an­ge­wachsen. Merk­wür­di­ger­weise hatte er bis zum Alter von sieben Jahren immer noch kein Wort gespro­chen und nichts anderes als die Milch seiner Mutter zu sich genommen. Selbst­re­dend war seine Familie dar­über ernst­haft besorgt. Eines Tages besuchte ein sādhu ihr Haus, und Bhu­va­na­mo­hinī, nachdem sie ihn bewirtet hatte, fragte ihn, wir ihr Sohn von dieser selt­samen Ano­malie geheilt werden könnte.

Gehe zu der Schu­ster­fa­milie, die auf deinem Land lebt“, unter­wies sie der Sādhu. „Dieses Ehe­paar ver­ehrt mit großer Hin­gabe Gaura‐Nitāi. Wenn du ihre mahā‐prasāda-Essens­reste deinem Sohn bringst, wird er anfangen, zu essen und zu spre­chen.“

  „Wie kann ich die Essens­reste von Leuten, die mit Leder arbeiten, meinem Sohn geben?“ dachte Bhu­va­na­mo­hinī. Den­noch befolgte sie den Rat des sādhus und ging eines Abends, nachdem es dunkel geworden war, zu dem Haus der Schu­ster. Als sie dort ein­traf, sah sie, wie das Ehe­paar vor den Gaura‐Nitāi‐Bildgestalten sang. Gaura‐Nitāi schenken ihre Zunei­gung einem jeden, unge­achtet seiner Her­kunft oder Stel­lung. Das Ehe­paar war über­rascht. Ach­tungs­voll emp­fingen sie Bhu­va­na­mo­hinī: „Es ist unser großes Glück, Sie zu sehen. Warum sind Sie per­sön­lich ins Haus ihrer nied­rigen Sassen gekommen? Sie hätten ihren Diener schicken können, dann wären wir zu Ihnen gekommen.“

Bitte opfern Sie bhoga zu Gaura‐Nitāi“, sagte Bhu­va­na­mo­hinī, „nehmen Sie prasāda zu sich und geben Sie mir etwas von Ihren Essens­re­sten.“

Aus­ge­schlossen!“ riefen die beiden. „Wir können Ihnen unser Leben geben, aber nicht unsere Essens­reste!“

Ich bitte Sie inständig“, erwi­derte Bhu­va­na­mo­hinī, „erfüllen Sie mir meinen Wunsch. Es ist eine überaus wich­tige Ange­le­gen­heit.“

Doch das Paar lehnte ab, obgleich Bhu­va­na­mo­hinī wie­der­holt darum bat. Schließ­lich, unter dem Ein­fluss der mysti­schen Kraft des Höch­sten Herrn, opferte das Ehe­paar Essen zu Gaura‐Nitāi, nahm etwas davon zu sich und gab die Spei­se­reste Bhu­va­na­mo­hinī. Sie kehrte damit nach Hause zurück und gab das mahā‐prasāda Vinoda, der es mit großer Zufrie­den­heit aß. Dann, mit sieben Jahren, begann Vinoda end­lich zu essen und zu spre­chen. Daraus lässt sich ersehen, dass die Vaiṣṇavas das mahā‐prasāda von Geweihten des Herrn mehr ver­ehren als das unmit­tel­bare prasāda des Herrn.

Vinoda war ein begabtes und außer­ge­wöhn­li­ches Kind. Mühelos mei­sterte er die Schule. Er grün­dete aus eigener Initia­tive mit seinen Schul­freunden ein brah­macārī-Bund, indem er erklärte: „Der Sinn des mensch­li­chen Lebens besteht darin, sich nicht den Freuden der Sinne, son­dern voll­ständig dem Dienst Gottes zu widmen. Jeder, der unseren Bund bei­treten möchte, muss ver­spre­chen, für das spi­ri­tu­elle Wohl unseres Landes sein ganzes Leben dem Zölibat zu folgen.“ Ange­zogen von seinem Cha­risma traten viele junge Männer seinem Bund bei. In der Hoch­schule for­derte Vinoda seine Lehrer heraus, um ihre unper­sön­li­chen Kon­zepte über die Abso­lute Wahr­heit zu besei­tigen, aber er tat es auf eine solch takt­volle Art, dass sie ihm trotzdem wohl­ge­sinnt blieben.

In Indien ist es üblich, dass Berufs­spre­cher das Bhāga­vatam gegen Bezah­lung vor­tragen. Vinoda war ärger­lich, als er sah, dass die mei­sten dieser Gelehrten die Schriften nicht nur gegen Geld vor­trugen, son­dern auch den Unter­wei­sungen der Schriften, aus denen sie lehrten, nicht selbst folgten. Er dachte: „Viele soge­nannte Nach­folger Mahāprabhus pre­digen das Bhāga­vata, aber sind zugleich ihren schlechten Gewohn­heiten ver­fallen. Sie können Berau­schung und andere sünd­hafte Hand­lungen nicht auf­geben. Mahāprabhu hat jedoch unter­wiesen, dass er nichts von jemandem annehmen wird, der nicht min­de­stens 100 000 Hei­ligen Namen täg­lich chantet. Wo kann ich einen Hei­ligen finden, der Mahāprabhus Anwei­sungen wahr­haft folgt?“

Es begab sich, dass die ersten weib­li­chen Schü­le­rinnen Śrīla Saras­vatī Ṭhākuras, Śrīyuta Saro­ja­vā­sinī Devī und Pri­ya­tama Devī, Vinodas Tanten waren. Vinoda erfuhr von ihnen von der Größe und Erha­ben­heit ihres spi­ri­tu­ellen Mei­sters, und 1915 kam er mit ihnen zusammen zum Navadvīpa‐Dhāma‐Parikramā, um diesen großen Hei­ligen per­sön­lich zu ehren. Śrīla Saras­vatī Ṭhākura hatte kurz zuvor begonnen, sein Pre­digen aus­zu­weiten. Seine Schüler hatten ihm den Titel Prab­hupāda ver­liehen, wel­cher bedeutet: (1) der­je­nige, der andere den Lotos­füßen des Herrn (Prabhu) dar­bringt und ihnen damit die Gele­gen­heit gibt, Prabhu zu dienen; (2) der­je­nige, der selbst immerzu den Lotos­füßen seines Prabhus dient; und (3) der­je­nige, dessen Füßen viele große Per­sön­lich­keiten dienen.

Schon bei der ersten Begeg­nung mit Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura war Vinoda von dessen hei­ligen Eigen­schaften beein­druckt und ver­sprach, ihm lebens­lang zu dienen. Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura erwähnte vor Vinodas Tante, Saro­ja­vā­sinī Devī, dass er ent­schlossen war, Tempel auf jedem der neun Inseln Navad­vīpa Dhāmas zu gründen, wie auch Zweige der Gauḍīya Maṭha in ganz Indien und auf der ganzen Welt, und durch diese Zen­tren spi­ri­tu­elle Lite­ratur zum Wohl der All­ge­mein­heit zu ver­öf­fent­li­chen und zu ver­breiten.

Saro­ja­vā­sinī Devī fragte demütig: „Śrīla Prab­hupāda, wie wird es Ihnen mög­lich sein, so viele Tempel zu erhalten? Sie haben kaum genug brah­macārīs, um wäh­rend der ārati Instru­mente zu spielen.“

Prab­hupāda wies auf ihren Neffen und sagte: „Vinoda wird dafür sorgen. Er wird sich um die Tempel küm­mern und jeden im freud­vollen Dienst Rādhā‐Kṛṣṇas und Mahāprabhus beschäf­tigen.“

Bald darauf erhielt Vinoda Bihārī Ein­wei­hung von Prab­hupāda. Im selben Jahr schickte ihn Prab­hupāda auch zu seinem eigenen spi­ri­tu­ellen Mei­ster, Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja, um dessen Seg­nungen zu erbitten. Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja hatte sich in einer öffent­li­chen Toi­lette in Kuliyā ein­ge­schlossen, weil er es leid war, den Mief der Mate­ria­li­sten zu ertragen, die ihn besuchten und seinen bha­jana störten. Śrīla Bābājī Mahārāja war erfreut, Vinoda Bihārīs festen Ver­trauen in seinen Guru zu sehen und seg­nete ihn: „Ich habe die Ver­ant­wor­tung für dich über­nommen und alle Hin­der­nisse in deinem Leben besei­tigt. Diene deinem Guru Mahārāja furchtlos und pre­dige Śrī Cai­tanya Mahāprabhus Bot­schaft und Herr­lich­keit.“

Vinoda Bihārī weinte, als er diese Seg­nung von seinem spi­ri­tu­ellen Groß­vater ver­nahm. Er fiel Śrīla Bābājī Mahārāja zu Füßen und strich sich den Staub von dessen Füßen auf seinen Kopf.

Am 17. November 1915 ging Śrīla Gau­ra­kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja in die spi­ri­tu­elle Welt zurück. Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura gab seinen tran­szen­den­talen Körper in samādhi. Im Jahre 1918 nahm Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura for­mell den ent­sagten Lebenstand, san­nyāsa, an und wurde fortan als Śrī Śrīmad Bhak­tis­id­dhānta Saras­vatī Ṭhākura Prab­hupāda bekannt. Mit großem Enthu­si­asmus begann er eine bei­spiel­lose Bewe­gung, um die Her­zens­wün­sche seiner spi­ri­tu­ellen Mei­ster zu erfüllen. Noch im glei­chen Jahr grün­dete er die Śrī Cai­tanya Maṭha in Māyāpura und ein Zen­trum für die Öffent­lich­keit in Kal­kutta, von dem aus er spi­ri­tu­elle Lite­ratur ver­legte.

1920 mel­dete er die Gauḍīya Maṭha offi­ziell an und seine Bewe­gung nahm Fahrt auf. Es war die Zeit, in der die indi­sche Bevöl­ke­rung in Mahātmā Gāndhīs gewalt­loser Bewe­gung oder in Sub­hash Candra Boses bewaff­netem Wider­stand im Unter­grund um Frei­heit von der bri­ti­schen Herr­schaft kämpften. Zugleich aber initi­ierte Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura mit der Gauḍīya Maṭha eine spi­ri­tu­elle Revo­lu­tion, der sich Tau­sende Leute anschlossen und in der Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura lehrte, wie man alle welt­li­chen Hin­der­nisse über­kommt und die Seele von der mate­ri­ellen Exi­stenz befreit. Gelehrte Men­schen aus ganz Indien ergaben sich Prab­hupāda und er ver­wan­delte sie in reine Vaiṣṇavas. Er weihte qua­li­fi­zierte junge Männer in den san­nyāsa-mantra ein und sandte sie in Beglei­tung von brah­macārīs aus, um die saṅkīr­tana-Bewe­gung Mahāprabhus zu ver­breiten.

Prab­hupādas Pre­digen brachte Kali Mahārāja, den König des Zeit­al­ters des Streites, auf, denn es wandte sich gegen die sünd­haften Tätig­keiten, die im Namen der Reli­gion aus­geübt wurden. Kali Mahārāja eröff­nete Zen­tren auf der west­li­chen Seite der Gaṅgā, um die Suchenden vom rechten Weg abzu­lenken. Er klei­dete sie wie ent­sagte Vaiṣṇavas, lehrte sie erfun­dene Man­tras, die nicht in den Schriften zu finden sind, und pre­digte: „Liebe kennt keine Regeln. Esst Fisch, trinkt Alkohol und ver­gnügt euch. Je mehr ihr alle Unter­schei­dung auf­gebt, desto glück­li­cher werdet ihr.“ Prab­hupāda dagegen führte strenge Regeln und Regu­lie­rungen ein. Die­je­nigen, die sich vom vor­ge­schrie­benen Pfad abwandten, ten­dierten zu den Pseudo‐bābājīs, die unter dem Vor­wand zurück­ge­zo­genen bha­jans ihre Sinne befrie­digten. Jedoch wird jemand, der sich auch nur ein wenig mit dem Vaiṣṇa­vatum beschäf­tigt, ver­stehen, dass es dort keinen Platz für Zügel­lo­sig­keit gibt.

Trotz Kalis Bemü­hung ver­brei­tete sich Prab­hupādas Bewe­gung rasant, vor allem durch die auf­la­gen­starke Her­aus­gabe einer spi­ri­tu­ellen Tages­zei­tung sowie wöchent­li­cher, halb­mo­nat­li­cher und monat­li­cher Zeit­schriften in ver­schie­denen Spra­chen. Die gebil­dete Schicht schätzte Prab­hupāda als eine lang erwar­tete Stimme der Rein­heit und Wahr­heit im Dickicht pseu­do­re­li­giöser Schar­la­tane. Weil er deren Deka­denz auf­zeigte, wuchsen aber zugleich unter den bābājīs und smārtas die Miss­gunst und der Neid auf den wach­senden Erfolg Prab­hupādas. Ihr Ärger wurde mit jedem Jahr größer und sie spannen Intrigen, um Prab­hupādas Pre­digen zu hin­ter­treiben und ihm nach dem Leben zu trachten.

Im Ver­lauf des Navadvīpa‐Dhāma‐Parikramās 1925 wurde die Gruppe fried­fer­tiger Pilger uner­wartet von einer zor­nigen Rotte ange­griffen und mit Steinen, Zie­geln und Glas­fla­schen beworfen. Panik brach aus. Als Śrī Vinoda Bihārī (Śrīla Keśava Gos­vāmī Mahārāja) sah, dass das Leben seines Guru­devas in Gefahr war, han­delte er sofort. Wäh­rend jeder davon­lief, um sich in Sicher­heit zu bringen, zog er Prab­hupāda in ein nahe­ge­le­genes Haus und tauschte mit ihm die Klei­dung – seine weißen Sachen gegen die san­nyāsa-Kleider Prab­hupādas – und sandte ihn dann unbe­merkt zurück nach Māyāpura. Er selbst dagegen stellte sich den Angrei­fern.

paramgurudeva-tauscht-kleidungÜber die näch­sten zehn Jahre hinweg grün­dete Prab­hupāda 64 Tempel, āśramas und Zen­tren und weihte auf seinen Reisen und Pil­ger­fahrten durch Indien zehn­tau­sende Men­schen in die Schü­ler­nach­folge reiner bhakti ein. Er sandte aus­er­wählte Reprä­sen­tanten ins Aus­land, die unter anderem Zen­tren in Burma und Eng­land eröff­neten. Seine Tempel waren wie Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren für die lei­denden Seelen dieser Welt. Viele soge­nannte reli­giöse Führer bemühen sich aus­schließ­lich um die Ver­bes­se­rung der Gesell­schaft. Ohne die spi­ri­tu­elle Ent­wick­lung in den Mit­tel­punkt zu stellen, beschäf­tigen sie ihre Nach­folger mit Wohl­fahrts­tä­tig­keiten wie dem Bauen von Kran­ken­häu­sern und Schulen. Solche Kran­ken­häuser helfen bei phy­si­schen und men­talen Krank­heiten, heilen aber nicht das wahre Übel – unsere Unwis­sen­heit über unsere wahre Natur und unsere Krank­heit, selbst der Herr der Schöp­fung sein zu wollen.

Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura zeigte das Mittel zum wahren Erfolg auf, indem er die Welt unter­wies: „Weil die Seele zum Körper und Geist tran­szen­dental ist, gehört sie zu keiner Kaste oder sozialen Ein­tei­lung. Haltet euch von der gif­tigen Schlange des Sin­nes­ge­nusses fern. Erkennt euch als Die­ners Kṛṣṇas, wel­cher die höchste Zuflucht ist, das Reich tran­szen­den­talen Glücks und der Geliebte Śrī­matī Rād­hārāṇīs. Auf diese Weise werdet ihr befreit und könnt eure wahre Iden­tität als lie­bende Diener Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇas unter der Füh­rung der Vraja‐devīs erlangen.“

Vinoda Bihārī Brah­macārī lei­tete meh­rere Zen­tren in Indien, eine Schule (das Bhaktivinoda‐Institut), und den Verlag, der die regel­mäßig erschei­nenden Zei­tungen und Zeit­schriften ver­öf­fent­lichte. 1934, in der großen Zusam­men­kunft, die Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura jähr­lich nach Gaura‐Pūrṇimā abhielt, wür­digte Prab­hupāda den her­vor­ra­genden Bei­trag Śrī Vinoda Bihārī Brah­macārīs, indem er ihm den Titel kṛti­ratna ver­lieh (über­tragen: „Mei­ster in allen Tätig­keiten“). Prab­hupāda ver­herr­lichte seinen ver­trauten Diener nicht nur als ein Juwel an Geschick, son­dern auch als ein Juwel seines Her­zens. Śrī Vinoda Bihārī, gleich dem Stein der Weisen, hatte die beson­dere Eigen­schaft, das Herz eines jeden, der in seine Gemein­schaft kam, zu wan­deln.

Im Dezember 1936 deu­tete Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura an, dass er diese Welt bald ver­lassen würde. Er rief seine wich­tig­sten Schüler nach Kal­kutta und wies sie an: „Ver­gesst nie, dass es eure Beru­fung ist, die Bot­schaft der spi­ri­tu­ellen Welt hoch­zu­halten, selbst gegen jede Oppo­si­tion und selbst ange­sichts unzäh­liger Hin­der­nisse.

Schließt nur die Gefühle Śrīla Rūpa und Śrīla Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmīs in euer Herz und gib sie an jeden weiter, der euch begegnet. Unsere höchste Bestre­bung ist der Fuß­staub der Lotos­füße der Nach­folger Śrī Rūpas. Ich werde immer gegen­wärtig sein und denen helfen, die Respekt und Ver­trauen besitzen, die den Dienst Śrī­matī Rād­hārāṇīs schätzen und sich wün­schen, in Ihrer Gruppe unter der Füh­rung Śrī Rūpas zu dienen.“

Śrīla Prab­hupāda schrieb 108 Grund­sätze für seine Nach­folger im All­ge­meinen nieder und über­trug seine gesamten Besitz­tümer füh­renden brah­macārīs und gṛhasthas. Zu den zahl­rei­chen san­nyāsīs sagte er: „Ihr lebt im ent­sagten Stand, warum sollte ich euch Ver­mögen und Besitz hin­ter­lassen? Ich möchte euch nicht in diese unbe­deu­tenden Dinge ver­stricken. Die ganze Welt gehört euch zum Pre­digen. Ver­öf­fent­licht Bücher, reist umher und pre­digt die Bot­schaft und Herr­lich­keit Mahāprabhus.“

Am frühen Morgen des 31. Dezem­bers 1936 kehrte Śrīla Prab­hupāda in die Spiele Rādhā‐Kṛṣṇas zurück. In Abwe­sen­heit des starken Vor­bilds und Leh­rers brach ein Streit über seinen Nach­lass aus und viele der mis­sio­na­ri­schen Tätig­keiten kamen zum Erliegen. Um das Pre­digen wieder zu beleben, erwarb Śrī Vinoda Bihārī in Bos­pāḍā in Kal­kutta eine Drucker­presse und grün­dete 1940 die Gauḍīya Vedānta Samiti. Als Grün­dungs­mit­glieder unter­zeich­neten Abhaya Caraṇa Bhak­ti­ve­dānta Prabhu, Sajjana‐Sevaka und Nārāyaṇa Chattarjee. Śrī Vinoda Bihārī grün­dete die Samiti am Akṣaya‐Trītīyā‐Tag, dem glück­ver­hei­ßend­sten Tag für eine neue Unter­neh­mung im Vedi­schen Kalender. Anschlie­ßend errich­tete er die Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha in Navad­vīpa. Eines nachts erschien Prab­hupāda ihm im Traum und unter­wies ihn: „Jetzt musst du san­nyāsa annehmen. Dein Name wird Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Mahārāja lauten.“ Prab­hupāda hatte viele Male ver­sucht, ihm san­nyāsa zu geben, doch füh­rende Gott­ge­weihte hatten immer wieder Ein­wände erhoben: „Wer wird sich um die Maṭhas küm­mern, wenn Vinoda san­nyāsī wird?“ Des­halb hatte Prab­hupāda gewartet. Im Jahre 1940 nun, am Viśvarūpa‐Pūrṇimā‐Tag, nahm Śrī Vinoda Bihārī in der Stadt Katavā in Navad­vīpa im Kreis seiner Gott­brüder san­nyāsa an. Jetzt als Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja bekannt, begann er kraft­voll die Lehren seines Guru­devas zu ver­breiten.

Śrīla Bhak­ti­vinoda Ṭhākura befreite den Strom reiner Hin­gabe von den Hin­der­nissen ver­schie­den­ster Fehl­auf­fas­sungen, die nach dem Fort­gehen Cai­tanya Mahāprabhus erwachsen waren. Durch die Kraft seines inten­siven bha­janas erhellte er die Bot­schaft der vraja‐bhakti in zahl­rei­chen tran­szen­den­talen Schriften. Er hegte den starken Wunsch nach einer ermäch­tigten Per­sön­lich­keit, die Ver­ant­wor­tung über­nehmen würde, den Nektar der vraja‐bhakti zu ver­breiten. Śrīla Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura eröff­nete Vraja‐Pattana und die Gauḍīya‐Maṭha: Aus­bil­dungs­stätten, zu denen Men­schen kommen und ihren Dienst im tran­szen­den­talen Vraja erwecken konnten. Er dämmte das Treiben der Unper­sön­lich­keits­an­hänger, bil­ligen Nach­ahmer und hoch­mü­tigen Kasten‐brāh­maṇas ein. Ācārya Kesarī bewahrte die Mis­sion Prab­hupādas und baute sie weiter aus. Er zog die zukünf­tigen Ver­teiler des vraja‐bhakti‐rasa auf und bil­dete sie aus. Sein Gott­bruder und san­nyāsa-Schüler, Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Svāmī Mahārāja, ver­brei­tete die Bewe­gung für Kṛṣṇa‐Bewusstsein in allen Ecken der Welt und reichte dann den Staf­fel­stab des Pre­di­gens an Śrīla Guru­deva weiter. Śrīla Guru­deva schließ­lich ent­fal­tete die Mis­sion in bei­spiel­loser Weise weiter, indem er welt­weit vraja‐bhakti pro­pa­gierte und so die Wün­sche der Guru‐varga erfüllte.

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