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er sind wir? Was ist unsere Auf­gabe? Was ist diese Welt? Warum sind wir Zwängen unter­worfen? Und was ist es, das uns an diese Welt bindet?

Diese Fragen stellt Arjuna in der Bhagavad‐Gita dem Höch­sten Herrn Sri Krsna.

Krsna erklärt die Natur dieser Welt und ver­si­chert Arjuna, dass es ihm, wenn er dieses Wissen richtig ver­steht, leicht fallen wird, sich aus der mate­ri­ellen Illu­sion zu befreien. Jedem, der dieses tran­szen­den­tale Wissen annimmt, wird es mög­lich sein,  die spi­ri­tu­elle Welt zu betreten.

Sri Krsna erklärt, dass  Er der Vater der Schöp­fung ist und die mate­ri­elle Natur (pra­kriti) die Mutter, die der Seele einen mate­ri­ellen Körper gibt, sei es nun der eines Halb­gottes oder eines Gras­halms.  Die Natur ist nicht der allei­nige Ursprung der mate­ri­ellen Mani­fe­sta­tion. Zum Bei­spiel legt ein Skor­pion seine Eier in einen Reis­haufen und später erscheint es, als werden die Skor­pione  aus dem Reis geboren. Genauso mag man denken, die mate­ri­elle Natur sei der Ursprung des Lebens. Die Seelen sind jedoch spi­ri­tu­eller Natur, sie werden nicht von der mate­ri­ellen Natur erzeugt, son­dern vom höch­sten Vater in den Schoß der mate­ri­ellen Natur ein­ge­geben. Überall in der Schöp­fung gibt es unbe­grenzt viele Seelen. Einige unter ihnen sind befreit und andere bedingt. Die befreiten Seelen leben mit dem Herrn zusammen, die bedingten Seelen dagegen leben inner­halb des mate­ri­ellen Uni­ver­sums und ihr Bewusst­sein befindet sich in einem von fünf Zuständen – bedeckt, ver­küm­mert, knos­pend,  erblüht  oder voll erblüht. Jeder, der sich mit seinem Körper und damit mit der Materie iden­ti­fi­ziert, wird von drei mate­ri­ellen Erschei­nungs­weisen oder Seilen (Gunas) gebunden – die Sattva (Tugend), Rajas (Lei­den­schaft)  und Tamas (Unwis­sen­heit)  heißen.

Sattva, oder Tugend, bindet die Seele durch Anhaf­tung an Glück und Wissen. Sattva schenkt Ruhe und Zufrie­den­heit, aber eben dieses Ego, „Ich bin zufrieden, ich besitze Wissen“, bindet die Seele an ihren Körper und des­wegen wird sie weiter im Karma ver­strickt. Als Folge davon muss die Seele wieder einen neuen Körper annehmen und fort­ge­setzt im Kreis­lauf vom Geburt und Tod leiden.

Rajas, oder Lei­den­schaft, ist cha­rak­te­ri­siert durch starke Anhaf­tung an das Sinn­liche. Solche Anhaf­tung ist ein Resultat unserer Wün­sche und unseres Umgangs. Die Anzie­hung zwi­schen Mann und Frau ist ein typi­sches Bei­spiel für Rajas. Man wünscht sich Aner­ken­nung, gute Ehe, gute Kinder und so weiter. Die mei­sten Leute beten zu Gott um solche Ver­gün­sti­gungen. Die Ursache der Bin­dung an diese Welt liegt haupt­säch­lich in dieser Lei­den­schaft.

Tamas, oder Unwis­sen­heit, bindet die Seele durch Illu­sion, Faul­heit und Schlaf. Andere Sym­ptome sind auch Ver­rückt­heit, Depres­sion, Unfä­hig­keit zu han­deln oder sich anstrengen, Gewalt und Unrein­heit. Man iden­ti­fi­ziert sich völlig mit dem mate­ri­ellen Körper. Man sieht, dass alle Vor­väter gestorben sind, und weiß, dass das­selbe auch uns und unseren Kin­dern geschehen wird. Aber jemand im Tamo­guna wird mit allen (auch uner­laubten) Mit­teln seine Sinne genie­ssen wollen. Einige Leute beten sogar zu Gott,  jemand umbringen zu können. Jemand, der spi­ri­tu­elles Leben prak­ti­zieren möchte, muss sich unbe­dingt aus der Bin­dung der Tamo­guna befreien. Dies geschieht leicht durch das Chanten des Hare‐Krsna‐Mahamantras.

Alle drei Gunas glei­chen Ketten an den Füßen von Sträf­lingen, welche damit in diesem Kerker der mate­ri­ellen Welt gebunden werden. Sie werden mit gol­denen Ketten (Sattva), sil­bernen Ketten (Rajas) und eisernen Ketten (Tamas) ver­gli­chen. Bestraft werden die Seelen des­wegen, weil sie sich von Gott abge­wandt haben und selbstisch seine Stel­lung usur­pieren wollen. Solange man seinen Körper in einer dieser Gunas ver­lässt (eine diese drei ist immer vor­herr­schend), wird man in dieser Welt wie­der­ge­boren, ent­weder auf den höheren Pla­neten, auf denen große Weisen resi­dieren, unter den Men­schen oder in der Tier­welt.

Wie kann man sich daraus befreien? Wie kann man nir­guna werden: tran­szen­dental und unbe­ein­flusst von den drei Gunas?

Der Schlüssel dazu liegt in unserer inhä­renten Bezie­hung zu Gott. Obgleich wir ist nicht ver­meiden können, in dieser Welt zu han­deln, müssen wir dieses Han­deln mit Gott ver­binden. Man muss die Wir­kung der Gunas richtig ver­stehen lernen und sich langsam aus der Tamo­guna in die Raja­guna und Satt­va­guna erheben. Das ist Auf­gabe jedes Men­schen. In der Gemein­schaft spi­ri­tuell fort­ge­schrit­tener Per­sön­lich­keiten, die über den Gunas stehen, soll man sich dann auch aus der Satt­va­guna befreien, indem man dem Herrn dient und über Seinen glor­reiche Eigen­schaften und Tätig­keiten hört. Diesen Vor­gang nennt man Bhakti, und nur durch solche Bhakti ist es mög­lich, aus der Bin­dung der Gunas frei zu werden.

Im 14. Kapitel der Bhagavad‐Gita erklärt Krsna die Eigen­schaften einer befreiten Seele:

Der Höchste Herr sagte: O Sohn Pandus, jemand wird guna­tita (tran­szen­dental zu den drei Erschei­nungs­weisen) genannt, wenn er Erleuch­tung, lei­den­schaft­liche Anhaf­tung oder Ver­wirung weder hasst, wenn sie auf­treten, noch nach ihnen ver­langt, wenn sie ver­gehen; der ihnen gegen­über unbe­tei­ligt und aus­ge­gli­chen ist und in Glück und Leid unbe­rührt bleibt, da er ver­steht, dass es allein die drei Gunas sind, die wirken; der in seiner eigener Iden­tität (seinem spi­ri­tu­ellen Selbst) ver­an­kert ist und keinen Unter­schied zwi­schen einem Klumpen Erde, einem  Stein und einem Stück Gold sieht, der in ange­nehmen und unan­ge­nehmen Umständen der Gleiche bleibt, der intel­li­gent ist und von Lob und Tadel, Ehre und Schmach unbe­rührt bleibt; der seine Freunde und Feinde gleich behan­delt und alle mate­ri­elle Hand­lungen, außer den zum Leben not­wen­digen, auf­ge­geben hat. (BG 14.22–26)

Auch Nah­rung, Ent­sa­gung, Glaube und Wohl­tä­tig­keit werden von den Gunas beein­flusst. In wel­chen Erschei­nungs­weisen wir han­deln, wird durch unsere Ein­drücke aus diesem und frü­heren Leben bestimmt. In dieser Tabelle werden die jewei­ligen Tätig­keiten den drei Gunas und dem Han­deln im tran­szen­den­talen Bewusst­sein zuge­ordnet:

SATTVA RAJAS TAMAS NIRGUNA
MERKMAL Wissen vom Selbst Sin­nenge­nuss Ver­wir­rung Liebe zu Gott
ERNÄHRUNG voll­wertig, rein, leicht erhält­lich, bekömm­lich zu scharf, zu sauer, salzig, trocken, bei­ßend oder bren­nend alt, fade, faul oder ver­goren geweihte Speisen
ORT Wald Dorf und Stadt Spiel­halle, Wein­schänke Tempel
ERGEBNIS Glück, Reli­gion, Wissen Sin­nen­freude, Leid Depres­sion, Kummer, Täu­schung Tran­szen­den­tale Glück­se­lig­keit
SICHTWEISE Gleich­heit in Ver­schie­den­heit Unter­schiede und diverse Mei­nungen grob mate­ria­li­stisch in Bezie­hung zu Gott
HANDELN selbst­loses Karma‐Yoga selbsti­sches Karma sünd­hafte Tätig­keiten hin­ge­bungs­voller Dienst
AUSFÜHRENDE los­ge­löst ange­haftet ohne Unter‐scheidungs‐vermögen hin­ge­geben
GLAUBEN in das Selbst, die Seele in mate­ri­elle Ergeb­nisse in Irreli­gion in Bhakti oder hin­ge­bungs­vollen Dienst
OPFER BRINGEN selbstlos, gemäß den Schriften, aus Pflicht­ge­fühl aus Stolz, für den eigenen mate­ri­ellen Vor­teil ohne Glauben und ohne vor‐geschriebene Regeln zu beachten zur Freude des Herrn
SPENDEN GEBEN ohne Erwar­tung, zur rich­tigen Zeit, am rechten Ort und an eine wür­dige Person wider­willig gegeben und in Erwar­tung einer Gegen‐leistung ohne Ach­tung und Respekt gegeben, an unreinen Orten, zu ungün­stigen Zeiten und unwür­digen Per­sonen Spenden von spi­ri­tu­ellen Dingen (wie spi­ri­tu­ellem Wissen) oder für spi­ri­tu­elle Zwecke; an Per­sonen mit Ver­trauen in Gott