Die Kraft des Gebets

Nach der Rück­kehr vom Haus seines Gurus ging Śrīla Guru­deva weiter in Dal­sagar zur Schule. Der Lehrer dort mochte ihn, weil er in allen Fächern gut war und sich nie schlecht benahm. Auch die Schüler respek­tierten ihn und eiferten ihm nach.

Unter seinen Mit­schü­lern gab es einen sehr unge­zo­genen Jungen, der wie­der­holt den Unter­richt störte. Er hörte nicht auf den Lehrer. Selbst meh­rere Ver­war­nungen fruch­teten nichts. Im Gegen­satz zu anderen Jungen, die sich in Guru­devas Gegen­wart zurück­hielten, war er über­mütig und ärgerte seine Mit­schüler, wäh­rend sie lernten oder beteten. Eines Tages trieb er so viel Unfug, dass der Lehrer ihn im Schul­schuppen ein­sperrte. Nach ein paar Minuten schrie der Junge: „Herr Lehrer! Herr Lehrer! Öffnen sie die Tür! Hier ist eine Schlange, die mich angreift! Sie umschlingt mich, um mein Blut zu saugen! Öffnen sie die Tür auf! Rettet mich! Hilfe! Hilfe!“

Die anderen Schüler schauten besorgt von ihren Auf­gaben auf, aber der Lehrer schenkte dem Schreien keine Beach­tung. Er sagte: „Wie soll dort eine Schlange hin­ein­kommen? Er denkt sich das bloß aus.“ Der Junge schrie noch für einige Minuten, doch der Lehrer beach­tete ihn nicht, und die Schüler ver­suchten, sich auf ihre Arbeit zu kon­zen­trieren. Dann wurde es still. Am Nach­mittag, als die Schule beendet war, ging der Lehrer zum Schuppen, um den unge­zo­genen Jungen her­aus­zu­lassen. Als er die Tür öff­nete, schrie er vor Schreck: „Oh Bha­gavān!“

Alle Schüler kamen gerannt: „Was ist pas­siert?“ Sie drängten sich um die Tür und schrien eben­falls vor Ent­setzen. Eine rie­sige Schlange hatte den Jungen von Kopf bis Fuß umschlungen und saugte Blut aus seinem Hals. Seine leb­losen Augen starrten hilflos, Schaum tropfte aus seinem Mund und seine Haut hatte sich gift­blau ver­färbt.

Der Lehrer stam­melte: „Oh Gott! Seine Familie wird mich lyn­chen!“

Schnell ver­brei­tete sich die Nach­richt in den umlie­genden Dör­fern. Bei Anbruch der Däm­me­rung hatten sich meh­rere hun­dert Men­schen ver­sam­melt. Keiner traute sich, der Schlange nahe­zu­kommen. Guru­deva übersah die Situa­tion und wandte sich mit lauter Stimme an die Umste­henden: „Der Junge ist tot. Jetzt müssen wir diese Schlange ver­treiben. Bitte haben Sie Ver­trauen in die Hei­ligen Namen Śrī Rāmas. Das Rāmāyaṇa ist die höchste Wahr­heit. Als Indrajit (Rāvaṇas Sohn) Rāma und Lakṣ­maṇa mit seinem mysti­schen Schlan­gen­pfeil fes­selte, erschien Garuḍa und die Schlangen flohen augen­blick­lich. Lassen Sie uns Garuḍa mit Versen aus dem Rāmāyaṇa um Hilfe bitten; durch seine Kraft wird die Schlange ver­schwinden.“

Obwohl Guru­deva nur neun Jahre alt war, über­zeugte seine Ent­schlos­sen­heit die Dorf­be­wohner, und sie folgten seinem Rat, zu Garuḍa zu beten. Guru­deva rezi­tierte ent­spre­chende Verse aus dem Rāmāyaṇa und bald löste die Schlange ihren Griff und kroch davon. Der steife Körper des Jungen wurde auf einen Tisch gelegt. Die Eltern weinten hem­mungslos, als sie ihren toten Sohn sahen. Die Dorf­be­wohner, denen mit­ge­teilt wurde, was geschehen war, wollten wut­ent­brannt den Lehrer bestrafen. Doch Śrīla Guru­deva schlich­tete: „Was nützt es, den Herrn Lehrer zu schlagen? Bitte beru­higen Sie sich und beten Sie zu Bha­gavān für die Seele des Jungen. Wenn Gott es so will, kann er dem Jungen das Leben zurück­geben. Wenn nicht, kann die Seele durch unsere Gebete zumin­dest eine höhere Bestim­mung erlangen. Jemand, der auf gewalt­same Art und Weise ums Leben kommt, wird womög­lich als Geist umher­wan­dern. Des­wegen müssen wir für ihn beten. Später können wir zu Gaṅgā gehen und die Bestat­tungs­ze­re­monie durch­führen. Śrī Rāma ist von Seinen Namen nicht ver­schieden. Wenn wir zu Ihm beten, indem wir Seine Namen chanten, wird er sicher barm­herzig sein. Selbst der Tod in Person flieht vor Furcht, wenn er Rāmas Namen hört.“

Wäh­rend die Dorf­be­wohner, die ein­fa­chen Her­zens waren, mit dem Singen des Rāmāyaṇas begannen, senkte sich die Dun­kel­heit herab. Im Mor­gen­grauen ver­ehrte Śrīla Guru­deva bei einem fei­er­li­chem kīr­tana den Śāla­grāma Śrī Nārāyaṇas, indem er Ihn mit Gaṅgā Wasser badete und mit San­del­holz­paste bestri­chene Tulasī­blätter dar­brachte. Danach spren­kelte er etwas von dem geweihten Wasser in den Mund des Jungen.

Zu Über­ra­schung aller öff­nete der Junge seine Augen und schaute ver­dutzt umher. Als er sich auf­setzte, schallten laute Haribol! Haribol!-Rufe durch das Dorf. Die Leute riefen: „Śrī Rāmas Gnade hat ihm das Leben geschenkt! Śrīman Nārāyaṇa ist kein gewöhn­li­ches Kind!“ Jubelnd setzten die Dorf­be­wohner Guru­deva auf ihre Schul­tern, tanzten und chan­teten: „Jay! Jay! Sītā‐Rāma Ki Jay! Alle Ehre sei Sītā‐Rāma“

Die Nach­richt von dem Wunder ver­brei­tete sich wie ein Lauf­feuer und war für viele Tage das Gesprächs­thema. Die Orts­an­säs­sigen kamen zu dem Schluss, dass Śrīman Nārāyaṇa ein großer, von Gott geseg­neter Geweihter sein musste. Die Ein­wohner Tiwa­ripuras begannen Guru­deva zu respek­tieren und unter­hielten sich über den Vor­fall mit Bemer­kungen wie: „Śrīman Nārāyaṇa ist die Sonne unseres Dorfes.“

Der wie­der­ge­ne­sene Junge war nicht länger frech, er wurde ein enger Freund Guru­devas und folgte ihm wie sein Schatten. Einige Zeit später aber zog es ihn von zu Hause fort. Er ent­schied sich, harte Ent­sa­gungen auf sich zu nehmen, um mysti­sche Kräfte zu erlangen. Eines Tages ver­schwand er im Wald und ward für viele Jahre nicht mehr in Tiwa­ripur gesehen.

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