Sechsundzwanzigstes Kapitel

Almosen sammeln

Durch seine aufopferungsvolle Hingabe zu Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja gab Śrīla Gurudeva das Beispiel eines idealen Schülers, der nie an seinen eigenen Vorteil dachte. Eines Tages sagte Ācārya Kesarī: „Ein brahmacārī im āśrama des Gurus muss Spenden für den Dienst Bhagavāns sammeln gehen. Gehe zu den Häusern der Haushälter und sprich zu ihnen über Kṛṣṇas Herrlichkeit. Wie eine Biene, die Pollen von vielen Blumen zusammenträgt und zu ihrem Stock bringt, sollst du kleine Gaben in jedem Haus sammeln und sie für Bhagavāns Dienst in den āśrama bringen. Dadurch erlangen die Leute fromme Meriten, die sie auf ihrem spirituellen Pfad voranbringen. Viele werden nicht aus eigenem Antrieb in den Tempel kommen. Geh deshalb von Tür zu Tür und lade sie ein. Doch sei vorsichtig, mit niemandem engere Beziehungen einzugehen. Versuche, jeden mit Gott zu verbinden, aber sei innerlich losgelöst. Sei neutral und nimm nichts für dich selber an, denn sonst wird māyā dich fangen.“

Gurudeva nahm freudig Ācārya Kesarīs Anweisung entgegen und begann, jeden Tag demütig bei den Dorfbewohnern Spenden zu erbitten, ohne Stolz auf seine Herkunft als brāhmaṇa oder seinen früheren hohen Posten bei der Regierung. Er brachte alles, was er bekam, zu Ācārya Kesarī. Manchmal, wenn er von den Dorfbewohnern nichts bekam, kam er mit wilden Wurzeln und wildem Gemüse, trockenem Holz, Kuhdung oder bloßer Erde für den Garten zurück. Er kam nie mit leeren Händen.

Śrīla Gurudeva ging meist mit einem älteren bābājī oder anderen brahmacārī Spenden sammeln, denn er war gewarnt worden, dass ein einzelner sādhu jederzeit ein Opfer māyās werden kann. Eines Tages fuhr Gurudeva mit einigen brahmacārīs im Zug zu weiter entfernten Dörfern. Von morgens bis abends, in Dorf nach Dorf, fragten sie nach Almosen, aber ohne Erfolg. Gurudeva machte sich Sorgen, dass sie mit leeren Händen zurückkommen würden. Es war ein heißer Sommertag und die sengende Hitze hatte die brahmacārīs durstig gemacht. Am späten Nachmittag kam Gurudeva mit seiner Gruppe zu einem Brunnen, an dem die Leute ihre Eimer befüllten.

Eine Familie fragte sie: „Sie sehen hungrig aus. Können wir Ihnen etwas zu essen anbieten?“

„Wir sind nicht hierhergekommen, um unseren Hunger zu stillen“, antwortete Gurudeva, „sondern um unserem spirituellen Meister dienen. Wir bringen erst alles ihm und er weiht es Bhagavān. Erst dann nehmen wir die Reste zu uns.“

Ein ehrenwerter brāhmaṇa, der danebenstand, sagte: „Wir haben gerade etwas zu unserer Bildgestalt geopfert. Bitte nehmen sie wenigstens ein bisschen mahā-prasāda zu sich.“

„Eine keusche Frau isst nicht vor ihrem Ehemann“, erwiderte Gurudeva, „und genauso wird ein anständiger Schüler zuerst alles seinem Guru bringen. Der Schüler, der etwas unabhängig annimmt, gleicht einem Tier.“

Verwandte des brāhmaṇas, die Gurudeva näher betrachtet hatten, riefen plötzlich: „Seht ihr nicht, wer der junge Mann ist? Das ist Nārāyaṇa Tiwari! Wir sind oft zu seinem Haus gegangen, um hari-kathā von seinem Vater und Großvater zu hören. Wir haben sie immer als unsere Gurus geehrt. Jetzt kommt Nārāyaṇa Tiwari in unser kleines Dorf betteln!“

Die brāhmaṇa-Familie lud Gurudeva in ihr Haus ein und bestand darauf, seine Füße zu waschen. Nachbarn und Freunde liefen zusammen und schauten neugierig zu, wie Gurudeva mit viel Respekt verehrt wurde. Als Gurudeva und die brahmacārīs gingen, erhielten sie große Menge Reis, Stoffe und andere Spenden für den Tempel und wurden eingeladen, monatlich wiederzukommen.

Als sie spät in der Nacht im Tempel eintrafen, wunderte sich Ācārya Kesarī: „So viel habt ihr gebracht? Wie habt ihr all das erbetteln können?“

Die brahmacārīs antworteten: „Wo immer Gaura Nārāyaṇa hinkommt, wird er von den Leuten erkannt und verehrt. In einem der Dörfer baten uns die Einwohner, jeden Monat zu kommen, um Spenden anzunehmen.“

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