Siebzehntes Kapitel

Freundschaft mit Gottgeweihten

Es war schon von Kindheit an Śrīla Gurudevas Gewohnheit gewesen, vor Sonnenaufgang aufzustehen, zur Gaṅgā zu gehen und dort zu baden und zu verehren. Die Devānanda Gauḍīya Maṭha war etwa zehn Minuten zu Fuß von der Gaṅgā entfernt. Gurudeva stand jeden Tag um 3:30 Uhr herum auf, verneigte sich vor dem Raum Ācārya Kesarīs, welcher um diese Zeit in hingebungsvoller Meditation vertieft war, und begab sich dann zur Gaṅgā.

Einmal fragte Ācārya Kesarī Gurudeva: „Gehst du für deinen eigenen Nutzen zur Gaṅgā oder gehst für Dienst?“

Gurudeva blieb aus Demut heraus still. „Wo immer du hingehst und was immer du tust“, fuhr Ācārya Kesarī fort, „es sollte der Freude Kṛṣṇas und den Vaiṣṇavas dienen.“

Von dem Tag an brachte Gurudeva jedes Mal zwei Tontöpfe voll Gaṅgāwasser mit in die Maṭha zurück, einen für Ācārya Kesarīs tägliche Rituale und einen anderen zum Begießen der heiligen Tulasī-Pflanze.

Ācārya Kesarī war erfreut, dies zu sehen und er bemerkte: „Jetzt ist dein Bad in der Gaṅgā erfolgreich. Du wirst in deinem Leben niemals ein Problem bekommen, wenn du alle Tätigkeiten für den Dienst Bhagavāns ausführst. Wenn du zur Gaṅgā gehst, bringe zuerst deine Ehrerbietungen und eine ārati mit Gebeten dar, und bade erst danach.“

Śrīla Gurudeva nahm die Anweisung an und verehrte Gaṅgādevī mit großer Ehrfurcht. Als er ihr ārati darbrachte, überhäufte ihn Gaṅgādevī in Person mit unzähligen Segnungen.

Eines Morgens unterwies Ācāryadeva Śrīla Gurudeva: „Du musst Verse aus dem Vedānta-Sūtra lernen. Gottgeweihte, die im Tempel leben, aber nicht das Vedānta-Sūtra erlernen, können nicht bhakti praktizieren. Die Bedeutung der 550 Aphorismen des Vedāntas ist reine bhakti. Indem du sie dir einprägst, wirst du mit den Eigenschaften und dem Ruhm Bhagavāns vertraut. Das wiederum verleiht dir spirituelle Kraft und beschützt dich vor māyās Klauen.“

Ācārya Kesarī prüfte Gurudeva täglich: „Wie viele sūtras hast du gelernt?“, fragte er. Auf Gurudevas Antwort hin wollte er wissen: „Was bedeuten sie?“

Während Ācārya Kesarī mit Śrīla Gurudeva über das Vedānta sprach, dämmerte der Morgen im Heiligen Land. Es war Zeit für den morgendlichen kīrtana und die hari-kathā-Vorlesung. Danach begann Gurudeva seine Tempeldienste.

An einem anderen Tag frühmorgens fragte Śrīla Gurudeva Ācārya Kesarī: „Mahārāja, wie kann ich den dhāma als mein wahres Zuhause und die Gottgeweihten als meine Familienangehörige verinnerlichen?“

Ācārya Kesarī antwortete lächelnd: „Bringe den Vaiṣṇavas nach der Maṅgala-Āratī deine achtungsvolle Ehrerbietungen dar. Das ist keine Gymnastikübung. Verneige dich und bete inständig um Verwirklichung deiner ewigen Beziehung zum dhāma und den Gottgeweihten.“

Daraufhin brachte Śrīla Gurudeva täglich seine Ehrerbietungen allen Tempelbewohnern dar. Später fragte ihn Ācārya Kesarī: „Hast du etwas verwirklicht?“

„Nein, Gurujī.“

„Wenn du dich an Vaiṣṇavas wendest“, erklärte Ācārya Kesarī, „dann verneige dich nicht nur und entferne dich dann, sondern ersuche sie um ihre Gnade. Auf diese Weise werden sie dir deine Wünsche erfüllen.“

Śrīla Gurudeva ging daraufhin zu einem Schüler Śrīla Bhaktisiddhānta Prabhupādas, verneigte sich vor ihm und sagte: „Wir sind hier in Navadvīpa, in dem heiligen Ort Mahāprabhus und Seiner Gefährten. Aber ich nehme nur weltliche Dinge wahr und es ist schwer, jemanden zu finden, der am bhajana interessiert ist. Ich kann das spirituelle Navadvīpa-dhāma nicht sehen. Oh Vaiṣṇava Ṭhākura! Ich verneige mich vor dir. Bitte, gewähre mir gütigerweise den Anblick des ewigen Landes Navadvīpa.“ Der Vaiṣṇava lächelte, gab aber keine Antwort.

Ācāryadeva fragte später Śrīla Gurudeva: „Worum hast du gebetet?“

„Ich habe gebetet, das wahre Navadvīpa-Dhāma sehen zu dürfen“, erwiderte Gurudeva.

„Jetzt bist du klug geworden“, entgegnete Ācāryadeva und legte seine Hand auf Gurudevas Kopf.

Śrīla Gurudeva verstand jedoch, dass er, obwohl er allen Vaiṣṇavas täglich bittend seine Ehrerbietungen darbrachte, es versäumt hatte, sich direkt an Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja zu wenden.

Er ging unverzüglich zu ihm und warf sich lang ausgestreckt zu Boden. Er blieb für einige Zeit liegen und betete innerlich. ­­­ Ācārya Kesarī verstand sein Herz, hob ihn hoch und sagte: „Ich werde dein Wunsch erfüllen.“

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Von seinem ersten Tag im āśrama an vertiefte sich Śrīla Gurudeva im Dienst. Er half den brahmacārīs bei ihren jeweiligen Pflichten und war für jede Aufgabe bereit. Darüber hinaus diente er selbstlos auch den Vaiṣṇavas persönlich, verstand, wenn sie etwas brauchten und kümmerte sich mit solcher Fürsorge und Zuneigung um sie, dass er ihre Herzen gewann.

Die älteren Vaiṣṇavas segneten Gurudeva und dachten: „Zu Zeiten von Śrīla Prabhupāda sorgte Vinoda Bihārī für das Wohlbefinden der Gottgeweihten und diente ihnen in jeder Hinsicht. Er eroberte alle Herzen mit seiner Zuneigung und brachte sie Prabhupāda dar. Jetzt folgt Śrīman Nārāyaṇa Ācārya Kesarīs Fußstapfen.“

Śrīla Gurudeva handelte stets mit dem Motiv, Bhagavān zu erfreuen, denn er wusste, dass der Herr mehr erfreut ist, wenn man Seinen Gottgeweihten dient, als wenn man Ihn direkt verehrt. Als Resultat seiner dienenden Haltung entwickelte sich eine Kameradschaft zwischen Gurudeva und den anderen Bewohnern des āśramas. Gurudeva schloss enge Freundschaft mit Sajjana-Sevaka Brahmacārī und Rādhānātha Prabhu. Er achtete sie als seine älteren Gottbrüder und vertraute ihnen rückhaltlos. Auch sie erwiesen ihm Respekt und Zuneigung und sahen ihn nicht als jünger an. Gurudeva bemerkte, wie die beiden ihre Dienste verrichteten. Sie liebten den Tempel, als ob er ihr eigener wäre, und führten alle Dienste mit Enthusiasmus aus, ohne zu denken, eine Tätigkeit sei höher oder niedriger. Sajjana-Sevaka und Rādhānātha kochten, gingen zum Markt, reinigten den Tempel, sammelten Spenden und redigierten, setzten und veröffentlichten Ācāryadevas Artikel und Bücher. Wegen ihrer Freundschaft und ihres ähnlichen Alters begannen die anderen Tempelbewohner Gurudeva, Sajjana-Sevaka und Rādhānātha die drei Brüder zu nennen. Rādhānātha war der älteste der drei. Allerdings lebte Sajjana-Sevaka schon seit seiner Kindheit mit Ācārya Kesarī im Tempel zusammen, während Rādhānātha erst als junger Mann gekommen war. Śrīla Gurudeva und Rādhānātha betrachteten Sajjana-Sevaka als ihren śikṣā-guru, unterweisenden spirituellen Meister, weil er ihnen das poetische Bengali und die schwierigeren Aspekte des Sanskrits beibrachte.

Sajjana-Sevaka war von ernstem Wesen und führte seine Dienste ruhig und besonnen aus. Rādhānātha Prabhu und Gurudeva dagegen scherzten gern und diskutierten oft auch hitzig miteinander. Vielmals gingen sie dann zu Sajjana-Sevaka, um ihn als Schiedsrichter zu befragen, und dieser besänftigte die Brüder mit einer passenden Lösung. Manchmal entwickelten sich die Diskussionen sogar zu einem lauten Streit, doch hinterher saßen sie wieder zusammen und aßen zuneigungsvoll vom gleichen Teller.

So wie Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja als der Vater der Devānanda Gauḍīya Maṭha angesehen wurde, so galt sein vertrauter Gottbruder Śrīpāda Narahari Sevā-vigraha Prabhu als die liebevolle Mutter. Als Śrīla Gurudeva zum ersten Mal in den Tempel kam, kümmerte sich Narahari Prabhu um alles, was er brauchte. Gurudeva diente im Tempel unter seiner gütigen Obhut, sie kauften zusammen Gemüse ein und wuschen und schnitten es für den Koch.

Auf der Straße vor der Devānanda Gauḍīya Maṭha gab es einen kleinen Markt, auf dem die Bauern aus der Gegend ihre Waren verkauften. Viele von ihnen waren aggressiv und von grober Natur und die geringste Gelegenheit war ihnen willkommen, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Sobald Narahari Prabhu mit Gurudeva kam, um Gemüse zu kaufen, erhöhten sie sofort die Preise. Da der Tempel finanziell nicht gut gestellt war, kam es wegen der Preise zwischen den Brahmacārīs und den Bauern oft zu Spannungen. Die Bauern trugen Bambusstöcke bei sich, um Tiere von ihren Ständen fernzuhalten. Eines Morgens geschah es, dass ein Bauer im Durcheinander einer Meinungsverschiedenheit Narahari Prabhu auf den Kopf schlug. Als Gurudeva sah, dass Narahari Prabhu blutete, ergriff er sofort einen Bambusstock und prügelte den Täter derart heftig, dass der Bambus zersplitterte. Natürlich kamen sogleich alle Bauern zusammen und wollten sich an Gurudeva rächen, aber Narahari Prabhu besänftigte sie mit seiner liebenswürdigen Art und die Sache wurde beigelegt.

Narahari Prabhu war bekannt für sein Geschick im Umgang mit den Ortsansässigen. Morgens und den Vormittag über diente er im Tempel, und am Nachmittag ging er von Haus zu Haus und sprach mit den Leuten aus dem Dorf. Er erkundigte sich nach ihrer Gesundheit, nach ihren Sorgen und fragte, wie er ihnen helfen konnte. Die Einwohner Navadvīpas schätzten ihn als lieben Freund und sahen ihn wie einen Familienangehörigen an, so wie die Brajavāsīs einst für Śrīla Sanātana Gosvāmī gefühlt hatten. Narahari Prabhus Spitzname war ajāta-śatru – derjenige, der keine Feinde kannte. Sein liebeswürdiges Verhalten verschaffte dem Tempel einen guten Ruf. Die Dorfbewohner schenkten ihm Früchten und Süßigkeiten für die Bildgestalten und die Gottgeweihten. Jedoch behielt Narahari Prabhu nie etwas davon für sich selbst. Einmal, als er am späten Nachmittag zum Tempel zurückkehrte, rief er Gurudeva zu sich: „Tiwarijī, du hast den ganzen Tag gedient. Bestimmt bist du müde und hungrig, ich kann das an deinem trockenen Mund sehen. Hier, nimm diese saftige Mango, aber sag es niemandem. Verstecke dich und iss sie alleine auf.“

Narahari Prabhu diente allen Geweihten wie eine Mutter und gewann ihre Herzen durch seine Zuneigung. Während des Tages sorgte er dafür, dass es jedem wohlerging, und auch in der Nacht schaute er darauf, dass jeder unter einem Moskitonetz schlief und eine Decke hatte. Seine Fürsorge inspirierte die Gottgeweihten und gab ihnen spirituelle Willenskraft. Nur Nahrung, Unterkunft und Unterweisungen bereitzustellen, ist nicht genug. Wie kann Nahrung bekömmlich sein und wie kann man Unterweisungen folgen, wenn sie nicht mit Liebe und in einer persönlichen Beziehung gegeben werden? Liebe erweckt Kraft und Enthusiasmus.

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