Freund­schaft mit Gott­ge­weihten

Es war schon von Kind­heit an Śrīla Guru­devas Gewohn­heit gewesen, vor Son­nen­auf­gang auf­zu­stehen, zur Gaṅgā zu gehen und dort zu baden und zu ver­ehren. Die Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha war etwa zehn Minuten zu Fuß von der Gaṅgā ent­fernt. Guru­deva stand jeden Tag um 3:30 Uhr herum auf, ver­neigte sich vor dem Raum Ācārya Kes­arīs, wel­cher um diese Zeit in hin­ge­bungs­voller Medi­ta­tion ver­tieft war, und begab sich dann zur Gaṅgā.

Einmal fragte Ācārya Kesarī Guru­deva: „Gehst du für deinen eigenen Nutzen zur Gaṅgā oder gehst für Dienst?“

Guru­deva blieb aus Demut heraus still. „Wo immer du hin­gehst und was immer du tust“, fuhr Ācārya Kesarī fort, „es sollte der Freude Kṛṣṇas und den Vaiṣṇavas dienen.“

Von dem Tag an brachte Guru­deva jedes Mal zwei Ton­töpfe voll Gaṅgā­wasser mit in die Maṭha zurück, einen für Ācārya Kes­arīs täg­liche Rituale und einen anderen zum Begießen der hei­ligen Tulasī‐Pflanze.

Ācārya Kesarī war erfreut, dies zu sehen und er bemerkte: „Jetzt ist dein Bad in der Gaṅgā erfolg­reich. Du wirst in deinem Leben nie­mals ein Pro­blem bekommen, wenn du alle Tätig­keiten für den Dienst Bha­ga­vāns aus­führst. Wenn du zur Gaṅgā gehst, bringe zuerst deine Ehr­er­bie­tungen und eine ārati mit Gebeten dar, und bade erst danach.“

Śrīla Guru­deva nahm die Anwei­sung an und ver­ehrte Gaṅgā­devī mit großer Ehr­furcht. Als er ihr ārati dar­brachte, über­häufte ihn Gaṅgā­devī in Person mit unzäh­ligen Seg­nungen.

Eines Mor­gens unter­wies Ācār­ya­deva Śrīla Guru­deva: „Du musst Verse aus dem Vedānta‐Sūtra lernen. Gott­ge­weihte, die im Tempel leben, aber nicht das Vedānta‐Sūtra erlernen, können nicht bhakti prak­ti­zieren. Die Bedeu­tung der 550 Apho­rismen des Vedāntas ist reine bhakti. Indem du sie dir ein­prägst, wirst du mit den Eigen­schaften und dem Ruhm Bha­ga­vāns ver­traut. Das wie­derum ver­leiht dir spi­ri­tu­elle Kraft und beschützt dich vor māyās Klauen.“

Ācārya Kesarī prüfte Guru­deva täg­lich: „Wie viele sūtras hast du gelernt?“, fragte er. Auf Guru­devas Ant­wort hin wollte er wissen: „Was bedeuten sie?“

Wäh­rend Ācārya Kesarī mit Śrīla Guru­deva über das Vedānta sprach, däm­merte der Morgen im Hei­ligen Land. Es war Zeit für den mor­gend­li­chen kīr­tana und die hari‐kathā-Vor­le­sung. Danach begann Guru­deva seine Tem­pel­dienste.

An einem anderen Tag früh­mor­gens fragte Śrīla Guru­deva Ācārya Kesarī: „Mahārāja, wie kann ich den dhāma als mein wahres Zuhause und die Gott­ge­weihten als meine Fami­li­en­an­ge­hö­rige ver­in­ner­li­chen?“

Ācārya Kesarī ant­wor­tete lächelnd: „Bringe den Vaiṣṇavas nach der Maṅgala‐Āratī deine ach­tungs­volle Ehr­er­bie­tungen dar. Das ist keine Gym­na­stik­übung. Ver­neige dich und bete inständig um Ver­wirk­li­chung deiner ewigen Bezie­hung zum dhāma und den Gott­ge­weihten.“

Dar­aufhin brachte Śrīla Guru­deva täg­lich seine Ehr­er­bie­tungen allen Tem­pel­be­woh­nern dar. Später fragte ihn Ācārya Kesarī: „Hast du etwas ver­wirk­licht?“

Nein, Gurujī.“

Wenn du dich an Vaiṣṇavas wen­dest“, erklärte Ācārya Kesarī, „dann ver­neige dich nicht nur und ent­ferne dich dann, son­dern ersuche sie um ihre Gnade. Auf diese Weise werden sie dir deine Wün­sche erfüllen.“

Śrīla Guru­deva ging dar­aufhin zu einem Schüler Śrīla Bhak­tis­id­dhānta Prab­hupādas, ver­neigte sich vor ihm und sagte: „Wir sind hier in Navad­vīpa, in dem hei­ligen Ort Mahāprabhus und Seiner Gefährten. Aber ich nehme nur welt­liche Dinge wahr und es ist schwer, jemanden zu finden, der am bha­jana inter­es­siert ist. Ich kann das spi­ri­tu­elle Navadvīpa‐dhāma nicht sehen. Oh Vaiṣṇava Ṭhākura! Ich ver­neige mich vor dir. Bitte, gewähre mir güti­ger­weise den Anblick des ewigen Landes Navad­vīpa.“ Der Vaiṣṇava lächelte, gab aber keine Ant­wort.

Ācār­ya­deva fragte später Śrīla Guru­deva: „Worum hast du gebetet?“

Ich habe gebetet, das wahre Navadvīpa‐Dhāma sehen zu dürfen“, erwi­derte Guru­deva.

Jetzt bist du klug geworden“, ent­geg­nete Ācār­ya­deva und legte seine Hand auf Guru­devas Kopf.

Śrīla Guru­deva ver­stand jedoch, dass er, obwohl er allen Vaiṣṇavas täg­lich bit­tend seine Ehr­er­bie­tungen dar­brachte, es ver­säumt hatte, sich direkt an Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja zu wenden.

Er ging unver­züg­lich zu ihm und warf sich lang aus­ge­streckt zu Boden. Er blieb für einige Zeit liegen und betete inner­lich. ­­­ Ācārya Kesarī ver­stand sein Herz, hob ihn hoch und sagte: „Ich werde dein Wunsch erfüllen.“

gurudeva-und-paramgurudeva

Von seinem ersten Tag im āśrama an ver­tiefte sich Śrīla Guru­deva im Dienst. Er half den brah­macārīs bei ihren jewei­ligen Pflichten und war für jede Auf­gabe bereit. Dar­über hinaus diente er selbstlos auch den Vaiṣṇavas per­sön­lich, ver­stand, wenn sie etwas brauchten und küm­merte sich mit sol­cher Für­sorge und Zunei­gung um sie, dass er ihre Herzen gewann.

Die älteren Vaiṣṇavas seg­neten Guru­deva und dachten: „Zu Zeiten von Śrīla Prab­hupāda sorgte Vinoda Bihārī für das Wohl­be­finden der Gott­ge­weihten und diente ihnen in jeder Hin­sicht. Er eroberte alle Herzen mit seiner Zunei­gung und brachte sie Prab­hupāda dar. Jetzt folgt Śrīman Nārāyaṇa Ācārya Kes­arīs Fuß­stapfen.“

Śrīla Guru­deva han­delte stets mit dem Motiv, Bha­gavān zu erfreuen, denn er wusste, dass der Herr mehr erfreut ist, wenn man Seinen Gott­ge­weihten dient, als wenn man Ihn direkt ver­ehrt. Als Resultat seiner die­nenden Hal­tung ent­wickelte sich eine Kame­rad­schaft zwi­schen Guru­deva und den anderen Bewoh­nern des āśramas. Guru­deva schloss enge Freund­schaft mit Sajjana‐Sevaka Brah­macārī und Rād­hānātha Prabhu. Er ach­tete sie als seine älteren Gott­brüder und ver­traute ihnen rück­haltlos. Auch sie erwiesen ihm Respekt und Zunei­gung und sahen ihn nicht als jünger an. Guru­deva bemerkte, wie die beiden ihre Dienste ver­rich­teten. Sie liebten den Tempel, als ob er ihr eigener wäre, und führten alle Dienste mit Enthu­si­asmus aus, ohne zu denken, eine Tätig­keit sei höher oder nied­riger. Sajjana‐Sevaka und Rād­hānātha kochten, gingen zum Markt, rei­nigten den Tempel, sam­melten Spenden und redi­gierten, setzten und ver­öf­fent­lichten Ācār­ya­devas Artikel und Bücher. Wegen ihrer Freund­schaft und ihres ähn­li­chen Alters begannen die anderen Tem­pel­be­wohner Guru­deva, Sajjana‐Sevaka und Rād­hānātha die drei Brüder zu nennen. Rād­hānātha war der älteste der drei. Aller­dings lebte Sajjana‐Sevaka schon seit seiner Kind­heit mit Ācārya Kesarī im Tempel zusammen, wäh­rend Rād­hānātha erst als junger Mann gekommen war. Śrīla Guru­deva und Rād­hānātha betrach­teten Sajjana‐Sevaka als ihren śikṣā‐guru, unter­wei­senden spi­ri­tu­ellen Mei­ster, weil er ihnen das poe­ti­sche Ben­gali und die schwie­ri­geren Aspekte des Sans­krits bei­brachte.

Sajjana‐Sevaka war von ern­stem Wesen und führte seine Dienste ruhig und besonnen aus. Rād­hānātha Prabhu und Guru­deva dagegen scherzten gern und dis­ku­tierten oft auch hitzig mit­ein­ander. Viel­mals gingen sie dann zu Sajjana‐Sevaka, um ihn als Schieds­richter zu befragen, und dieser besänf­tigte die Brüder mit einer pas­senden Lösung. Manchmal ent­wickelten sich die Dis­kus­sionen sogar zu einem lauten Streit, doch hin­terher saßen sie wieder zusammen und aßen zunei­gungs­voll vom glei­chen Teller.

So wie Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja als der Vater der Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha ange­sehen wurde, so galt sein ver­trauter Gott­bruder Śrīpāda Nara­hari Sevā‐vigraha Prabhu als die lie­be­volle Mutter. Als Śrīla Guru­deva zum ersten Mal in den Tempel kam, küm­merte sich Nara­hari Prabhu um alles, was er brauchte. Guru­deva diente im Tempel unter seiner gütigen Obhut, sie kauften zusammen Gemüse ein und wuschen und schnitten es für den Koch.

Auf der Straße vor der Devā­n­anda Gauḍīya Maṭha gab es einen kleinen Markt, auf dem die Bauern aus der Gegend ihre Waren ver­kauften. Viele von ihnen waren aggressiv und von grober Natur und die geringste Gele­gen­heit war ihnen will­kommen, um einen Streit vom Zaun zu bre­chen. Sobald Nara­hari Prabhu mit Guru­deva kam, um Gemüse zu kaufen, erhöhten sie sofort die Preise. Da der Tempel finan­ziell nicht gut gestellt war, kam es wegen der Preise zwi­schen den Brah­macārīs und den Bauern oft zu Span­nungen. Die Bauern trugen Bam­bus­stöcke bei sich, um Tiere von ihren Ständen fern­zu­halten. Eines Mor­gens geschah es, dass ein Bauer im Durch­ein­ander einer Mei­nungs­ver­schie­den­heit Nara­hari Prabhu auf den Kopf schlug. Als Guru­deva sah, dass Nara­hari Prabhu blu­tete, ergriff er sofort einen Bam­bus­stock und prü­gelte den Täter derart heftig, dass der Bambus zer­split­terte. Natür­lich kamen sogleich alle Bauern zusammen und wollten sich an Guru­deva rächen, aber Nara­hari Prabhu besänf­tigte sie mit seiner lie­bens­wür­digen Art und die Sache wurde bei­gelegt.

Nara­hari Prabhu war bekannt für sein Geschick im Umgang mit den Orts­an­säs­sigen. Mor­gens und den Vor­mittag über diente er im Tempel, und am Nach­mittag ging er von Haus zu Haus und sprach mit den Leuten aus dem Dorf. Er erkun­digte sich nach ihrer Gesund­heit, nach ihren Sorgen und fragte, wie er ihnen helfen konnte. Die Ein­wohner Navad­vīpas schätzten ihn als lieben Freund und sahen ihn wie einen Fami­li­en­an­ge­hö­rigen an, so wie die Bra­ja­vāsīs einst für Śrīla Sanātana Gos­vāmī gefühlt hatten. Nara­hari Prabhus Spitz­name war ajāta‐śatru – der­je­nige, der keine Feinde kannte. Sein lie­bes­wür­diges Ver­halten ver­schaffte dem Tempel einen guten Ruf. Die Dorf­be­wohner schenkten ihm Früchte und Süßig­keiten für die Bild­ge­stalten und die Gott­ge­weihten. Jedoch behielt Nara­hari Prabhu nie etwas davon für sich selbst. Einmal, als er am späten Nach­mittag zum Tempel zurück­kehrte, rief er Guru­deva zu sich: „Tiwarijī, du hast den ganzen Tag gedient. Bestimmt bist du müde und hungrig, ich kann das an deinem trockenen Mund sehen. Hier, nimm diese saf­tige Mango, aber sag es nie­mandem. Ver­stecke dich und iss sie alleine auf.“

Nara­hari Prabhu diente allen Geweihten wie eine Mutter und gewann ihre Herzen durch seine Zunei­gung. Wäh­rend des Tages sorgte er dafür, dass es jedem wohl­erging, und auch in der Nacht schaute er darauf, dass jeder unter einem Mos­ki­to­netz schlief und eine Decke hatte. Seine Für­sorge inspi­rierte die Gott­ge­weihten und gab ihnen spi­ri­tu­elle Wil­lens­kraft. Nur Nah­rung, Unter­kunft und Unter­wei­sungen bereit­zu­stellen, ist nicht genug. Wie kann Nah­rung bekömm­lich sein und wie kann man Unter­wei­sungen folgen, wenn sie nicht mit Liebe und in einer per­sön­li­chen Bezie­hung gegeben werden? Liebe erweckt Kraft und Enthu­si­asmus.

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