Als näch­stes kam der pari­kramā nach Sīman­t­ad­vīpa, zum Ort Sīman­tinī­devīs. Sīman­t­ad­vīpa ist auch als Simu­liyā bekannt. Einmal, im Satya-Yuga, trug Śiva Ṭhākura Pār­vatī Kṛṣṇas Spiele vor. Er beschrieb, wie Kṛṣṇa im Kali-Yuga als Śrī Cai­tanya Mahāprabhu erscheint, geschmückt mit der Stim­mung und Kör­per­tö­nung Śrī­matī Rād­hikās, mit dem Wunsch, höchste prema an alle zu ver­teilen. Inspi­riert davon kam Pār­va­tī­devī hier nach Sīman­t­ad­vīpa in Navadvīpa-Dhāma. Sie brachte ihre Ehr­er­bie­tungen dar und betete zu Mahāprabhu: „In meinem frü­heren Leben als Satī habe ich meinen Ehe­mann respektlos behan­delt und musste des­wegen meinen Körper auf­geben. Ich bin über­mäßig stolz. Ich habe Cit­ra­ketu ver­flucht und andere schwere Ver­gehen auf mich geladen. Ich hatte kein Ver­trauen in Śrī Rāma und habe Ihn auf die Probe gestellt, als Er Sītā suchte. Später, als ich zu meinem Ehe­mann zurück­kehrte, ver­an­lasste mich dieser, wie eine Mutter vor ihm statt neben ihm zu sitzen. Ich durfte nicht mehr als seine Ehe­frau neben ihm sitzen, weil ich die Gestalt der uni­ver­salen Mutter, Sītā-devīs, ange­nommen hatte. Weil ich meinen Mann auf diese Weise miss­ach­tete, gab ich später aus Scham meinen Körper auf. Wie kann ich mich berich­tigen? Setze bitte güti­ger­weise Deine Lotos­füße auf meinen Kopf. Möge ich von allem Stolz frei werden und in der Lage sein, Deine wun­der­vollen Taten zu sehen, wenn du in dieser Welt erscheinst.“

parvati

Pār­va­tī­devī ver­ehrte Mahāprabhu hier. Erfreut über ihre Hal­tung, offen­barte Sich der Herr vor ihr. Pār­vatī wurde mit eksta­ti­scher Liebe über­wäl­tigt, nahm Mahāprabhus Fuß­staub in ihre Hände und rieb ihn sich auf ihren Scheitel (sīmanta). Seitdem ist Insel, auf der Pār­vatī Mahāprabhus dar­śana erhielt, als Sīman­t­ad­vīpa bekannt, und Pār­vatī wird hier als Sīman­tinī­devī ver­ehrt.

Ein sādhaka mag den bhakti-Vor­gang folgen, doch wenn fal­scher Stolz von ihm Besitz ergreift, wird er anfangen, Flüche und Seg­nungen zu ver­teilen, als wäre er ein großer Weiser. Er wird sich gegen­über dem Guru und den Vaiṣṇavas respektlos ver­halten und auf diese Weise seine spi­ri­tu­elle Kraft ver­lieren und zu Fall kommen. Wir beten an diesem Ort in Sīman­t­ad­vīpa um die Kraft, Mahāprabhus Anwei­sung folgen zu können, demütig zu sein und unab­lässig den Hei­ligen Namen zu chanten.

Zum Abschluss des Navadvīpa-pari­kramās sprach Ācārya Kesarī aus­giebig über den Ruhm Navadvīpa-Dhāmas und Vṛndāvana-Dhāmas. Er erklärte: „Obwohl Navad­vīpa und Vṛn­dāvana phi­lo­so­phisch gesehen ein-und-dasselbe sind, besitzen beide, auf die Lebe­wesen bezogen, eine eigene cha­rak­te­ri­sie­rende Eigen­schaft. Vṛndāvana-Dhāma offen­bart sich als Navad­vīpa, um uns den Zugang zu vraja-rasa zu ermög­li­chen. Zuerst muss der sādhaka die Barm­her­zig­keit des groß­mü­tigen Navadvīpa-Dhāmas erlangen und von mate­ri­ellen Wün­schen frei werden, erst dann kann er Vṛndāvana-Dhāma betreten und die lieb­li­chen Spiele Rādhā-Kṛṣṇas erleben. Falls er, um sein Ziel zu errei­chen, Navad­vīpa über­geht und direkt nach Vraja zu gehen ver­sucht, wird er Ver­gehen auf sich laden. Wer dagegen Gaurāṅga Mahāprabhu in Navad­vīpa in der Gei­stes­hal­tung eines Die­ners ver­ehrt, wird bald alle Hin­der­nisse auf dem bhakti-Pfad hinter sich lassen und die gött­liche Liebe in Vraja kosten.“

Śrīla Guru­deva war hin­ge­rissen von dem Besuch all der hei­ligen Plätze Navad­vīpas, inmitten Tau­sender hin­ge­ge­bener Pilger. Aber er war auch erschöpft vom unab­läs­sigen Dienen und Laufen. Viele der san­nyāsīs und brah­macārīs ruhten sich nach dem täg­li­chen pari­kramā am späten Nach­mittag aus. Doch Śrīla Guru­deva bemerkte, dass Ācārya Kesarī sich statt­dessen emsig um die Not­wen­dig­keiten der Gott­ge­weihten küm­merte, obwohl er den ganzen Tag Vor­träge gehalten hatte und in der heißen Sonne gelaufen war. Guru­deva blieb in seiner Nähe, um für Boten­gänge und andere Auf­träge bereit zu sein.

Woher bekommst du diese Kraft?“ fragte Śrīla Guru­deva. „Ich bin jung und kräftig, aber trotzdem bin ich nach dem langen pari­kramā müde. Ich sehe, wie sich andere zurück­ziehen und aus­ruhen, aber du dienst mit wach­sender Kraft weiter.“

Wie kann jemand müde werden, der saṅkīrtana-rasa trinkt?“, ant­wor­tete Ācārya Kesarī. „Ich erfahre eksta­ti­sche Freude. Mahāprabhu ermäch­tigt die­je­nigen, die sich in die saṅkīr­tana-Bewe­gung ver­tiefen. Aber die­je­nigen, die glauben, sie könnten unab­hängig han­deln, ver­lieren ihre Inspi­ra­tion und werden schwach und müde. Die Kraft der svarūpa-śakti fließt unab­lässig durch die­je­nigen, die sich voll­ständig Kṛṣṇa ergeben und ihren Körper in Kṛṣṇas Dienst stellen. Wie fri­scher Panir­käse geknetet, zu Bäll­chen gerollt und anschlie­ßend im Zucker­wasser gekocht wird, damit aus ihm süße, saf­tige Rasa­gullās ent­stehen, so wird ein Gott­ge­weihter, der sich völlig in Kṛṣṇas Dienst beschäf­tigt, von bhakti-rasa erfüllt und ermäch­tigt. Baum­wolle absor­biert Flüs­sig­keiten, Steine dagegen nicht. Solange jemandes Herz einem Stein gleicht, kann bhakti-rasa dort nicht ein­dringen, selbst wenn er mit Guru und Vaiṣṇavas im Hei­ligen Dhāma weilt. Du musst also gefügig wie Baum­wolle oder Panir werden.

Śrī Guru und die Vaiṣṇavas prüfen deine Natur und deine Wün­sche. Sobald sie sehen, dass du auf­richtig bist und Ver­trauen besitzt, wird bhakti-rasa von ihrem Herz in dein Herz fließen und deinen Körper mit spi­ri­tu­eller Kraft ermäch­tigen. Dann wirst du dich nie schwach fühlen. Auf diese Weise können solche rie­sigen Feste mit Leich­tig­keit orga­ni­siert werden. Dies ist die Kraft von sādhu-saṅga.“

Als Śrīla Guru­deva diese wun­der­volle Ant­wort hörte, fühlte er sich sogleich ver­jüngt und fuhr fort, enthu­si­astisch zu dienen.

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