Das Erwecken von Anu­rāga

Zum Gaura‐Pūrṇimā‐Fest lud Ācārya Kesarī viele ältere Schüler Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākuras ein, damit sie seine ersten san­nyāsīs segnen mochten. Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Vāmana Mahārāja, Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Tri­vi­krama Mahārāja, und Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Nārāyaṇa Mahārāja wurden gebeten, vor einer großen Zuhö­rer­schaft zu spre­chen. Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Vāmana Mahārāja und Śrīla Bhak­ti­ve­dānta Tri­vi­krama Mahārāja spra­chen über die Bedeu­tung von san­nyāsa:

San­nyāsa anzu­nehmen bedeutet, allem außer dem Dienst Kṛṣṇas zu ent­sagen. Wahre Ent­sa­gung bedeutet völ­lige Hin­gabe, die aus Liebe ent­springt. Solange Körper, Geist und Worte nicht im lie­benden Dienst Ver­wen­dung finden, bleibt die Ent­sa­gung äußer­lich und zeit­weilig. Die Natur der Seele besteht darin, zu lieben. Diese Nei­gung, zu lieben muss auf Kṛṣṇa gerichtet sein.

Durch die Ein­wei­hung in den ent­sagten Lebens­stand wird man in die san­nyāsa-Schule auf­ge­nommen und erhält damit die Gele­gen­heit, sein Leben zu ver­voll­kommnen. Ein echter san­nyāsī ist vier­und­zwanzig Stunden am Tag in Kṛṣṇas Dienst tätig. Die Stufen des Prak­ti­zie­rens im san­nyāsa-Stand sind nicht das gleiche wie die voll­kom­mene Stufe. Erst wenn bhakti im Herzen erwacht, ent­steht reine Anzie­hung zu Kṛṣṇa und die Seele ver­wirk­licht ihre ewige Form. Auf dieser Stufe wird man allen Tätig­keiten, die für bhakti hin­der­lich sind, natür­lich ent­sagen.

Die Gopīs von Vraja sind die voll­kom­menen san­nyāsīs. Als Kṛṣṇa sie auf Seiner Flöte rief, gaben sie auf der Stelle alles auf und schauten nie wieder zurück.

yā dust­yajaṁ sva‐janam ārya‐pathaṁ ca hitvā
bhejur mukunda‐padavīṁ śru­tibhir vimṛgyām
Śrīmad Bhāga­vatam 10.47.61

Aho! Die Vra­ja­devīs gaben alles auf, was nur schwer­lich auf­zu­geben ist, wie die Bin­dung an ihre Familie und ihren guten Ruf, und suchten aus­schließ­lich Zuflucht bei dem Pfad Śrī Kṛṣṇas, der ewig­lich von den Śrutis erstrebt wird.

Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura unter­wies seine san­nyāsīs: ‚Der Vaiṣṇava‐san­nyāsī nimmt als ein Zei­chen seiner Ent­sa­gung einen Stab an, der aus drei Bam­bus­stöcken gefer­tigt wird. Dies bedeutet, dass man seinen Geist, seinen Körper und seine Sprache Kṛṣṇas Dienst ver­schreibt. Die drei Stöcke bedeuten auch, dass sich der san­nyāsī zuerst Śrī Guru, der Erwei­te­rung Bala­deva Prabhus, der sandhinī‐śakti (Exi­stenz­energie) ergeben sollte, zwei­tens Śrī­matī Rād­hārāṇī, der hlādinī‐śakti (Freu­de­n­energie) und schließ­lich Kṛṣṇa, der saṁvit‐śakti (Wis­sens­en­ergie).‘

Mit dem Annehmen des tridaṇḍī‐sannyāsas ergibt man sich völlig Śrī Guru und dem gött­li­chen Paar Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇa. Die Ent­schlos­sen­heit des san­nyāsīs in der Gauḍīya‐Tradition ist: ‚Ich ver­zichte auf alles, um die Stim­mung des Dien­stes der Vra­ja­devīs zu Kṛṣṇa zu erlangen.‘“

Als näch­stes wies Ācārya Kesarī Śrīla Guru­deva an, über die Gründe des Erschei­nens Kṛṣṇas als Mahāprabhu, über die Herr­lich­keiten des vraja‐bhakti‐rasa, und dar­über, wie man diesen rasa errei­chen kann, zu spre­chen. Guru­deva stand auf und sprach vor den ver­sam­melten Vaiṣṇavas. Als Śrīla Guru­deva seine Rede been­dete, klatschten alle begei­stert. Füh­rende ācārya-Schüler Bhak­tis­id­dhānta Prab­hupādas waren erfreut, Guru­devas Rede zu hören und seg­neten ihn, die Gauḍīya‐Paramparā wei­ter­zu­führen. Śrīla Guru­deva hatte wie folgt gespro­chen:

In Dvāparā‐Yuga wurde Śrī Kṛṣṇa in Gokula‐Mahāvana als der Sohn Nanda Mahārājas und Yaśodā Mātās geboren. Für zehn Jahre lebte er in Vraja und zog dann nach Mathurā und Dvārakā. Die Vra­ja­vāsīs gaben ihre Liebe zu Kṛṣṇa nie auf, sie konnten nicht für einen Moment auf­hören, an Ihn zu denken. Kṛṣṇa dachte: „Aus der Ferne werde Ich den Ruhm der Liebe der Vra­ja­vāsīs in Tren­nung von Mir erleben können.“ Er prüfte die Vra­ja­vāsīs, indem Er sie in brahma-jñāna, unper­sön­li­chem spi­ri­tu­ellen Wissen, unter­wies: Er sagte: „Ich bin Gott, Ich befinde Mich überall. Ich weile im Herzen eines jeden, ihr seid nicht getrennt von Mir. Wann immer ihr euch an Mich erin­nert, bin Ich bei euch.“

Brahma‐jñāna ist unvoll­ständig, trocken und ohne rasa. Bhakti dagegen ist voll von rasa, Liebe und Süße. Die reine Liebe für Kṛṣṇa, die in Śrī­matī Rād­hārāṇīs Herzen wohnt, bedeckt wie eine Sonne ganz Vraja mit den Strahlen tran­szen­den­taler Glück­se­lig­keit.

ānanda‐cinmaya‐rasa‐pratibhāvitābhis
tābhir ya eva nija‐rūpatayā kalābhiḥ
goloka eva niva­saty akhilātma‐bhūto
govindam ādi‐puruṣam tam ahaṁ bha­jāmi
Brahma‐Saṁhitā 37

Der all­durch­drin­gende Śrī Govinda, der in jedem Herzen resi­diert, lebt ewig­lich mit Śrī Rādhā, der Ver­kör­pe­rung Seiner Freu­den­kraft und dem Gegen­stück zu Seiner eigenen spi­ri­tu­ellen Gestalt, in Seinem eigenen Reich, Goloka‐Dhāma. Śrī Rādhā ist das Behältnis tran­szen­den­talen rasas und ver­siert in allen vier­und­sechzig Kün­sten. Begleitet wird das gött­liche Paar von den sakhīs, den Erwei­te­rungen von Śrī Rādhās eigenem spi­ri­tu­ellen Körper, die von glück­se­ligem spi­ri­tu­ellen rasa erfüllt sind. Ich ver­ehre diesen Śrī Govinda, die ursprüng­liche Per­sön­lich­keit.

Die Vra­ja­vāsīs kosten ananda‐cinmaya‐rasa, die tran­szen­den­tale Glück­se­lig­keit unbe­grenzter gött­li­cher Liebe. Folg­lich begehren sie nichts anderes. Sie besitzen solche Liebe für Kṛṣṇa. Wie könnten sie Ihn ver­gessen oder glauben, dass Er sie ver­lassen hat. Getrennt von Ihm fühlen sie eine starke Sehn­sucht: „Wer wird Kṛṣṇa dienen? Nie­mand kennt Sein Herz. Wie können sie Ihn erfreuen?“

Diesen ananda‐cinmaya‐rasa gibt es nur in Vraja, nicht in Mathurā, Dvārakā, Ayodhyā, Vai­kuṇṭha oder irgendwo sonst. Warum ver­ließ also Kṛṣṇa Vraja und litt im Schmerz der Tren­nung von den Vra­ja­vāsīs, wäh­rend Er in Mathurā und Dvārakā weilte? Er wollte auch Seine dor­tigen Geweihten unter den Schirm des vraja‐rasas bringen und sie den Ruhm der Vra­ja­vāsīs ver­stehen lassen. Nur die­je­nigen, die demütig sind und spi­ri­tu­elle Begierde besitzen, können dies erfahren. Selbst der Wunsch nach diesem vraja‐rasa wird nicht leicht erlangt.

Als Kṛṣṇa auf der Erde erschien, konnte Er Śrī­matī Rād­hārāṇīs erha­bene Liebe nicht ver­stehen oder kosten, weil Er nicht aus­schließ­lich Ihr ergeben war. Er besitzt viele Geweihten an ver­schie­denen Orten, die sich alle nach Seiner Gemein­schaft sehnen. Des­halb ver­ließ Er Vraja und zog nach Mathurā. Manchmal blieb Er in Dvārakā, manchmal reiste Er nach Hastināpura und manchmal hielt Er sich an anderen Orten auf. Obwohl Kṛṣṇa alle Seine Geweihten zu Śrī­matī Rād­hikā und den Vra­ja­devīs bringen wollte, waren sie nicht qua­li­fi­ziert dafür. Die Bewohner Mathurās und Dvārakās sind von Kṛṣṇa ange­zogen, aber sie kennen nicht Sein Herz und wollen dem Weg Seines Her­zens nicht folgen. Dort, wo Inter­esse an Gottes Größe und Reichtum und brahma‐jñāna vor­herr­schen, bleibt vraja‐bhakti‐rasa uner­reicht. Für vraja‐rasa ist es not­wendig, alles andere auf­zu­geben und feste Ent­schlos­sen­heit zu ent­wickeln.

Gegen Ende Seiner Spiele in dieser mate­ri­ellen Welt, zurück in Seinem tran­szen­den­talen Reich Vraja, war Kṛṣṇa nie­der­ge­schlagen. Beküm­mert suchte Er einen abge­schie­denen Ort auf. Von mor­gens bis abends suchten die Vra­ja­devīs und Vra­ja­vāsīs nach Ihm: „Ist Akrūra gekommen und hat Kṛṣṇa mit nach Mathurā genommen?“ Es ist für Kṛṣṇa nicht mög­lich, Seinen geliebten Gefährten in der spi­ri­tu­ellen Welt fern zu sein. Scheinbar erfahren die Bewohner Vrajas, dass sie von Kṛṣṇa getrennt sind, aber eine echte Tren­nung gibt es dort nicht. Nachdem sie überall nach Ihm gesucht hatten, fand Viśākhā Devī Kṛṣṇa allein in einem Garten. Er weinte leise, den Kopf zwi­schen den Händen ver­graben. „Śyāma, was beküm­mert Dich?“ fragte Viśākhā.

Kṛṣṇa ant­wor­tete nicht. Nur Tränen rannen zwi­schen Seinen Fin­gern zu Boden. Lalitā, die sakhīs und mañjarīs kamen hinzu und fragten Kṛṣṇa: „Was ist geschehen?“

Doch Kṛṣṇa sagte nichts.

Die besorgten sakhīs holten Śrī­matī Rād­hikā: „Kṛṣṇa ist sehr unglück­lich. Wir wissen nicht, wes­halb. Bitte komm und ver­treibe Seinen Kummer.“ Śrī­matī Rād­hikā kam, aber trotzdem wollte Kṛṣṇa nicht spre­chen.

Schließ­lich, nach vielem Bitten Viśākhās, sagte Kṛṣṇa: „Um alle Lebe­wesen nach Hause, nach Vraja zu holen, erschien Ich auf der Erde und zeigte Meine anzie­henden, lie­benden Spiele mit Meiner śakti. Den­noch belei­digen uns diese törichten Dumm­köpfe. Sie sagen: ‚Die gopīs ver­ließen Ihre Ehe­männer in der Mitte der Nacht, um sich mit Kṛṣṇa zu ver­gnügen. Sie ver­stoßen gegen die Regeln der Schriften. Kṛṣṇa ist nicht Gott, er ist ein betrü­ge­ri­scher Yogī, der die Normen und Gesetze der Gesell­schaft rui­niert. Er ist ein Frevler, und wer immer ihm folgt, wird eben­falls zum Frevler.‘ Aus diesem Grund bin ich unglück­lich. Manche ver­künden, dass sie selber Gott seien, und ver­führen die Frauen anderer Männer, mit ihnen zu genießen. Andere, die solche Ent­glei­sungen sehen, werden zu Athe­isten und rui­nieren ihr eigenes Leben und auch das von anderen. Was soll Ich tun? Wie werden die Men­schen den rāsa‐līlā und den cīra‐haraṇa‐līlā (das Stehlen der Kleider der gopīs) als die erha­ben­sten aller Spiele ver­stehen, uner­läss­lich für ihre Läu­te­rung und spi­ri­tu­elle Erhe­bung?“

Geh noch einmal in die mate­ri­elle Welt“, riet Viśākhā Kṛṣṇa. „Ich werde Dein Guru werden und Dich lehren, dass die Vra­ja­devīs die größten, feh­ler­losen Geweihten sind und dass man nur durch ihren Vor­gang spi­ri­tu­eller Praxis Voll­kom­men­heit errei­chen kann. Ich werde Dir helfen, dies zu ver­stehen, und dann kannst Du es der Welt lehren.“

Ja, ich werde noch einmal gehen“, stimmte Kṛṣṇa zu, „aber diesmal ohne eure Beglei­tung. Beide Male, als Rāma und Kṛṣṇa, kam Ich mit Meinen śaktis, und beide Male gab es Ärger. Diesmal werde ich ein san­nyāsī werden und allem ent­sagen. Ich werde keine welt­lich erschei­nenden Taten voll­führen, son­dern jedem durch Mein eigenes Vor­bild die Rein­heit des vraja‐rasa auf­zeigen.“

 „Ich werde mein Aus­sehen ändern und ein gelehrter Gou­ver­neur werden,“ sagte Viśākhā.

Die anderen sakhīs und mañjarīs erklärten: „Wir kommen eben­falls“.

Ich werde allein gehen“, sagte Kṛṣṇa.

Die sakhīs bestanden aber darauf, mit­zu­kommen und ver­si­cherten Kṛṣṇa: „Wir werden in männ­li­cher Gestalt erscheinen.“

Wir alle werden dich begleiten“, ent­schied Viśākhā, „und durch die freud­volle Kraft des saṅkīr­tana die Herzen der Men­schen erobern und sie zum Pfad der reiner bhakti führen. Alle Lebe­wesen sind hungrig nach Zunei­gung und werden sich hin­wenden, wo immer sie diese finden. Wir werden uns um mit so viel Zunei­gung der Seelen annehmen, dass sich ihre Herzen wan­deln.“

Als Er diese Worte Viśākhās hörte, beru­higte Sich Kṛṣṇa ein wenig. Viśākhā riet ihm dann: „Bitte Śrī­matī Rād­hikā um Ihre Gefühle und Ihre gol­dene Kör­per­tö­nung und gehe dann und befreie die Welt mit Ihrer Liebe.“

Kṛṣṇa betete zu Śrī­matī Rād­hārāṇī: „Bitte segne Mich mit den Gefühlen Deines Her­zens und Deiner strah­lenden Kör­per­tö­nung. Durch Deine Gnade werde Ich hin­ge­geben sein, alles zurück­lassen können und in Deinen Fuß­spuren folgen.“ Lächelnd ant­wor­tete Śrī­matī Rād­hārāṇī: „So sei es.“

Śrī­matī gab dann die Kraft Ihrer Liebe Kṛṣṇa, damit Er die bedingten Seelen befreien konnte. Die­je­nigen Men­schen, die auch nur einen Tropfen dieser Liebe trinken, werden rein und ent­wickeln die Wil­lens­stärke, bhakti zu folgen. Aus der starken Begierde heraus, Śrī­matī Rād­hārāṇīs Liebe zu ver­stehen und die Seelen unter Ihre Obhut zu bringen, erschien Kṛṣṇa als gol­dener Ava­tāra, als Gaurāṅga Mahāprabhu.

prema‐rasa‐niryasa karite asva­dana
raga‐marga bhakti loke karite pra­carana
Caitanya‐Caritāmṛta, Ādi‐Līlā 4.15

Mahāprabhu stieg herab, um die süße Essenz der Liebe zu Kṛṣṇa zu kosten und spon­tane Hin­gabe zu lehren.

Die acht Haupt‐sakhīs kamen zusammen mit Śrī­matī Rād­hārāṇī und ließen sich auf den acht Inseln Navad­vīpas nieder, die wie Blü­ten­blätter das Lotus­herz Ant­ard­vīpa umschließen. Śrī­ma­tījī eröff­nete in Ant­ard­vīpa Māyāpura einen ver­steckten kuñja namens Rād­hāvana, wel­cher ihr Herz abbildet. Die Wahr­heit über Ant­ard­vīpa Māyāpura und sein Ruhm ist für den bedingten Geist unmög­lich zu ver­stehen. Uner­kannt erschien Kṛṣṇa mit Gaurīs Kör­per­tö­nung und Gemüts­stim­mung auf dieser hei­ligen Insel als Gau­ra­hari. Sein Name Gau­ra­hari ist von Bedeu­tung: Gaura bezieht sich auf Gaurī (Rād­hārāṇī), die eine gol­dene Aus­strah­lung besitzt, und Hari auf Kṛṣṇa, der Ihre Farbe und Stim­mung an sich genommen hat.

Für vier­und­zwanzig Jahre blieb Gaurāṅga Mahāprabhu in Māyāpura. Er begann die saṅkīr­tana-Bewe­gung, in der Mil­lionen Men­schen in spi­ri­tu­eller Ekstase tanzten. Mahāprabhu hob Seine Arme, tanzte und sang über die Herr­lich­keiten der Vra­ja­devīs. Warum tanzte Er mit erho­benen Armen? Er dachte: „Jetzt habe ich die törichten Lebe­wesen besiegt! Sie sind ver­rückt nach Sin­nes­ge­nuss, aber sie wissen nicht, was wahre Freude bedeutet. Sie kennen keinen rasa. Jetzt schenke Ich den Lebe­wesen saṅkīrtana‐rasa und sie werden all ihre mate­ri­ellen Bezie­hungen und Genüsse ver­gessen.

Gaurāṅga Mahāprabhu begann seine harināma‐saṅkīrtana-Bewe­gung mit Seinen füh­renden Gefährten, dem Pañca‐Tattva: Nity­ā­n­anda Prabhu, Advaita Ācārya, Gadād­hara Paṇḍita und Śrīvāsa Ṭhākura. Im Kali‐Yuga hilft nur nāma‐saṅkīrtana; es rei­nigt den Spiegel des Her­zens und offen­bart das wahre Selbst. Śrīman Mahāprabhu kostete des­halb vraja‐rasa durch das Medium des harināma‐saṅkīrtanas und gab damit das Bei­spiel, dass es im Kali‐Yuga keinen anderen Vor­gang der Läu­te­rung als das Chanten der Hei­ligen Namen gibt.

harer nāma harer nāma
harer nāmaiva kevalam
kalau nāsty eva nāsty eva
nāsty eva gatir anyathā
Bṛhan‐Nāradīya‐Purāṇa 38.126

Chantet die Hei­ligen Namen, chantet die Hei­ligen Namen, chantet die Hei­ligen Namen in diesem Kali‐Yuga, dem Zeit­alter von Streit und Heu­chelei! Es gibt keinen anderen Weg, keinen anderen Weg, keinen anderen Weg!

Śrī­matī Rād­hikā wird auch als Hare ange­spro­chen, weil Sie den Geist des all­an­zie­henden Hari oder Kṛṣṇa in Ihren Bann zieht. Das Wort harer im obigen Vers ist die Plu­ral­form von hare, was bedeutet, dass man sich damit an alle Vra­ja­devīs, die Erwei­te­rungen Śrī­matī Rād­hārāṇīs, wendet. Mahāprabhu lehrte, dass man, um vraja‐bhakti‐rasa zu kosten, die aus­schließ­liche Füh­rung der Vra­ja­devīs annehmen und ihre hei­ligen Namen chanten muss.

Mahāprabhu sang und tanzte für ein ganzes Jahr im Hause Śrīvāsa Paṇḍitas, bevor Er den saṅkīr­tana an die Öffent­lich­keit brachte. Unter mate­ria­li­sti­schen Men­schen kann der Geist rastlos und von schlechten Gedanken beein­flusst werden. Des­wegen lehrte Mahāprabhu die Not­wen­dig­keit der Gemein­schaft mit sādhus, welche von glei­cher innerer Auf­fas­sung sind wie wir selbst, mehr fort­ge­schritten im spi­ri­tu­ellen Leben und uns zuge­neigt. Sobald Gott­ge­weihte von glei­cher Auf­fas­sung zusam­men­kommen, steigen der Enthu­si­asmus und der Geschmack am Chanten. Der Gott­ge­weihte in sādhu‐saṅga wird erst für eine halbe Stunde chanten, dann für eine Stunde, dann für zwei, drei, vier, fünf – bis er der­maßen in den tran­szen­den­talen Nektar ver­tieft ist, dass er Tag und Nacht chantet und alle kör­per­liche Bedürf­nisse ver­gisst.

Im Alter von vier­und­zwanzig Jahren nahm Gau­ra­hari san­nyāsa an und wurde Śrī Kṛṣṇa Cai­tanya. Cai­tanya bedeutet „Bewusst­sein“, und Kṛṣṇa Cai­tanya bedeutet: „Kṛṣṇa, der Sich des vraja‐bhakti‐rasas Śrī­matī Rād­hārāṇīs bewusst­wurde und diesen rasa frei auf der Welt ver­teilte.“ Kṛṣṇa selbst, Parab­rahma, die Höchste Abso­lute Wahr­heit, ent­sagte allem und kam als Śrī Cai­tanya Mahāprabhu nach Jagan­nātha Purī.

Dort betete Er:

prema dhana vinā vyartha dar­idra jīvana
‘dāsa’ kari’ vetana more deha prema‐dhana

Ich bin ohne Liebe. Ich bin Parab­rahma. Bitte, mache Mich zu Deinem Diener und belohne Mich mit Deiner Liebe.

Um diese Liebe zu erhalten, gab Mahāprabhu Sein frü­heres Leben in Navad­vīpa auf, ergab sich völlig Śrī­matī und trat der Schule der Vra­ja­devīs bei. Für sechs Jahre reiste Er durch Indien und ver­brei­tete den Nektar der Liebe der Vra­ja­devīs. Er suchte überall: „Wo kann Ich Vra­ja­vāsīs treffen? Ich habe Yaśodā Māiyā ver­lassen, ich habe Śrī­matī Rād­hikā, Lalitā, Viśākhā und all die Vra­ja­vāsīs zurück­ge­lassen.“ Wo immer Er hinkam, tauchte Er jeden in ein Meer der Liebe, indem Er Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare, Hare Rāma Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare chan­tete.

Schließ­lich ließ sich Mahāprabhu in Jagan­nātha Purī nieder. Dort nahm er Lehr­stunden in der Liebe der gopīs von Svarūpa Dāmo­dara und Rāmā­n­anda Rāya (Lalitā und Viśākhā in Kṛṣṇas Spielen). Für acht­zehn Jahre lebte Er in einem win­zigen Raum in Purī, Gambhīrā, und sprach über die Liebe Rād­hārāṇīs für Kṛṣṇa. Als Er diese Liebe kostete, dachte Er: „Dies ist der süßeste Nektar!“

Śrīla Guru­deva been­dete seinen Vor­trag: „Mahāprabhu ermäch­tigte Seine unver­fälschten Nach­folger, diese Lehre der bedin­gungs­losen Liebe den Men­schen dieser Welt nahe­zu­bringen. Jemand, der auch nur einen Tropfen dieser Liebe kostet, wird noch am glei­chen Tag zum echten san­nyāsī werden. Die bedingten Seelen jagen unab­lässig Reichtum, Ruhm und Kar­riere nach. Solange sie nicht vraja‐rasa kosten, erscheint ihnen alles in dieser Welt begeh­rens­wert, doch sobald sie einen Tropfen dieser höch­sten Liebe emp­fangen, ver­liert alles andere seinen Wert für sie. San­nyāsa bedeutet nicht, ein­fach die Klei­dung eines Ent­sagten zu tragen. Ein san­nyāsī ist der­je­nige, der alles auf­ge­geben und voll­ständig bei den Vra­ja­devīs Zuflucht gesucht hat. Jemand, der anu­rāga, lie­be­volle Anzie­hung zu Kṛṣṇa, besitzt, wird aus der Begierde heraus, Ihm zu dienen, ganz natür­lich ent­sagen. Seine Mutter mag um ihn weinen, seine Frau mag ohn­mächtig werden und fast sterben oder die Familie mag ver­su­chen, ihn zurück­zu­halten, aber er wird nie zurück­schauen.“

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