Zweiunddreißigstes Kapitel

Die Kraft heiliger Gemeinschaft

Die Gauḍīya-Vedānta-Samiti verbreitete die Botschaft reiner bhakti kraftvoll. Als Ergebnis traten viele neue Gottgeweihte der Mission bei, die bemüht waren, dem Pfad der Hingabe zu folgen. Es gab jedoch nicht genügend Räume für jeden in der Devānanda-Gauḍīya-Maṭha. Um unterzukommen, drehten die brahmacārīs deshalb die riesigen Woks um, die während des jährlichen Navadvīpa-Dhāma-parikramās zum Kochen gebraucht wurden, und schliefen darunter.

Śrīla Gurudeva wohnte bei Ācārya Kesarī in der Devānanda-Gauḍīya-Maṭha. Einmal kam ein junger Mann, um im Tempel zu leben. Er diente den ganzen Tag über und erfreute jeden durch sein Verhalten. Eines Morgens, ein paar Wochen nach der Ankunft des Novizen, bemerkten Gurudeva und die anderen Tempelinsassen, dass einige ihrer Sachen fehlten. Bei ihrer Suche tagsüber fanden sie diese dann hier und dort im Tempel verstreut. Dieser Vorfall wiederholte sich jeden Morgen: immer, wenn die Geweihten wach wurden, fanden sie ihre Sachen woanders wieder. Der Tempelvorsteher bat Gurudeva, den Schuldigen zu finden, und deshalb versteckte sich Gurudeva eines Nachts im Tempelhof. Nach Mitternacht sah er, wie sich der neue bhakta in die Räume der brahmacārīs schlich, ihren Besitz an sich nahm und mit einem breiten Grinsen an verschiedenen Stellen verbarg.

Am nächsten Morgen wurde Ācāryadeva darüber informiert. Er rief den jungen Mann zu sich ins Zimmer und fragte ihn: „Warum schläfst du nachts nicht? Was tust du?“

„Guru Mahārāja“, sagte er, „ich bleibe wach, um sicherzustellen, dass keine Tiere oder Diebe kommen und im Tempel stören.“

„Lüge mich nicht an“, erwiderte Ācārya Kesarī, „ich weiß, was du tust.“

„Guru Mahārāja, du bist sehr barmherzig, bitte ändere mein sündhaftes Benehmen.“

„Warum hast du diese schlechte Angewohnheit?“

„Ich war früher ein Dieb“, sagte der Mann, „aber durch deine Gnade entstand der Wunsch ich mir, dieses sündhafte Handeln aufzugeben und ein Leben der Hingabe zu führen. Ich kann aber mein früheres Wesen nicht ändern, und deshalb bleibe ich nachts wach und nehme etwas von einem Platz und lege es auf einen anderen. Nur nachdem ich Unfug getrieben habe, kann ich einschlafen. Gurudeva, bitte läutere mich!“

„Sorge dich nicht, du wirst dich bald ändern können, weil du mir dein Herz offenbart hast“, sagte Ācārya Kesarī. Er erklärte weiter: „Wenn man offen die Schwächen des Herzens seinem Guru gesteht, kann man langsam von diesen Lastern frei werden und tugendhafte Eigenschaften entwickeln. Obwohl es sehr schwer ist, alte Angewohnheiten und Eigenschaften zu ändern, wirst du bald ein reiner Vaiṣṇava werden, solange du aufrichtig bist und in der Gemeinschaft fortgeschrittener Gottgeweihter bleibst.“ Durch die Gnade Ācāryadevas wurde das Herz des Novizen gereinigt und er wurde ein guter Gottgeweihter.

Ācārya Kesarī hielt sich des Öfteren in der Chuṅchurā-Maṭha auf, einer Außenstelle der Gauḍīya Vedānta Samiti am Rande Kalkuttas. Śrīla Gurudeva blieb dort bei ihm, um ihm bei seinen Publikationen und anderen Diensten zu assistieren. An den meisten Abenden kamen einflussreiche Persönlichkeiten, Politiker, Rechtsanwälte oder hohe Staatsbeamte, um Ācāryadeva zu treffen. Sie sprachen über aktuelle Geschehnisse und äußerten ihre Meinungen, wie die Gesellschaft damit umgehen sollte. Sie sprachen auch über verschiedene in den Schriften wie der Bhagavad-Gītā beschriebenen spirituellen Pfade, obwohl sie selbst keiner bestimmten Praxis folgten. Ācārya Kesarī hörte ihren Ansichten geduldig zu und wenn er um Rat gefragt wurde, antwortete er freundlich mit „ja, ja“, ohne näher darauf einzugehen.

Eines Abends, nachdem einer der Herren gegangen war, fragte Śrīla Gurudeva: „Guru Mahārāja, warum beantwortest du die Fragen dieser Leute nicht?“

„Sie kommen nur hierher, um sich selbst zu gefallen“, antwortete Ācārya Kesarī. „Sie sind nicht begierig, meinen Rat zu hören. Sie wollen nach außen zeigen, dass sie den Tempel und die sādhus besuchen, aber sie haben keine Absicht, bhakti in ihrem Leben umzusetzen. Wenn sie mit mir sprechen, schweige ich und sie sind zufrieden, dass ich ihnen respektvoll zuhöre. Als Duryodhana (wie im Mahābhārata beschrieben) sündhaft handelte, wiesen ihn Bhīṣma und Droṇa nicht zurecht. Duryodhana dachte, sie unterstützen ihn, weil sie schwiegen, aber in Wirklichkeit erhielten die Pāṇḍavas alle ihre Segnungen.“

Viele Leute aus der Gegend kamen ebenfalls zu Ācārya Kesarī, um von ihm Rat zu erhalten. Sie wussten nicht, dass die Fragen über ihre Familien und ihr weltliches Leben, die sie stellten, nicht der Grund sein sollte, sich an einen sādhu zu wenden. Dennoch verbrachte Ācārya Kesarī gütigerweise einige Zeit mit jedem, der kam. Er zog alle Herzen durch seine Liebeswürdigkeit zu sich hin.

Śrīla Gurudeva blieb in Ācārya Kesarīs Nähe, um bereit zu sein, falls etwas gebraucht wurde, aber manchmal ging er auch fort, um Wichtiges zu erledigen. Einmal wies ihn Ācārya Kesarī an: „Gaura-Nārāyaṇa, selbst wenn ich mit den Leuten über Themen spreche, die scheinbar nichts mit bhakti zu tun haben, solltest du dabei sein. Kṛṣṇas Ruhm und Liebe sind auf versteckte Weise darin enthalten.

Warum gab Ācāryadeva diese Anweisung? Das Licht und die Wärme, die die Sonne ausstrahlt, sind für alle Lebewesen segenreich. In gleicher Weise strahlen die reinen Gottgeweihte reine Liebe zu Gott aus. Die Menschen verwenden die Energie der Sonne nur für ihren eigenen Nutzen und machen so ihr Herz noch kälter gegenüber Gott. Doch wenn sie in den Strahlen der Liebe baden, die von einem reinen Gottgeweihten ausgehen, wird ihr Herz bald in Liebe zu Gott schmelzen. Viele verstecken sich vor der Sonne und geben sich mit künstlichem Licht zufrieden. Genauso bleiben viele Menschen lieber der Gemeinschaft der Gottgeweihten fern. Sie sind zufrieden in ihrem Familienleben und fürchten, dass ihre materiellen Anhaftungen durch solche Gemeinschaft zerstört werden könnten.

Sie gleichen dem Fischer, der auf seinem Heimweg müde wurde. Dieser legte sich in einen Blumengarten, um sich dort auszuruhen, aber er konnte nicht einschlafen. „Warum kann ich nicht schlafen?“ dachte er. Dann stülpte er sich den leeren Korb, in dem er sonst die Fische trug, über seinen Kopf und schlief sofort ein. Der faule Fischgeruch war für ihn angenehm, aber der Duft der Rosen störte ihn. Viele kommen zu Bhagavāns Tempel, um mit Vaiṣṇavas Gemeinschaft zu pflegen, aber haften weiter an ihren weltlichen Wünschen und ihrem Familienleben. So verzaubert, sehen sie die Gottgeweihten nicht als ihre echten Familienangehörigen an. Durch die Kraft des Heiligen Namens verwandeln aber die reinen Gottgeweihten das Wesen der sinnlichen Menschen, die zu ihnen kommen und Störungen hervorrufen. Wenn allerdings ein neuer Gottgeweihter versucht, andere zu ändern, kann es passieren, dass er selber in deren unsauberen Gewohnheiten hineingezogen wird, anstatt sie zu höherem Bewusstsein zu erheben. Deswegen muss der aufrichtige sādhaka ständig beten, dass er seine Anhaftung einzig und allein Kṛṣṇa widmet und nicht materiellen Dingen oder Ruhm und Ansehen. Wie es der Dichter Tulasī Dāsa schön ausdrückte:

kāmī hī nāri pyārī lobhī hī priyā jimi dāma
timi raghunātha nirantara priya lago mohi rāma

So wie der lustvolle Mann den Frauen verfallen ist oder der Gierige dem Reichtum: möge ich in gleicher Weise ungetrübte Anziehung zu meinem Rāma verspüren.

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