Die Kraft hei­liger Gemein­schaft

Die Gauḍīya‐Vedānta‐Samiti ver­brei­tete die Bot­schaft reiner bhakti kraft­voll. Als Ergebnis traten viele neue Gott­ge­weihte der Mis­sion bei, die bemüht waren, dem Pfad der Hin­gabe zu folgen. Es gab jedoch nicht genü­gend Räume für jeden in der Devānanda‐Gauḍīya‐Maṭha. Um unter­zu­kommen, drehten die brah­macārīs des­halb die rie­sigen Woks um, die wäh­rend des jähr­li­chen Navadvīpa‐Dhāma‐pari­kramās zum Kochen gebraucht wurden, und schliefen dar­unter.

Śrīla Guru­deva wohnte bei Ācārya Kesarī in der Devānanda‐Gauḍīya‐Maṭha. Einmal kam ein junger Mann, um im Tempel zu leben. Er diente den ganzen Tag über und erfreute jeden durch sein Ver­halten. Eines Mor­gens, ein paar Wochen nach der Ankunft des Novizen, bemerkten Guru­deva und die anderen Tem­pelin­sassen, dass einige ihrer Sachen fehlten. Bei ihrer Suche tags­über fanden sie diese dann hier und dort im Tempel ver­streut. Dieser Vor­fall wie­der­holte sich jeden Morgen: immer, wenn die Geweihten wach wurden, fanden sie ihre Sachen woan­ders wieder. Der Tem­pel­vor­steher bat Guru­deva, den Schul­digen zu finden, und des­halb ver­steckte sich Guru­deva eines Nachts im Tem­pelhof. Nach Mit­ter­nacht sah er, wie sich der neue bhakta in die Räume der brah­macārīs schlich, ihren Besitz an sich nahm und mit einem breiten Grinsen an ver­schie­denen Stellen ver­barg.

Am näch­sten Morgen wurde Ācār­ya­deva dar­über infor­miert. Er rief den jungen Mann zu sich ins Zimmer und fragte ihn: „Warum schläfst du nachts nicht? Was tust du?“

Guru Mahārāja“, sagte er, „ich bleibe wach, um sicher­zu­stellen, dass keine Tiere oder Diebe kommen und im Tempel stören.“

Lüge mich nicht an“, erwi­derte Ācārya Kesarī, „ich weiß, was du tust.“

Guru Mahārāja, du bist sehr barm­herzig, bitte ändere mein sünd­haftes Benehmen.“

Warum hast du diese schlechte Ange­wohn­heit?“

Ich war früher ein Dieb“, sagte der Mann, „aber durch deine Gnade ent­stand der Wunsch ich mir, dieses sünd­hafte Han­deln auf­zu­geben und ein Leben der Hin­gabe zu führen. Ich kann aber mein frü­heres Wesen nicht ändern, und des­halb bleibe ich nachts wach und nehme etwas von einem Platz und lege es auf einen anderen. Nur nachdem ich Unfug getrieben habe, kann ich ein­schlafen. Guru­deva, bitte läu­tere mich!“

Sorge dich nicht, du wirst dich bald ändern können, weil du mir dein Herz offen­bart hast“, sagte Ācārya Kesarī. Er erklärte weiter: „Wenn man offen die Schwä­chen des Her­zens seinem Guru gesteht, kann man langsam von diesen Lastern frei werden und tugend­hafte Eigen­schaften ent­wickeln. Obwohl es sehr schwer ist, alte Ange­wohn­heiten und Eigen­schaften zu ändern, wirst du bald ein reiner Vaiṣṇava werden, solange du auf­richtig bist und in der Gemein­schaft fort­ge­schrit­tener Gott­ge­weihter bleibst.“ Durch die Gnade Ācār­ya­devas wurde das Herz des Novizen gerei­nigt und er wurde ein guter Gott­ge­weihter.

Ācārya Kesarī hielt sich des Öfteren in der Chuṅchurā‐Maṭha auf, einer Außen­stelle der Gauḍīya Vedānta Samiti am Rande Kal­kuttas. Śrīla Guru­deva blieb dort bei ihm, um ihm bei seinen Publi­ka­tionen und anderen Dien­sten zu assi­stieren. An den mei­sten Abenden kamen ein­fluss­reiche Per­sön­lich­keiten, Poli­tiker, Rechts­an­wälte oder hohe Staats­be­amte, um Ācār­ya­deva zu treffen. Sie spra­chen über aktu­elle Gescheh­nisse und äußerten ihre Mei­nungen, wie die Gesell­schaft damit umgehen sollte. Sie spra­chen auch über ver­schie­dene in den Schriften wie der Bhagavad‐Gītā beschrie­benen spi­ri­tu­ellen Pfade, obwohl sie selbst keiner bestimmten Praxis folgten. Ācārya Kesarī hörte ihren Ansichten geduldig zu und wenn er um Rat gefragt wurde, ant­wor­tete er freund­lich mit „ja, ja“, ohne näher darauf ein­zu­gehen.

Eines Abends, nachdem einer der Herren gegangen war, fragte Śrīla Guru­deva: „Guru Mahārāja, warum beant­wor­test du die Fragen dieser Leute nicht?“

Sie kommen nur hierher, um sich selbst zu gefallen“, ant­wor­tete Ācārya Kesarī. „Sie sind nicht begierig, meinen Rat zu hören. Sie wollen nach außen zeigen, dass sie den Tempel und die sādhus besu­chen, aber sie haben keine Absicht, bhakti in ihrem Leben umzu­setzen. Wenn sie mit mir spre­chen, schweige ich und sie sind zufrieden, dass ich ihnen respekt­voll zuhöre. Als Duryodhana (wie im Mahāb­hā­rata beschrieben) sünd­haft han­delte, wiesen ihn Bhīṣma und Droṇa nicht zurecht. Duryodhana dachte, sie unter­stützen ihn, weil sie schwiegen, aber in Wirk­lich­keit erhielten die Pāṇḍavas alle ihre Seg­nungen.“

Viele Leute aus der Gegend kamen eben­falls zu Ācārya Kesarī, um von ihm Rat zu erhalten. Sie wussten nicht, dass die Fragen über ihre Fami­lien und ihr welt­li­ches Leben, die sie stellten, nicht der Grund sein sollte, sich an einen sādhu zu wenden. Den­noch ver­brachte Ācārya Kesarī güti­ger­weise einige Zeit mit jedem, der kam. Er zog alle Herzen durch seine Lie­bes­wür­dig­keit zu sich hin.

Śrīla Guru­deva blieb in Ācārya Kes­arīs Nähe, um bereit zu sein, falls etwas gebraucht wurde, aber manchmal ging er auch fort, um Wich­tiges zu erle­digen. Einmal wies ihn Ācārya Kesarī an: „Gaura‐Nārāyaṇa, selbst wenn ich mit den Leuten über Themen spreche, die scheinbar nichts mit bhakti zu tun haben, soll­test du dabei sein. Kṛṣṇas Ruhm und Liebe sind auf ver­steckte Weise darin ent­halten.

Warum gab Ācār­ya­deva diese Anwei­sung? Das Licht und die Wärme, die die Sonne aus­strahlt, sind für alle Lebe­wesen segen­reich. In glei­cher Weise strahlen die reinen Gott­ge­weihte reine Liebe zu Gott aus. Die Men­schen ver­wenden die Energie der Sonne nur für ihren eigenen Nutzen und machen so ihr Herz noch kälter gegen­über Gott. Doch wenn sie in den Strahlen der Liebe baden, die von einem reinen Gott­ge­weihten aus­gehen, wird ihr Herz bald in Liebe zu Gott schmelzen. Viele ver­stecken sich vor der Sonne und geben sich mit künst­li­chem Licht zufrieden. Genauso bleiben viele Men­schen lieber der Gemein­schaft der Gott­ge­weihten fern. Sie sind zufrieden in ihrem Fami­li­en­leben und fürchten, dass ihre mate­ri­ellen Anhaf­tungen durch solche Gemein­schaft zer­stört werden könnten.

Sie glei­chen dem Fischer, der auf seinem Heimweg müde wurde. Dieser legte sich in einen Blu­men­garten, um sich dort aus­zu­ruhen, aber er konnte nicht ein­schlafen. „Warum kann ich nicht schlafen?“ dachte er. Dann stülpte er sich den leeren Korb, in dem er sonst die Fische trug, über seinen Kopf und schlief sofort ein. Der faule Fisch­ge­ruch war für ihn ange­nehm, aber der Duft der Rosen störte ihn. Viele kommen zu Bha­ga­vāns Tempel, um mit Vaiṣṇavas Gemein­schaft zu pflegen, aber haften weiter an ihren welt­li­chen Wün­schen und ihrem Fami­li­en­leben. So ver­zau­bert, sehen sie die Gott­ge­weihten nicht als ihre echten Fami­li­en­an­ge­hö­rigen an. Durch die Kraft des Hei­ligen Namens ver­wan­deln aber die reinen Gott­ge­weihten das Wesen der sinn­li­chen Men­schen, die zu ihnen kommen und Stö­rungen her­vor­rufen. Wenn aller­dings ein neuer Gott­ge­weihter ver­sucht, andere zu ändern, kann es pas­sieren, dass er selber in deren unsau­beren Gewohn­heiten hin­ein­ge­zogen wird, anstatt sie zu höherem Bewusst­sein zu erheben. Des­wegen muss der auf­rich­tige sādhaka ständig beten, dass er seine Anhaf­tung einzig und allein Kṛṣṇa widmet und nicht mate­ri­ellen Dingen oder Ruhm und Ansehen. Wie es der Dichter Tulasī Dāsa schön aus­drückte:

kāmī hī nāri pyārī lobhī hī priyā jimi dāma
timi raghun­ātha niran­tara priya lago mohi rāma

So wie der lust­volle Mann den Frauen ver­fallen ist oder der Gie­rige dem Reichtum: möge ich in glei­cher Weise unge­trübte Anzie­hung zu meinem Rāma ver­spüren.

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