Zwölftes Kapitel

Beten zum Allanziehenden

Śrīla Gurudeva besuchte die Vorträge Narottamānanda Prabhus in traditioneller Vaiṣṇava-Kleidung. Er hörte zu und sang mit den Vaiṣṇavas das pañca-tattva-mantra und das mahā-mantra. Nach den Vorlesungen ehrte Śrīla Gurudeva mahāprasāda und befragte Narottamānanda Prabhu über die Gauḍīya-Philosophie. Śrīla Gurudeva stellte Fragen wie: „Welche Auffassung von der Seele lehrt Ihre Sampradāya? Warum beschreiben einige Gurus den Körper als das Selbst, und Dienst zum Körper, zur Familie und am Menschen als Dienst an der Seele und an Gott? Warum laufen die Menschen den Illusionen māyās hinterher und ignorieren Bhagavān. Wie kann man die Identität der Seele verwirklichen und Gott wahrhaft dienen?“

Śrīpāda Narottamānanda Prabhu erklärte: „Die Lebewesen entstammen der marginalen Energie des Herrn, der Sphäre, die die spirituelle von der materiellen Welt trennt. Von dieser marginalen Stellung aus können die Seelen entweder auf Gott schauen und in Sein Reich gehen, oder auf māyā und infolgedessen in die materielle Existenz fallen. Die verkörperten Seelen in dieser Welt haben sich von ihrer ursprünglichen Natur abgewandt, nämlich Gott zu lieben und Ihm zu dienen. Sie wollen sofortige Befriedigung. Sie finden kein Geschmack am spirituellen Leben und können von ihrer Sinnesbefriedigung nicht lassen. Mit der Absicht, diesen sündhaften Menschen, die māyā nicht überwinden wollen, zu helfen, ein moralisches Leben zu führen, beschreiben religiöse Lehrer den Dienst an der Familie und der Gesellschaft als gottgefällig. Doch im Grunde ist dies nur eine vorbereitende Stufe auf dem Pfad der Selbstverwirklichung und kann bestenfalls zu frommen Verdiensten verhelfen, indem man gelegentlichen heiligen Persönlichkeiten dient. Die Seele wird nicht durch materielle Tätigkeiten zufriedengestellt und sucht fortgesetzt nach Glück in zeitweiligen Beziehungen. Nur eine vom Glück begünstigte Seele kommt mit einem reinen Gottgeweihtem in Kontakt und nimmt unter seiner Führung die bhaktiyoga-Praxis auf. Dieser Vorgang beseitigt allmählich die Schichten der Illusion, die die Seele bedecken, und offenbart das wahre Selbst. Ein von sādhus ermächtigter Praktizierender wird die notwendige Willenskraft aufbringen, dem transzendentalen Pfad zu Kṛṣṇa zu folgen. Nur reine Liebe kann den Durst der Seele nach Glück stillen. Śrīmatī Rādhārāṇī verkörpert diese reine Liebe zu Kṛṣṇa. Durch die Barmherzigkeit Ihrer Gesandten kann man Vollkommenheit erlangen und Kṛṣṇa in seinem wesensgemäßen spirituellen Körper persönlich dienen.

Śrīla Gurudeva fragte weiter: „Bei dem Singen des mahā-mantras vor Ihrem Vortrag haben die brahmacārīs hare kṛṣṇa vor hare rāma gechantet. Was ist der Grund dafür? In den Hindustani-Büchern, die durchgesehen habe, steht hare rāma an erster Stelle. Warum chanten Sie hare kṛṣṇa zuerst? Kṛṣṇa erschien in Dvāparā-Yuga, während Śrī Rāma vor ihm in Tretā-Yuga erschien.“

Śrīpāda Narottamānanda Prabhu erklärte: „Die heutigen Autoren, die in ihren Büchern behaupten, man solle hare rāma vor hare kṛṣṇa chanten, kennen die vedischen Unterweisungen nicht. Das spezifische, für das Kali-Yuga vorgeschriebene Mantra wird als mahā-mantra, das große Mantra der Befreiung, bezeichnet. Dies wird in der KaliSantaraṇa Upaniṣad näher ausgeführt:

hare kṛṣṇa hare kṛṣṇa kṛṣṇa kṛṣṇa hare hare
hare rāma hare rāma rāma rāma hare hare
ṣoḍaśaitāni nāmāni dvātriṁśad varṇakāni hi
kalau yuge mahā-mantraḥ sammato jīva-tāraṇe

Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare, Hare Rāma Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare.
Dieses mahā-mantra, das aus sechzehn Namen und zweiunddreißig Silben besteht, kann die Lebewesen des Kali-Yuga befreien.

Obwohl man zu allen Zeiten die Namen Gottes chanten soll, beschreiben die Veden jedoch für jedes Zeitalter einen bestimmten Vorgang, um Befreiung zu erlangen. Im Satya-Yuga ist der Vorgang Meditation, und das Mantra für diese Meditation lautet:

nārāyaṇa-parā vedāh nārāyaṇa-parākṣarāḥ
nārāyaṇa-parā-muktiḥ nārāyaṇa-parā-gatiḥ

Im Tretā-Yuga besteht der Vorgang der Befreiung aus Vedischen Feueropfern, mit dem Mantra:

rāma nārāyaṇānanta mukunda madhusūdana
kṛṣṇa keśava kaṁsāre hare vaikuṇṭha vāmana

Im Dvāpara-Yuga wird die Bildgestalt des Herrn mit dem folgenden Mantra verehrt:

hare murāre madhu-kaiṭabhāre
gopāla govinda mukunda śaure
yajñeśa nārāyaṇa kṛṣṇa viṣṇo
nirāśrayaṁ māṁ jagadīśa rakṣa

Und im gegenwärtigen Kali-Zeitalter erlangt man all die Ergebnisse der Vorgänge der anderen Zeitalter durch das Chanten der Heiligen Namen Bhagavāns. Dies wird im ŚrīmadBhāgavatam 12.3.52 beschrieben:

kṛte yad-dhyāyato viṣṇuṁ
tretāyāṁ yajato makhaiḥ
dvāpare paricaryāyāṁ
kalau tad dhari-kīrtanāt

Das, was im Satya-Yuga durch Meditation über Viṣṇu verwirklicht wurde, im Tretā-Yuga durch Opfer und im Dvāpara-yuga durch Bildgestaltverehrung, kann im Kali-Yuga einfach durch das Chanten der heiligen Namen Haris erreicht werden.

Narottamānanda Prabhu fuhr fort: „In diesem Kali Zeitalter sind spirituelle Praktiken schwierig, weil alle materielle Tätigkeiten verunreinigt sind. Im ŚrīmadBhāgavatam 12.3.51 heißt es:

kaler doṣa-nidhe rājan
asti hy eko mahān guṇaḥ
kīrtanād eva kṛṣṇasya
mukta-saṅgaḥ paraṁ vrajet

Obwohl das Kali-Yuga einem Meer von Fehlern gleicht, kann man in diesem Zeitalter leicht aus dem materiellen Dasein befreit werden, wenn man unter Führung von sādhus Kṛṣṇas Namen chantet.

harer nāma harer nāma
harer nāmaiva kevalam
kalau nāsty eva nāsty eva
nāsty eva gatir anyathā
Bṛhan-Nāradīya Purāṇā

In diesem Zeitalter des Streites und der Heuchelei ist das einzige Mittel zur Befreiung das Chanten der Heiligen Namen, das Chanten der Heiligen Namen, das Chanten der Heiligen Namen. Es gibt keinen anderen Weg, keinen anderen Weg, keinen anderen Weg.

Das Chanten des harināma-Mahā-Mantras ist die höchste religiöse Praxis in diesem Zeitalter. Beim Chanten dringt der transzendentale Klang von Rādhā-Kṛṣṇas Namen in die Ohren, fließt in das Herz und reinigt es von den Schichten von Unwissenheit, die die wahre Natur der Seele verhüllen. Es ist nicht schwierig, an Caitanya Mahāprabhus Bewegung teilzunehmen. Harte Entsagungen sind nicht nötig. Chanten Sie einfach ‚Hare Kṛṣṇa‘. Kṛṣṇa erschien im Kali-Yuga als Caitanya Mahāprabhu. In der Rolle eines Gottgeweihten propagierte Er das Chanten Seiner eigenen Namen:“

kṛṣṇa-varṇaṁ tviṣākṛṣṇaṁ
sāṅgopāṅgāstra-pārṣadam
yajñaiḥ saṅkīrtana-prāyair
yajanti hi su-medhasaḥ
Śrīmad-Bhāgavatam
11.5.32

Im Kali-Zeitalter verehren intelligenten Menschen durch das saṅkīrtanayajña, das gemeinsame Chanten der Heiligen Namen, die Inkarnation Gottes, die selbst ununterbrochen die Namen Kṛṣṇas singt. Seine Haut schimmert golden und Er wird von Seinen Gefährten, Dienern, Waffen und Vertrauten begleitet.

Śrīpāda Narottamānanda Prabhu zitierte danach Dutzende Verse aus den Vedischen Schriften, die Śrī Caitanyas Stellung als direkte Manifestation des Höchsten Herrn Śrī Kṛṣṇa im Kali-Yuga belegten.

Śrīla Gurudeva erinnerte sich an seinen Traum als Kind, in dem ihm Rāma und Lakṣmaṇa erschienen waren und offenbart hatten, dass Sie im Kali-Yuga als Gaura-Nitāi erschienen. Gurudeva fragte: „Sind Rāma und Lakṣmaṇa auch mit Caitanya-Nityānanda identisch?“

„Ja“, bestätigte Narottamānanda Prabhu. „In den autorisierten Biographien Caitanya Mahāprabhus ist erwähnt, dass Mahāprabhu einmal für vierundzwanzig Stunden Seinen Geweihten Seine verschiedenen Inkarnationen offenbarte, je nachdem welche spezifische Form des Herrn diese verehrten. Gott erscheint zur Freude Seiner Geweihten in unterschiedlichen Formen, denn jeder Seele wohnt eine Beziehung zu einem bestimmten Aspekt Gottes inne. Murāri Gupta zeigte Sich Mahāprabhu in der Form Śrī Rāmas. Anderen Gottgeweihten, die von anderen Seiner Inkarnationen angezogen waren, erschien Mahāprabhu als Varāhadeva, Nṛsiṁhadeva oder in anderer Form.“

Gurudeva fragte weiter: „Worin unterscheiden sich harināmasaṅkīrtana und das Gāyatrī-Mantra?“

„Das Gāyatrī-Mantra zügelt den Geist, beseitigt Hindernisse für bhakti und bewahrt uns vor sündhaften Neigungen. Harināma-saṅkīrtana erweckt reine Liebe und die ewige Beziehung der Seele zu Gott.“

„Auf welchen Aspekt Kṛṣṇas bezieht sich der Name rāma in der zweiten Hälfte des Mahā-Mantras? Und wer ist höher, Kṛṣṇa oder Rāma?“, wollte Gurudeva wissen.

„In den Schriften heißt es, dass sich der Name rāma im mahā-mantra auf Rādhā-Ramaṇa bezieht, Kṛṣṇas Aspekt als derjenige, der süße Spiele mit Śrīmatī Rādhārāṇī genießt. Er bezieht sich nicht auf Śrī Rāma in Ayodhyā. Mit diesem Mantra werden Rādhā-Kṛṣṇa ersucht, Ihren ewigen liebenden Dienst zu gewähren.

Das ŚrīmadBhāgavatam (1.3.28) teilt uns mit, dass Kṛṣṇa die Höchste Absolute Wahrheit, die Ursache aller Ursachen und der Ursprung aller Inkarnationen ist: ete cāṁśa-kalāḥ puṁsaḥ kṛṣṇas tu bhagavān svayam. Alle Inkarnationen, angefangen mit Rāma, sind Teile und Teilerweiterungen der ursprünglicher Höchsten Person Kṛṣṇa. Brahmā, der Architekt dieses materiellen Universums, bestätigte dies, nachdem er die Absolute Wahrheit in Meditation verwirklicht hatte. Brahmā betete:

īśvaraḥ paramaḥ kṛṣṇaḥ
sac-cid-ānanda-vigrahaḥ
anādir ādir govindaḥ
sarva-kāraṇa-kāraṇam
Brahma-Saṁhitā
5.1

Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa oder Govinda, verkörpert Ewigkeit, Wissens und Glückseligkeit. Er ist der Herrscher über alle Herrscher und der Ursprung aller Inkarnationen. Er besitzt keinen Anfang oder keinen Ursprung. Vielmehr ist Er der Ursprung allen Seins und die Ursache aller Ursachen.“

Govinda ist ein anderer Name für Kṛṣṇa in Vraja. Govinda bedeutet: derjenige, der go, das heißt den Sinnen, den Kühen Vrajas, den Gopas und Gopīs (Kuhhirten und Kuhhirtinnen) Vrajas und dem Land Gokula Freude schenkt. Er, der in Gokula lebt und von jedem geliebt wird, ist Govinda, der Herr über alles.

Im Ṛg Veda 2.22.164.31 steht: „apaśyaṁ gopām aṇipadyamā namā ca parā ca pathibhiś carantam sa-sadhrīcīḥ sa viṣucīr vasāna āvarīvartti-bhuvaneṣv antaḥ ‒ Ich sah einen Knaben (Gopāla), der in der Dynastie der Kuhhirten erscheint und unfehlbar und unvergänglich ist. Seine Bewegungen sind mysteriös, manchmal kommt Er näher, manchmal entfernt Er Sich. Er ist in bezaubernde seidene Gewänder gehüllt. Auf diese Weise offenbart Er immer wieder vielfältige Spiele in dieser und der transzendentalen Welt.“

Und in der Gopāla-Tāpanī Upaniṣad (Pūrva 2.8): „eko vaśī sarva-gaḥ kṛṣṇa īḍyaḥ eko ‘pi san bahudhā yo ‘vabhāti ‒ Der eine Herrscher über alles, die alldurchdringende, unvergleichliche Höchste Person, Kṛṣṇa, ist der höchste Verehrungswürdige für Halbgötter, Menschen und auch alle anderen Lebewesen.“

Brahmā beschreibt auch in der BrahmaSaṁhitā, dass Śrī Rāma und alle anderen Inkarnationen von der Ursprünglichen Person Śrī Kṛṣṇa ausgehen:

rāmādi-mūrtiṣu kalā-niyamena tiṣṭhan
nānāvatāram akarod bhuvaneṣu kintu
kṛṣṇaḥ svayaṁ samabhavat paramaḥ pumān yo
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi
Brahma-saṁhitā
5.39

Ich verehre die Ursprüngliche Höchste Person, Govinda, der sich in der materiellen Welt als Rāmacandra und viele andere Inkarnationen manifestiert, welche Seine Erweiterungen und Teilerweiterungen sind, und der auch selbst als Kṛṣṇa erscheint.

Narottamānanda Prabhu fuhr fort: „Es gibt eine Unterscheidung zwischen Kṛṣṇa, Rāma und den anderen Inkarnationen. Kṛṣṇa in Vraja ist die höchste Form der absoluten Wahrheit. Er ist der Gipfel aller göttlichen Füllen und aller Lieblichkeit und die ursprüngliche Quelle aller Inkarnationen. Śrī Rāma ist maryādāpuruṣottama, die Höchste Person in dem Aspekt als Lehrer religiöser Prinzipien, Kṛṣṇa dagegen ist līlāpuruṣottama, die Höchste Person, die Sich in süßen, liebevollen Spielen vergnügt. Philosophisch gesehen sind Rāma und Kṛṣṇa identisch, doch im rasa gibt es zwischen ihnen einen Unterschied. Rāma erschien, um moralische Prinzipien und frommes Verhalten in Beziehung zu dieser Welt zu etablieren, Kṛṣṇa dagegen erschien mit der Absicht, die Menschen durch einen kleinen Einblick in Seine süßen Spiele Vraja schmackhaft zu machen. Kṛṣṇa ist raso vai saḥ (Taittirīya Upaniṣad 2.7.2), das Inbild allen transzendentalen Glücks. Caitanya Mahāprabhus Barmherzigkeit ist notwendig, um Kṛṣṇas Herrlichkeit und unsere transzendentale Beziehung zu Ihm im höchsten spirituellen Reich richtig verstehen zu können.

Kṛṣṇa in Seinen persönlichen Erweiterungen als Rāma und Nārāyaṇa weist sechzig charakteristische Eigenschaften auf. In Vaikuṇṭha, der Ort, an dem Nārāyaṇa residiert, manifestiert der Herr Seine göttlichen Füllen und Reichtümer; in Vraja hingegen, dem Reich Kṛṣṇas, entfaltet Er reine Lieblichkeit. In Vraja verfügt Kṛṣṇa über vier besondere Eigenschaften, die nicht einmal Nārāyaṇa besitzt, nämlich: 1. die bezaubernde Schönheit Seiner ewigen Form, 2. Sein süßes Flötenspiel, 3. Seine lieblichen Spiele mit den Bewohnern Vrajas, und 4. die einzigartige süße Liebe, die Er mit den Vrajavāsīs genießt. Diese Süße Liebe zwischen Kṛṣṇa und den Vrajavāsīs ist so erhaben, dass sie alle Seine anderen Füllen in den Schatten stellt.“

„Wie sollte man harināma chanten?“, fragte Gurudeva.

„Caitanya Mahāprabhu weist uns an: ‚Chantet zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Umständen das Mahā-Mantra.‘ Es gibt keine Regeln, die vorschreiben, wie und wann man chanten soll. Allerdings kann man viele Leben chanten, ohne Vollkommenheit zu erlangen, wenn man nicht mit Vertrauen chantet. Kṛṣṇa offenbart Sich einem ergebenen Praktizierenden, der großes Vertrauen in Seinen Namen besitzt.“

Damit endete Narottamānanda Prabhus und Śrīla Gurudevas Unterhaltung an diesem Abend. Beide verabschiedeten sich herzlich. Gurudeva dachte darüber nach, was er gehört hatte, und zum ersten Mal fühlte er, dass seine Fragen zufriedengestellt beantwortet worden waren. Die Gauḍīya-Philosophie faszinierte ihn und er beschloss, sie in seinem Leben anzuwenden.

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