Achtunddreißigstes Kapitel

Kārttika in Vraja-Maṇḍala

Im späten Herbst des Jahres 1951 befolgte Śrīla Gurudeva mit Ācārya Kesarī während des Kārttika-Monats den Vraja-Maṇḍala-Parikramā. Ācārya Kesarī lud Menschen aus ganz Indien ein zu dieser Pilgerreise an die heiligen Stätten der Spiele Rādhā-Kṛṣṇas ein und offerierte ihnen freie Unterkunft und Verpflegung. Dies tat er für den spirituellen Nutzen dieser Leute – so dass sie in ihrer Hingabe zu Rādhā-Kṛṣṇa fortschreiten konnten. Wer zu den heiligen Orten Vrajas kommt und über den Ruhm Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇas hört, kann eine Beziehung zum Göttlichen Paar herstellen. Solche vom Glück begünstigten Seelen werden nach und nach ihr Verständnis von der Herrlichkeit Śrī Gurus, der Vaiṣṇavas und des dhāmas erweitern.

Śrīla Gurudeva half bei der Organisation des mahā-prasādas, der Zeltplanen, der Laternen und so weiter. Die Gottgeweihten und auch viele zufällig hinzugekommene Zuhörer, die sich angezogen fühlten, hörten nektargleiches harikathā, sangen im kīrtana, ehrten die mahā-prasādam-Überreste der Bildgestalten und folgten den strikten Regeln des Kārttika-Gelübdes. Die Geweihten pilgerten durch ganz Vraja-Maṇḍala. Die Bildgestalt Mahāprabhus, eine Tulasī-Pflanze und die Bilder der spirituellen Meister wurden feierlich auf einem Ochsenkarren vorangefahren. Hinten den Pilgern transportierte eine Karawane von Ochsenkarren die in Planen eingeschlagenen Zelte, Töpfe und anderes Gepäck. Der parikramā brach frühmorgens mit einer großen saṅkīrtana-Gruppe auf und besuchte die heiligen Plätze in der Nähe.

Gurudeva organisierte prasāda für jeden, entsprechend dem Wunsch Ācārya Kesarīs, der gesagt hatte: „Wir sollten nicht den Dienst der Vrajavāsīs annehmen – wir sollen ihnen dienen. Koche immer fünfzig Kilo mehr, damit wir, nachdem wir der Bildgestalt geopfert haben, zuerst den Vrajavāsīs prasādam anbieten können.  Jeden Vrajavāsī, der hungrig ist oder prasādam möchte, soll bewirtet werden. Gib allen Kindern und Bettlern.“ Nachdem den Bildgestalten bhoga dargebracht worden war, saß Ācārya Kesarī auf einem Stuhl und lächelte, während er Śrīla Gurudeva und den Brahmacārīs dabei zusah, wie sie prasāda an kleine Kinder und die Leute aus der Gegend verteilten.

Im Gebiet von Vraja hegen die Einwohner natürliche Liebe für Kṛṣṇa und Śrīmatī Rādhārāṇī. Instinktiv befolgen sie die Gelübde des Kārttika-Monats. Die Frauen baden vor Sonnenaufgang und beginnen dann saṅkīrtana, Verehrung und sprechen über die Herrlichkeiten Rādhā-Dāmodaras und Kārttikas. Sie sitzen in Gruppen nahe einem Tulasī-Garten und bringen Tulasī Blumen und Ārati-Lampen dar.

Eines Morgens, als Śrīla Gurudeva Ācārya Kesarī beim parikramā begleitete, sah er, wie eine Gruppe älterer Vrajavāsī-Frauen anmutig mit klingenden Fußglöckchen vorbeischritt. Sie trugen eine Gheelampe, ein Seil, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und andere Gegenstände in einer Hand, einen Tontopf mit Wasser in der anderen Hand und zwei, drei volle Wassertöpfe aufgetürmt auf ihrem Kopf. Ohne sich an der schweren Last zu stören, und ohne einen Tropfen zu verschütten, gingen sie des Wegs und sangen in ihrem örtlichen Dialekt im Chor über die Herrlichkeit Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇas und der Vrajavāsīs. Ācārya Kesarī machte Śrīla Gurudeva darauf aufmerksam: „Verstehst du dieses wunderschöne Lied, das sie singen? In Śrī Vraja-Maṇḍala gibt es keine kīrtanas, die sich nicht auf Rādhā-Kṛṣṇa beziehen.“

Während er äußerlich diese Szene beobachtete, diente Ācāryadeva innerlich in seiner spirituellen Form und in Rādhā-Kṛṣṇas Spielen im transzendentalen Vraja. Rādhā-Kṛṣṇas nächtliche Spiele waren vorüber und die Vrajadevīs gingen mit Zubehör für Kṛṣṇas Dienst in Nandagāon zum Prema-Sarovara, um Śrīmatī Rādhārāṇī dort zu treffen. In Nanda-Bhavana, dem Haus Nanda Mahārājas, wird Kṛṣṇa nicht aufwachen, bevor er nicht die Gelegenheit hat, seine Meistgeliebte zu erblicken. Die Gopīs kommen mit Śrīmatī Rādhārāṇī nach Nanda Grāma und beginnen, frische Butter zu kirnen, duftendes Wassers für Kṛṣṇas Bad zu bereiten und vieles anderes für Kṛṣṇa herzurichten, bevor Er mit den Kuhhirtenjungen und Kälbern in den Wald aufbricht. Śrīmatī Rādhārāṇī und Ihre jungen Freundinnen schmücken den Boden Nanda Mahārājas Palastes mit glückverheißenden farbenprächtigen Ornamenten (rangolī), in welchen sie Kṛṣṇa versteckt mitteilen, wo sie Ihn später treffen werden. Kṛṣṇa erwacht und kommt an der Hand Mutter Yaśodās aus Seinem Zimmer, begierig, die Seitenblicke der Gopīs zu erhaschen.

Śrīla Gurudeva verstand die innere Stimmung Ācārya Kesarīs und verfasste auf Basis dessen, was er gehört hatte, ein wunderschönes Vrajavāsī-Lied – ähnlich Rūpa Gosvāmī, der Caitanya Mahāprabhu mit einem Vers erfreute, in dem er die Gefühle des Herrn während des Wagenfestes Śrī Jagannāthas beschrieb.

Śrīla Gurudeva schrieb den vraja-bāṣā-kīrtana nieder und sang ihn mit wunderschöner Stimme für Ācārya Kesarī:

vraja-jana-mana-sukhakārī
rādhe syām syāmā syām

Śrī Kṛṣṇa schenkt den Herzen der Vrajavāsīs Freude – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

mor mukuṭa makarākṛta-kuṇḍala,
gala vaijayantī-māla,
caraṇana nūpura rasāla
rādhe syām syāmā syām

Er trägt eine Krone aus Pfauenfedern, tanzende Makara-Ohrringe und um Seinen Hals eine Girlande aus Waldblumen. Seine Fußglöckchen klingeln voller Anmut und Gefühl – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

sundara vadana kamala-dala locana,
bākī cita-vana-hārī,
mohana-vaṁśī-vihārī
rādhe syām syāmā syām

Sein Antlitz ist wunderschön, Seine Augen gleichen Lotosblütenblättern. Er streift umher und bezaubert mit Seiner Flöte und Seiner dreifach geschwungenen Gestalt – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

vṛndāvana meṅ dhenu carāve,
gopī-jana manahārī
śrī govardhana-dhārī
rādhe syām syāmā syām

In Vṛndāvanas Weidegründen hütet Er die Kühe; Er stiehlt die Herzen der Gopīs und hält den Govardhana-Hügel empor – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

rādhā-kṛṣṇa mili aba dou,
gaura-rūpa avatārī
kirtana-dharma pracārī
rādhe syām syāmā syām

Nun haben sich Śrī Rādhā-Kṛṣṇa vereinigt – in dem goldenen Avatāra, der das Singen der Heiligen Namen predigt. Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

tum vinā mere aur na koi,
nāma-rūpa avatārī
caraṇana meṅ balihārī,
nārāyaṇa balihārī,
rādhe syām syāmā syām

Wer außer Euch ist mein? Ihr steigt herab in Gestalt Eures göttlichen Namens – In Ergebenheit und tiefer Bewunderung für Eure Lotosfüße singt dieser Nārāyaṇa: Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

Als Ācārya Kesarī Śrīla Gurudeva diesen kīrtana singen hörte, strahlte er vor Freude: „Jetzt bist du in mein Herz eingetreten und hast verstanden, wo ich mich aufhalte und was ich denke“, sagte er. „Dieses Lied ist wunderschön. Sieh nur diese Liebe und Zuneigung der Vrajavāsīs zu Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇa!“

Nur ein Schüler, der immer den Lotosfüßen seines Gurus dient, kann die nektarhaften Gefühle und wahre Form des spirituellen Meisters und den Dienst in seinem Herzen verstehen. Wenn Śrī Guru die aufrichtige Diensthaltung seines Schülers und seine Begierde nach der spirituellen Realität sieht, wird Śrī Gurus Herz vor Zuneigung schmelzen und die göttliche Liebe aus seinem Herzen wird in das Herz des Schülers übertragen.

Während des parikramās weilten beide, Ācārya Kesarī und Śrīla Gurudeva, innerlich in Kṛṣṇa Spielen, und äußerlich weinten sie im Schmerz der Trennung: „Wo ist Śrīmatījī? Wo ist Kṛṣṇa?“ Als sie die Frauen sahen, die über Rādhā-Kṛṣṇa sangen, dachten sie: „Seht nur, wie wunderbar die spontane Liebe der Vrajavāsīs ist!“

Es gibt kein größeres Glück, als reinen Gottgeweihten nahe zu sein, wenn diese in ekstatische spirituelle Gefühle vertieft sind. Der reine Gottgeweihte mag zum Beispiel jemanden in seiner Nähe den Ruhm Kṛṣṇas, Seines Reiches oder Seiner Gefährten besingen hören, wie etwa:

śyāmaṁ hiraṇya-paridhiṁ vanamālya-barha-
dhātu-pravāla-naṭa-veṣam anuvratāṁse
vinyasta-hastam itareṇa dhunānam abjaṁ
karṇot-palālaka-kapola-mukhābja-hāsam
Śrīmad-Bhāgavatam 10.23.22

Kṛṣṇas Haut schimmert dunkel wie eine frische Regenwolke. Er trägt Kleider von goldener Farbe, eine Girlande aus Waldblumen und eine bezaubernde Pfauenfeder auf Seinem Haupt. Sein Körper ist mit farbenfrohen Ornamenten bemalt und mit frischen Zweigen dekoriert. Eine Seiner Hände ruht auf der Schulter eines Freundes und die andere spielt mit einem Lotos. Lilien schwingen als Ohrringe über Seine Wangen, umrahmt von gelocktem Haar. Sein lächelndes Gesicht gleicht einem blühenden Lotos.

Selbst wenn dieses Gebet mechanisch vorgetragen wird, denkt der reine Gottgeweihte: „Dieser bhakta hat solch erhabene Liebe für Kṛṣṇa! Ich habe keine Liebe. Wann werde ich einen Funken seiner Liebe kosten?“ Solche Demut ist auf der bhāva-Stufe, der Stufe spiritueller Ekstase, möglich. Śrīmatī Rādhārāṇī schenkte Ihre Gunst den Eingeborenenmädchen, als Sie sah, wie diese den roten Puder von Kṛṣṇas Lotosfüssen auf ihre Brüste rieben. Śrīmatī Rādhārāṇī dachte: „Sie besitzen so viel Liebe. Ich besitze nicht einen Schimmer davon.“ Wenn ein reiner Gottgeweihter in seiner Ekstase bemerkt, wie ein anderer Kṛṣṇa verherrlicht, werden seine spirituellen Emotionen, von äußerster Demut gezeichnet, jeden berühren, der mit ihm in Kontakt kommt. Dann wird diese Person, wie durch einen heftigen Stromschlag, von der Liebe und Ekstase des reinen Gottgeweihten durchdrungen. Er wird sogleich alle Praxis-Stufen bis zur Vollkommenheit hinter sich lassen, alle Normen und Verhaltensregeln der Gesellschaft vergessen und anfangen, wie ein Verrückter umherzuwandern.

evaṁ-vrataḥ sva-priya-nāma-kīrtyā
jātānurāgo druta-citta uccaiḥ
hasaty atho roditi rauti gāyaty
unmādavan nṛtyati loka-bāhyaḥ
Śrīmad-Bhāgavatam 11.2.40

Ein Mensch, der unerschütterlich am Chanten der Namen seines geliebten Herrn hängt, kümmert sich nicht um die öffentliche Meinung. Sein Herz schmilzt in spirituellen Gefühlen und er verhält sich wie ein Verrückter – manchmal lacht er, weint manchmal vor Freude und manchmal vor Kummer, und dann wieder singt und tanzt er.“

Deshalb sollte jeder, der wahrhaft das Glück der Selbstverwirklichung ersehnt, immer die Gemeinschaft reiner Gottgeweihter suchen.

Beim nächsten Halt sprach Ācārya Kesarī über die Größe der Vrajavāsīs: „Dergestalt ist die natürliche Liebe der Vrajavāsīs für Rādhā-Kṛṣṇa! Sie stehen noch vor der Dämmerung auf und baden in der Yamunā oder in einem der örtlichen Seen. Sie bringen Geschenke zum Tempel und singen Vraja-kīrtanas. Mit mütterlicher Zuneigung sehen sie die Tempel als Erweiterungen ihres eigenen Hauses. Sie können sich keine teuren Spenden leisten, deshalb bringen sie, was ihr Haus hergibt – Buttermilch, Milch, Gerste, Weizen, Reis, Dāl – und spenden das für den Dienst der Bildgestalt. Sie müssen keinen Regulierungen folgen, denn sie folgen den natürlichen Regeln der Liebe.“

Trotz seines fortgeschrittenen Alters ging Ācāryadeva den ganzen in Vraja-Maṇḍala-Parikramā zusammen mit den Pilgern zu Fuß. Er erläuterte die Herrlichkeiten des dhāmas, Śrī Gurus und der Vaiṣṇavas. Bevor die Menschen hari-kathā hören, sind sie blind. Sie können die spirituelle Wahrheit nicht ermessen. Doch das Hören von einer befreiten Seele öffnet ihre spirituellen Augen und erlaubt ihnen, bhakti zu verstehen und zu begreifen, wie sie sich mit Hari, Guru und den Vaiṣṇavas verbinden können.

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