Kārt­tika in Vraja‐Maṇḍala

Im späten Herbst des Jahres 1951 befolgte Śrīla Guru­deva mit Ācārya Kesarī wäh­rend des Kārttika‐Monats den Vraja‐Maṇḍala‐Parikramā. Ācārya Kesarī lud Men­schen aus ganz Indien zu dieser Pil­ger­reise an die hei­ligen Stätten der Spiele Rādhā‐Kṛṣṇas ein und offe­rierte ihnen freie Unter­kunft und Ver­pfle­gung. Dies tat er für den spi­ri­tu­ellen Nutzen dieser Leute – so dass sie in ihrer Hin­gabe zu Rādhā‐Kṛṣṇa fort­schreiten konnten. Wer zu den hei­ligen Orten Vrajas kommt und über den Ruhm Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇas hört, kann eine Bezie­hung zum Gött­li­chen Paar her­stellen. Solche vom Glück begün­stigten Seelen werden nach und nach ihr Ver­ständnis von der Herr­lich­keit Śrī Gurus, der Vaiṣṇavas und des dhāmas erwei­tern.

Śrīla Guru­deva half bei der Orga­ni­sa­tion des mahā‐prasādas, der Zelt­planen, der Laternen und so weiter. Die Gott­ge­weihten und auch viele zufällig hin­zu­ge­kom­mene Zuhörer, die sich ange­zogen fühlten, hörten nek­tar­glei­ches hari-kathā, sangen im kīr­tana, ehrten die mahā‐prasādam-Über­reste der Bild­ge­stalten und folgten den strikten Regeln des Kārttika‐Gelübdes. Die Geweihten pil­gerten durch ganz Vraja‐Maṇḍala. Die Bild­ge­stalt Mahāprabhus, eine Tulasī‐Pflanze und die Bilder der spi­ri­tu­ellen Mei­ster wurden fei­er­lich auf einem Och­sen­karren vor­an­ge­fahren. Hinten den Pil­gern trans­por­tierte eine Kara­wane von Och­sen­karren die in Planen ein­ge­schla­genen Zelte, Töpfe und anderes Gepäck. Der pari­kramā brach früh­mor­gens mit einer großen saṅkīr­tana-Gruppe auf und besuchte die hei­ligen Plätze in der Nähe.

Guru­deva orga­ni­sierte prasāda für jeden, ent­spre­chend dem Wunsch Ācārya Kes­arīs, der gesagt hatte: „Wir sollten nicht den Dienst der Vra­ja­vāsīs annehmen – wir sollen ihnen dienen. Koche immer fünfzig Kilo mehr, damit wir, nachdem wir der Bild­ge­stalt geop­fert haben, zuerst den Vra­ja­vāsīs pras­ādam anbieten können.  Jeden Vra­ja­vāsī, der hungrig ist oder pras­ādam möchte, soll bewirtet werden. Gib allen Kin­dern und Bett­lern.“ Nachdem den Bild­ge­stalten bhoga dar­ge­bracht worden war, saß Ācārya Kesarī auf einem Stuhl und lächelte, wäh­rend er Śrīla Guru­deva und den Brah­macārīs dabei zusah, wie sie prasāda an kleine Kinder und die Leute aus der Gegend ver­teilten.

Im Gebiet von Vraja hegen die Ein­wohner natür­liche Liebe für Kṛṣṇa und Śrī­matī Rād­hārāṇī. Instinktiv befolgen sie die Gelübde des Kārttika‐Monats. Die Frauen baden vor Son­nen­auf­gang und beginnen dann saṅkīr­tana, Ver­eh­rung und spre­chen über die Herr­lich­keiten Rādhā‐Dāmodaras und Kārt­tikas. Sie sitzen in Gruppen nahe einem Tulasī‐Garten und bringen Tulasī Blumen und Ārati‐Lampen dar.

Eines Mor­gens, als Śrīla Guru­deva Ācārya Kesarī beim pari­kramā beglei­tete, sah er, wie eine Gruppe älterer Vrajavāsī‐Frauen anmutig mit klin­genden Fuß­glöck­chen vor­bei­schritt. Sie trugen eine Ghee­lampe, ein Seil, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und andere Gegen­stände in einer Hand, einen Ton­topf mit Wasser in der anderen Hand und zwei, drei volle Was­ser­töpfe auf­ge­türmt auf ihrem Kopf. Ohne sich an der schweren Last zu stören, und ohne einen Tropfen zu ver­schütten, gingen sie des Wegs und sangen in ihrem ört­li­chen Dia­lekt im Chor über die Herr­lich­keit Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇas und der Vra­ja­vāsīs. Ācārya Kesarī machte Śrīla Guru­deva darauf auf­merksam: „Ver­stehst du dieses wun­der­schöne Lied, das sie singen? In Śrī Vraja‐Maṇḍala gibt es keine kīr­tanas, die sich nicht auf Rādhā‐Kṛṣṇa beziehen.“

Wäh­rend er äußer­lich diese Szene beob­ach­tete, diente Ācār­ya­deva inner­lich in seiner spi­ri­tu­ellen Form und in Rādhā‐Kṛṣṇas Spielen im tran­szen­den­talen Vraja. Rādhā‐Kṛṣṇas nächt­liche Spiele waren vor­über und die Vra­ja­devīs gingen mit Zubehör für Kṛṣṇas Dienst in Nan­da­gāon zum Prema‐Sarovara, um Śrī­matī Rād­hārāṇī dort zu treffen. In Nanda‐Bhavana, dem Haus Nanda Mahārājas, wird Kṛṣṇa nicht auf­wa­chen, bevor er nicht die Gele­gen­heit hat, seine Meist­ge­liebte zu erblicken. Die Gopīs kommen mit Śrī­matī Rād­hārāṇī nach Nanda Grāma und beginnen, fri­sche Butter zu kirnen, duf­tendes Was­sers für Kṛṣṇas Bad zu bereiten und vieles anderes für Kṛṣṇa her­zu­richten, bevor Er mit den Kuh­hir­ten­jungen und Käl­bern in den Wald auf­bricht. Śrī­matī Rād­hārāṇī und Ihre jungen Freun­dinnen schmücken den Boden Nanda Mahārājas Pala­stes mit glück­ver­hei­ßenden far­ben­präch­tigen Orna­menten (ran­golī), in wel­chen sie Kṛṣṇa ver­steckt mit­teilen, wo sie Ihn später treffen werden. Kṛṣṇa erwacht und kommt an der Hand Mutter Yaśodās aus Seinem Zimmer, begierig, die Sei­ten­blicke der Gopīs zu erha­schen.

Śrīla Guru­deva ver­stand die innere Stim­mung Ācārya Kes­arīs und ver­fasste auf Basis dessen, was er gehört hatte, ein wun­der­schönes Vrajavāsī‐Lied – ähn­lich Rūpa Gos­vāmī, der Cai­tanya Mahāprabhu mit einem Vers erfreute, in dem er die Gefühle des Herrn wäh­rend des Wagen­fe­stes Śrī Jagan­nāthas beschrieb.

Śrīla Guru­deva schrieb den vraja‐bāṣā‐kīrtana nieder und sang ihn mit wun­der­schöner Stimme für Ācārya Kesarī:

vraja‐jana‐mana‐sukhakārī
rādhe syām syāmā syām

Śrī Kṛṣṇa schenkt den Herzen der Vra­ja­vāsīs Freude – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

mor mukuṭa makarākṛta‐kuṇḍala,
gala vaijayantī‐māla,
caraṇana nūpura rasāla
rādhe syām syāmā syām

Er trägt eine Krone aus Pfau­en­fe­dern, tan­zende Makara‐Ohrringe und um Seinen Hals eine Gir­lande aus Wald­blumen. Seine Fuß­glöck­chen klin­geln voller Anmut und Gefühl – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

sundara vadana kamala‐dala locana,
bākī cita‐vana‐hārī,
mohana‐vaṁśī‐vihārī
rādhe syām syāmā syām

Sein Ant­litz ist wun­der­schön, Seine Augen glei­chen Lotos­blü­ten­blät­tern. Er streift umher und bezau­bert mit Seiner Flöte und Seiner drei­fach geschwun­genen Gestalt – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

vṛn­dāvana meṅ dhenu carāve,
gopī‐jana manahārī
śrī govardhana‐dhārī
rādhe syām syāmā syām

In Vṛn­dāvanas Wei­de­gründen hütet Er die Kühe; Er stiehlt die Herzen der Gopīs und hält den Govardhana‐Hügel empor – Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

rādhā‐kṛṣṇa mili aba dou,
gaura‐rūpa ava­tārī
kirtana‐dharma pracārī
rādhe syām syāmā syām

Nun haben sich Śrī Rādhā‐Kṛṣṇa ver­ei­nigt – in dem gol­denen Ava­tāra, der das Singen der Hei­ligen Namen pre­digt. Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

tum vinā mere aur na koi,
nāma‐rūpa ava­tārī
caraṇana meṅ bali­hārī,
nārāyaṇa bali­hārī,
rādhe syām syāmā syām

Wer außer Euch ist mein? Ihr steigt herab in Gestalt Eures gött­li­chen Namens – In Erge­ben­heit und tiefer Bewun­de­rung für Eure Lotos­füße singt dieser Nārāyaṇa: Rādhe! Syāma! Syāmā! Syāma!

Als Ācārya Kesarī Śrīla Guru­deva diesen kīr­tana singen hörte, strahlte er vor Freude: „Jetzt bist du in mein Herz ein­ge­treten und hast ver­standen, wo ich mich auf­halte und was ich denke“, sagte er. „Dieses Lied ist wun­der­schön. Sieh nur diese Liebe und Zunei­gung der Vra­ja­vāsīs zu Śrī Śrī Rādhā‐Kṛṣṇa!“

Nur ein Schüler, der immer den Lotos­füßen seines Gurus dient, kann die nek­tarhaften Gefühle und wahre Form des spi­ri­tu­ellen Mei­sters und den Dienst in seinem Herzen ver­stehen. Wenn Śrī Guru die auf­rich­tige Dienst­hal­tung seines Schü­lers und seine Begierde nach der spi­ri­tu­ellen Rea­lität sieht, wird Śrī Gurus Herz vor Zunei­gung schmelzen und die gött­liche Liebe aus seinem Herzen wird in das Herz des Schü­lers über­tragen.

Wäh­rend des pari­kramās weilten beide, Ācārya Kesarī und Śrīla Guru­deva, inner­lich in Kṛṣṇa Spielen, und äußer­lich weinten sie im Schmerz der Tren­nung: „Wo ist Śrī­ma­tījī? Wo ist Kṛṣṇa?“ Als sie die Frauen sahen, die über Rādhā‐Kṛṣṇa sangen, dachten sie: „Seht nur, wie wun­derbar die spon­tane Liebe der Vra­ja­vāsīs ist!“

Es gibt kein grö­ßeres Glück, als reinen Gott­ge­weihten nahe zu sein, wenn diese in eksta­ti­sche spi­ri­tu­elle Gefühle ver­tieft sind. Der reine Gott­ge­weihte mag zum Bei­spiel jemanden in seiner Nähe den Ruhm Kṛṣṇas, Seines Rei­ches oder Seiner Gefährten besingen hören, wie etwa:

śyāmaṁ hiraṇya‐paridhiṁ vanamālya‐barha‐
dhātu‐pravāla‐naṭa‐veṣam anu­vra­tāṁse
vinyasta‐hastam itareṇa dhun­ānam abjaṁ
karṇot‐palālaka‐kapola‐mukhābja‐hāsam
Śrīmad‐Bhāgavatam 10.23.22

Kṛṣṇas Haut schim­mert dunkel wie eine fri­sche Regen­wolke. Er trägt Kleider von gol­dener Farbe, eine Gir­lande aus Wald­blumen und eine bezau­bernde Pfau­en­feder auf Seinem Haupt. Sein Körper ist mit far­ben­frohen Orna­menten bemalt und mit fri­schen Zweigen deko­riert. Eine Seiner Hände ruht auf der Schulter eines Freundes und die andere spielt mit einem Lotos. Lilien schwingen als Ohr­ringe über Seine Wangen, umrahmt von gelocktem Haar. Sein lächelndes Gesicht gleicht einem blü­henden Lotos.

Selbst wenn dieses Gebet mecha­nisch vor­ge­tragen wird, denkt der reine Gott­ge­weihte: „Dieser bhakta hat solch erha­bene Liebe für Kṛṣṇa! Ich habe keine Liebe. Wann werde ich einen Funken seiner Liebe kosten?“ Solche Demut ist auf der bhāva-Stufe, der Stufe spi­ri­tu­eller Ekstase, mög­lich. Śrī­matī Rād­hārāṇī schenkte Ihre Gunst den Ein­ge­bo­re­nen­mäd­chen, als Sie sah, wie diese den roten Puder von Kṛṣṇas Lotos­fü­ssen auf ihre Brüste rieben. Śrī­matī Rād­hārāṇī dachte: „Sie besitzen so viel Liebe. Ich besitze nicht einen Schimmer davon.“ Wenn ein reiner Gott­ge­weihter in seiner Ekstase bemerkt, wie ein anderer Kṛṣṇa ver­herr­licht, werden seine spi­ri­tu­ellen Emo­tionen, von äußer­ster Demut gezeichnet, jeden berühren, der mit ihm in Kon­takt kommt. Dann wird diese Person, wie durch einen hef­tigen Strom­schlag, von der Liebe und Ekstase des reinen Gott­ge­weihten durch­drungen. Er wird sogleich alle Praxis‐Stufen bis zur Voll­kom­men­heit hinter sich lassen, alle Normen und Ver­hal­tens­re­geln der Gesell­schaft ver­gessen und anfangen, wie ein Ver­rückter umher­zu­wan­dern.

evaṁ‐vrataḥ sva‐priya‐nāma‐kīrtyā
jātānurāgo druta‐citta uccaiḥ
hasaty atho roditi rauti gāyaty
unmādavan nṛt­yati loka‐bāhyaḥ
Śrīmad‐Bhāgavatam 11.2.40

Ein Mensch, der uner­schüt­ter­lich am Chanten der Namen seines geliebten Herrn hängt, küm­mert sich nicht um die öffent­liche Mei­nung. Sein Herz schmilzt in spi­ri­tu­ellen Gefühlen und er ver­hält sich wie ein Ver­rückter – manchmal lacht er, weint manchmal vor Freude und manchmal vor Kummer, und dann wieder singt und tanzt er.“

Des­halb sollte jeder, der wahr­haft das Glück der Selbst­ver­wirk­li­chung ersehnt, immer die Gemein­schaft reiner Gott­ge­weihter suchen.

Beim näch­sten Halt sprach Ācārya Kesarī über die Größe der Vra­ja­vāsīs: „Der­ge­stalt ist die natür­liche Liebe der Vra­ja­vāsīs für Rādhā‐Kṛṣṇa! Sie stehen noch vor der Däm­me­rung auf und baden in der Yamunā oder in einem der ört­li­chen Seen. Sie bringen Geschenke zum Tempel und singen Vraja‐kīr­tanas. Mit müt­ter­li­cher Zunei­gung sehen sie die Tempel als Erwei­te­rungen ihres eigenen Hauses. Sie können sich keine teuren Spenden lei­sten, des­halb bringen sie, was ihr Haus her­gibt – But­ter­milch, Milch, Gerste, Weizen, Reis, Dāl – und spenden das für den Dienst der Bild­ge­stalt. Sie müssen keinen Regu­lie­rungen folgen, denn sie folgen den natür­li­chen Regeln der Liebe.“

Trotz seines fort­ge­schrit­tenen Alters ging Ācār­ya­deva den ganzen Vraja‐Maṇḍala‐Parikramā zusammen mit den Pil­gern zu Fuß. Er erläu­terte die Herr­lich­keiten des dhāmas, Śrī Gurus und der Vaiṣṇavas. Bevor die Men­schen hari‐kathā hören, sind sie blind. Sie können die spi­ri­tu­elle Wahr­heit nicht ermessen. Doch das Hören von einer befreiten Seele öffnet ihre spi­ri­tu­ellen Augen und erlaubt ihnen, bhakti zu ver­stehen und zu begreifen, wie sie sich mit Hari, Guru und den Vaiṣṇavas ver­binden können.

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