Einundzwanzigstes Kapitel

Transzendentales Wissen

Am Morgen des Gaura-Pūrṇimā-Tages rasierte sich Śrīla Gurudeva als Symbol der Hingabe zum Dienst Śrī Kṛṣṇas und der Entsagung der körperlichen Lebensauffassung Bart und Haare ab und empfing dann Einweihung von Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja. Nachdem er die dīkṣā-mantras erhalten hatte, fragte Śrīla Gurudeva Ācārya Kesarī: „Was ist die Bedeutung der dīkṣā-Einweihung in der Gauḍīya-Sampradāya? Wie soll ich über die dīkṣāmantras meditieren?“

Ācārya Kesarī erklärte: „Die dīkṣā-Mantras sind nicht etwas Gewöhnliches. Sie sind auch nicht dazu bestimmt, in vergänglichen Angelegenheiten zu helfen. Sie sind eine Medizin,  die uns auf ewig aus dem materiellen Gebundensein befreit. Vom Moment der dīkṣā– Einweihung an übernimmt der spirituelle Meister Verantwortung für den spirituellen Fortschritt seines Schülers. Er zerstört dessen Unwissenheit, die Wurzel der Sünde, indem er ihm Wissen über seine spirituelle Natur vermittelt. Im Bhakti-Sandarbha heißt es, dass divya-jñāna das transzendentale Wissen in einem Mantra ist, welches die Form und Identität des Höchsten Herrn, wie auch das Wissen über die eigene Identität und die Beziehung zu Ihm, offenbart.

„Um ein Haus zu errichten, ist Baumaterial wie Sand, Zement und Ziegel nötig, jedoch auch Wasser. Ohne Zugabe von Wasser würde die Konstruktion nicht zusammenhalten, der Wind würde den Sand und den Zement abtragen. So wie Wasser das Baumaterial bindet, ist rasa oder reine Liebe der Mörtel, der die ewige spirituelle Identität der Seele formt. Kṛṣṇa verkörpert reines Bewusstsein, Baladeva ist der Grundstein allen Raums und allen Seins und Śrīmatī Rādhārāṇī ist der Ursprung aller transzendentalen Glücks. Ohne rasa jedoch, die Gefühle der liebenden Hingabe, kann die Seele ihre Beziehung zu Kṛṣṇa nicht entwickeln, obwohl Kṛṣṇa im Herzen aller Lebewesen als Überseele weilt. Rasa wächst im Herzen durch aufrichtige Meditation über die dīkṣā-Mantras.

Diene unter Śrī Gurus Führung im Geist der vorherrschenden Gottheit jedes Mantras, wenn du über die Silben des Mantras meditierst. Śrī Guru ist im Mantra anwesend. Wenn du daher während des Chantens Śrī Guru vernachlässigst, wirst du seine und auch deine eigene spirituelle Form nicht verwirklichen können. Sich an Śrī Guru zu erinnern und bei seinen Lotosfüßen Zuflucht zu suchen, verbindet den Schüler mit der spirituellen Energiequelle. So verliert er die Wünsche nach materiellem Reichtum und nach Sinnenbefriedigung.“

Ācārya Kesarī schloss mit den Worten: „Śrī Gurus Freude ist Kṛṣṇas Freude, und sich ihm zu ergeben, bedeutet, sich Kṛṣṇa zu ergeben. Die reine Liebe im Herzen des Gurus ist ausschließlich für Kṛṣṇa reserviert. Sobald Śrī Guru mit dem Schüler zufrieden ist, wird er ihn mit Kṛṣṇa verbinden. Zu dieser Zeit wird sich der Strom reiner Liebe im Herzen des Gurus im Herzen seines aufrichtigen Schüler wiederspiegeln und sein Wesen wird süßer als Nektar werden.“

Jeder brahmacārī, der in der Gauḍīya-Vedānta-Samiti diente, erhielt die brāhmaṇa-Einweihung. Kasten-brāhmaṇas fordern, dass nur der Sohn eines brāhmaṇas die Heilige Schnur empfangen darf. Hier jedoch sah Śrīla Gurudeva, dass Ācārya Kesarī großherzig die Heilige Schnur an Personen aller Kasten verlieh, vorausgesetzt, dass sie Begierde zeigten und den Prinzipien spirituellen Lebens folgten. Śrīla Gurudeva war froh, zu sehen, dass aufrichtigen Anwärtern die Gelegenheit gegeben wurde, ihr schlummerndes spirituelles Bewusstsein wiederzuerwecken. Er fragte Ācāryadeva, welche Eigenschaft ein echter brāhmaṇa besitzen sollte.

„Ein echter brāhmaṇa wird nicht wegen seiner Geburt in einer brāhmaṇa-Familie als solcher anerkannt“, antwortete Ācārya Kesarī. „Das wichtigste Kriterium ist seine Natur. Durch Gemeinschaft mit sādhus werden die Natur und die Neigung eines Menschen erhoben. Den Veden gemäß kann ein Mensch dreimal in seinem Leben geboren werden. Die erste Geburt ist die des weinenden Babys, das als śūdra aus dem Leib seiner Mutter geboren wird. ‚Śūdra‘ bedeutet: jemand, der klagt. Die zweite Geburt erfährt ein Junge, der bei einer Feuerzeremonie die Heilige Schnur empfängt. Er gilt als zweimalgeboren und damit qualifiziert, die Vedischen Schriften zu studieren. Und die dritte Geburt besteht darin, spirituelle Einweihung in die gāyatrī-Mantras vom echten Guru zu erhalten. Der echte spirituelle Meister besitzt eine persönliche Beziehung zu den Mantras und ist seiner verehrenswerten Gottheit ergeben. Er wird niemanden in die Mantras einweihen, der nicht qualifiziert ist, sondern lieber warten, bis der der Anwärter begierig wird, der Gottheit des Mantras zu dienen und sich Ihr zu ergeben.

Ein echter brāhmaṇa besitzt eine Beziehung zu Parabrahma, der Höchsten Person. Indem man die dīkṣā Mantras von einem spirituellen Meister empfängt, kann man eine solche Beziehung entwickeln und ein brāhmaṇa werden, selbst wenn man zuvor nicht die Eignung dafür besessen hat. Im Hari-Bhakti-Vilāsa (2.12) heißt es: „Wie Glockenmetall durch einen besonderen alchimistischen Vorgang in Gold umgewandelt wird, so kann ein Mensch durch den Prozess der vaiṣṇava-dīkṣā spirituell geboren werden.“

Ācārya Kesarī schloss: „Bei der dīkṣā-Einweihung in der Gauḍīya-Sampradāya weist der Guru seinen Schüler an, Kṛṣṇa unter der Führung Śrīmatī Rādhikās und Ihrer Dienstmädchen zu dienen. Du kannst Kṛṣṇa nicht ohne die Gnade Śrīmatī Rādhārāṇīs verstehen oder Ihm dienen. Solange du nicht mit Ihrer göttlichen Energie verbunden bist, kannst du nie von dem Leid frei werden, das das Abwenden von Kṛṣṇa hervorgerufen hat. Um mit Kṛṣṇa in eine Verbindung zu treten, musst du zuerst mit Seiner Göttlichen Energie, Śrīmatī Rādhārāṇī, verbunden sein. Śrī Guru ist in der transzendentalen Welt Ihr geliebter Diener und in dieser Welt Ihr Botschafter, der die aufrichtigen Gottgeweihten mit ihr verbindet, indem er ihre Herzen läutert und sie Ihrem Dienst weiht.“

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