Ann­akūṭa und Kārttika-Vrata

Śrīla Guru­deva beging jähr­lich all die Fei­er­tage des Vaiṣṇava-Kalenders. Jedes Jahr nach dem Navadvīpa-Parikramā kehrte er nach Mathurā zurück und orga­ni­sierte dort die Fest­lich­keiten für das Erscheinen Kṛṣṇas und Seiner Inkar­na­tionen, die Erscheinung- und Ver­schei­dungs­tage der Ācā­ryas der Gauḍīya-Tradition und anderer Sam­pra­dāyas, sowie andere wich­tige Feste wie Akṣaya Tṛtīyā und Candana-Yātrā. Als der glück­ver­hei­ßende Kārttika-Monat im späten Herbst des Jahres 1955 näher­rückte, ver­sandte Śrīla Guru­deva eine öffent­liche Ein­la­dung, in sādhu-saṅga, d.h. unter Füh­rung Ācārya Kes­arīs und der Śrī Gauḍīya Vedānta Samiti, dem kārttika-vrata zu folgen.

Śrīla Guru­deva wid­mete die Dezem­ber­aus­gabe der Śrī Bha­gavad Patrikā der Bedeu­tung des Kārttika-Monates und beschrieb, wie die Gott­ge­weihten der Gauḍīya Vedānta Samiti den Gelübden dieses Monats folgten:

Für Vaiṣṇavas ist das Ein­halten des Cāturmāsya-Gelübdes eine der wich­tig­sten Pflichten. Śrī Cai­tanya Mahāprabhu selbst folgte den Regeln dieser vier Monate mit tiefem Respekt. Der letzte Cāturmāsya-Monat ist aber nicht nur für Vaiṣṇavas, son­dern für jeden Men­schen von Wich­tig­keit, weil die vor­herr­schende Gott­heit dieses Monats, Śrī­matī Rād­hārāṇī, in diesem Monat spe­zi­elle Seg­nungen gewährt. Die Schriften emp­fehlen, diesen Monat zu ehren, indem man zu hei­ligen Orten reist und dort in spi­ri­tu­eller Gemein­schaft seinen Gelübden nach­kommt. Im Hari-Bhakti-Vilāsa heißt es, dass man im Kārttika-Monat die Tempel Viṣṇus umkreisen, über Śrī Viṣṇu hören, die Vaiṣṇavas besu­chen und sich in ihrer Nähe auf­halten soll. Man sollte das Kārttika-Vrata nicht zu Hause befolgen, viel­mehr sollte man dieses Gelübde respekt­voll an hei­ligen Orten ein­halten.

Diese Aus­sagen der großen Seelen und der sātvata-vaiṣṇava-smṛti Śrī Hari-Bhakti-Vilāsa vor Augen, orga­ni­siert die Śrī Gauḍīya Vedānta Samiti jähr­liche Pil­ger­reisen zu den hei­ligen Stätten, an denen der Höchste Herr Śrī Kṛṣṇa mit Seinen Gefährten ewig viel­fäl­tige Spiele voll­führt. Wenn man solche spi­ri­tu­ellen Reisen unter­nimmt, wird man mit tran­szen­den­talen Ergeb­nissen gesegnet. In hei­liger Gemein­schaft eröffnen sich groß­ar­tige Mög­lich­keiten, seine Hin­gabe zu Gott zu ver­grö­ßern. Viele Leute fragen: „Kann ich nicht zu Hause bleiben und dort spi­ri­tu­ellen Prak­tiken nach­gehen? Warum ist es nötig, zu hei­ligen Orten zu pil­gern?“ Es ist wahr, und die Schriften bestä­tigen, dass man Reli­gion immer und überall leben kann. Ander­seits unter­weisen sie uns aber auch, hei­lige Gemein­schaft auf­zu­su­chen. Und diese Gemein­schaft ist dort, wo man lebt, meist nicht so leicht erhält­lich. Durch eigene Bemü­hung, durch Lernen oder durch Intel­li­genz kann man kein reines Wissen über die Abso­lute Wahr­heit bekommen. Die sādhus jedoch kann man ‒ nachdem ihnen gedient und sich vor ihnen ver­neigt hat ‒ über spi­ri­tu­elle Wahr­heiten befragen.

Sādhu-saṅga, Gemein­schaft mit Hei­ligen, för­dert eine hin­ge­bungs­volle Gei­stes­hal­tung. Man wird wahr­haft gesegnet, wenn man vom Mund reiner Gott­ge­weihter über die ruhm­rei­chen Taten Bha­ga­vāns hört. Genau­ge­nommen ist eine solche Gele­gen­heit für Men­schen, die welt­li­chem Sin­nes­ge­nuss ver­haftet sind, nur extrem selten erhält­lich. Obwohl viele andere Feste von der Vedānta Samiti aus­ge­richtet werden, liegt das Haupt­au­gen­merk der Pilger darauf, wäh­rend des Kārttika-Monats zusam­men­zu­kommen, um sich der sat-saṅga bei­zu­ge­sellen, über den Herrn zu hören, die ver­schie­denen hei­ligen Stätten zu besu­chen und kīr­tana zu singen.

Ācārya Kesarī beab­sich­tigte, den Mathurā-Tempel als Aus­gangsort für den Vraja-Maṇḍala-Parikramā wäh­rend des Kārttika-Monates zu nutzen. Śrīla Guru­deva arbei­tete hart, um den Tempel für den Pari­kramā und die Besu­cher vor­zu­be­reiten. Viele san­nyāsīs, brah­macārīs und Pilger waren auf dem Weg nach Mathurā. Der Winter in Mathurā ist streng und kalt, des­halb wurden für die Gott­ge­weihten extra Decken gemietet. Ācā­rya­deva bestieg mit seiner pari­kramā-Gruppe am 29. Oktober den Zug im Howrah-Bahnhof in Kal­kutta und traf am 2. November 2:30 Uhr nach­mit­tags auf dem Bahnhof in Mathurā ein. Auf dem Weg hatten sie Gayā, Kāśī, Prayāga und andere hei­lige Orte besucht. Śrīla Guru­deva, der mit vielen Gott­ge­weihten zum Bahnhof gekommen war, begrüßte Śrīla Bhak­ti­pra­jñāna Keśava Gos­vāmī Mahārāja und seine Pil­ger­gruppe mit saṅkīr­tana. Unter den Gott­ge­weihten, die zur Begrü­ßung zum Bahnhof gekommen waren, befand sich auch Śrīla Bhak­tibhū­deva Śrauti Mahārāja, ein füh­render san­nyāsī-Schüler Śrīla Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākuras und großer Vaiṣṇava-Gelehrter. Er war ein lieber Gott­bruder Ācārya Kes­arīs und beide besaßen tiefe Zunei­gung und Respekt für­ein­ander. Auch viele andere Gott­ge­weihte hatten sich ein­ge­funden, um Ācā­rya­deva und die Pilger zu begrüßen.

Als der Zug im Bahnhof in Mathurā zum Halten kam, brachten alle Ācārya Kesarī ihre aus­ge­streckten Ehr­er­bie­tungen dar. Bhak­tibhū­deva Śrauti Mahārāja bekränzte Ācā­rya­deva mit einer duf­tenden Blu­men­gir­lande. Auch alle anderen älteren san­nyāsīs, die Ācārya Kesarī beglei­teten, wie Śrīmad Bhak­ti­vi­jñāna Āśrama Mahārāja und Śrīmad Bhak­ti­jīvana Janār­dana Mahārāja, wurden von Śrīla Guru­deva mit Blu­men­gir­landen begrüßt. Es war ein herz­li­ches Wie­der­sehen. Danach ging es mit einem macht­vollen saṅkīr­tana, mit der Bild­ge­stalt Śrī Cai­tanya Mahāprabhus an der Spitze, zurück zur Śrī Keśa­vajī Gauḍīya Maṭha, wo alle freu­digl mahā-prasādam zu sich nahmen. Am näch­sten Tag begann der Vraja-Maṇḍala Pari­kramā mit Gelübden an Viśrāma-Ghāṭa in Mathurā. Śrīla Guru­deva orga­ni­sierte den Pari­kramā mit Hilfe der Geweihten der Keśa­vajī Gauḍīya Maṭha. Er küm­merte sich um den Trans­port, die Unter­künfte und das mahā-prasāda. Nach dem Mathurā-Parikramā besuchte die Gruppe die wich­tig­sten Schau­plätze der Spiele Kṛṣṇas in Vraja-Maṇḍala. Zunächst blieben sie für einige Tage in Govardhana. Danach besuchten sie Kāmya­vana, Varṣāṇā, Nan­da­grāma und Yāvaṭa und kamen anschlie­ßend für das Annakūṭa-Fest nach Mathurā zurück.

In Mathurā berei­tete Śrīla Guru­deva das erste Govardhana-Pūjā-Fest (Annakūta-Fest) in der Śrī Keśa­vajī Gauḍīya Maṭḥa vor. Ann­akūta ist der Tag, an dem Śrī Kṛṣṇa mit den Vra­ja­vāsīs vor 5000 Jahren Girirāja Govardhana ver­ehrte. Der Höchst Herr wies per­sön­lich alle Vra­ja­vāsīs an, wie sie Girirāja Govardhana ver­ehren sollten. Unab­lässig und mit tiefer Liebe dient Śrī Govardhana Kṛṣṇa und den Vra­ja­vāsīs auf viel­fache Art und Weise. Śrī­matī Rād­hārāṇī beschreibt ihn im Śrīmad-Bhāgavatam (10.21.18) als den besten Diener Śrī Haris. Für diese Feier ließ Śrīla Guru­deva den Tempel pracht­voll mit Blumen und Gir­landen schmücken. Er lud weithin zu einem großen Fest und Fest­essen ein, und von nah und fern kamen Gläu­bige, um der Feier bei­zu­wohnen.

Am Annakūṭa-Tag war die gesamte Tem­pel­halle mit Speisen für Girirāja ange­füllt. Die Ein­wohner Mathurās hatten noch nie so ein rie­siges Ann­akūṭa Fest gesehen. Nor­ma­ler­weise gilt eine Dar­brin­gung von 56 Zube­rei­tungen als her­vor­ra­gend, doch bei diesem Annakūṭa-Fest wurden 365 ver­schie­dene Speisen geop­fert. Śrīla Guru­deva lei­tete die Gemeinde in der Ver­eh­rung Girirāja Govardhanas, der Kühe, brāh­maṇas und Vaiṣṇavas an. Er erwies allen Gott­ge­weihten und Gästen der Vaiṣṇava-Etikette gemäß Respekt. Gelehrte und ange­se­hene Gäste aus Mathurā waren gekommen und bestaunten dieses gran­diose Fest in ihrer Stadt. Nach der Śrīmad Bhāga­vatam-Vor­le­sung über die Śrī Govardhana Pūjā öff­neten sich um 15 Uhr unter lautem Rufen von „Haribol! Girirāja Mahārāja Kī Jaya!“ die Türen des Altars. Der Tempel hallte von frohem Singen und dem Klang der Instru­mente wieder. Vom Nach­mittag bis Mit­ter­nacht wurde annakūta-mahā-prasāda frei an gela­dene und unge­la­dene Gäste ver­teilt, an Männer, Frauen, sādhus, san­nyāsīs, Arme und Reiche, Trau­rige und Fröh­liche. Es erfreute das Herz, zu sehen, wie Leute aller Her­kunft und aller Schichten gemeinsam glück­lich prasāda ehrten.

Mehr als fünf­tau­send Men­schen wurden an diesem Tag im Tempel bewirtet. Ein­hellig pries jeder das Annakūṭa-Fest: „Noch nie hat Mathurā eine so rie­sige Govardhana-Pūjā gesehen!“ Am 18. November dann zog der Pari­kramā nach Vṛn­dāvana und blieb dort für fünf Tage, um die nahe­ge­le­genen hei­ligen Orte zu besu­chen. Von Vṛn­dāvana aus ging es weiter nach Gokula und Rāval, bevor der Pari­kramā nach Mathurā zurück­kehrte. Einen Monat nutzten die Pilger enthu­si­astisch die Gele­gen­heit, in sādhu-saṅga die bhakti-Vor­gänge zu prak­ti­zieren. Sie weinten bei ihrer Abreise und priesen ihr gutes Glück mit Hun­derten Stimmen, als sie sich von den Vaiṣṇavas ver­ab­schie­deten.

Jedes Jahr führte Śrīla Guru­deva den Vraja-Maṇḍala-Parikramā durch und kam für das Annakūṭa-Fest in die Keśa­vajī Gauḍīya Maṭha. Ācārya Kesarī blieb häufig nach dem Kārttika-Monat noch einen Monat länger in der Keśa­vajī Gauḍīya Maṭha und gab abends Vor­träge aus dem Śrīmad Bhāga­vatam. Oft bat er auch Śrīla Guru­deva, aus dem Bhāga­vatam zu spre­chen. Eines Tages vor der Abend­vor­le­sung saß Ācārya Kesarī auf seinem Bett und chan­tete, tief in Medi­ta­tion über seinen inneren Dienst ver­sunken. Śrīla Guru­deva saß auf dem Boden in der Nähe seines gött­li­chen Mei­sters und begann die Geschichte zu erzählen, wie Kṛṣṇa von Mutter Yaśodā an den Mörser gebunden wurde. Wäh­rend Śrīla Guru­deva hari-kathā sprach, hörte Ācārya Kesarī nicht nur zu, son­dern er war in Vraja gegen­wärtig. Er konnte den Kummer und die Sorge Mutter Yaśodās mit­fühlen und wurde von spi­ri­tu­ellen Gefühlen über­wäl­tigt.

Śrīla Guru­deva war Zeuge, wie all die Zei­chen eksta­ti­scher Liebe am Körper seines spi­ri­tu­ellen Mei­sters erschienen. Obwohl er von ern­ster Natur war, konnte Ācārya Kesarī die Schmerzen der Tren­nung, die in diesem Spiel beschrieben werden, nicht ertragen und verlor das Bewusst­sein. Śrīla Guru­deva fächelte seinem spi­ri­tu­ellen Mei­ster Luft zu und wischte ihm mit einem feuchten Tuch den Schweiß vom Körper. Wieder bei äußerem Bewusst­sein, sagte Ācārya Kesarī zu Guru­deva: „Mein Pre­digen ist erfolg­reich, denn ich habe jemanden gefunden, dessen Herz mit der reinen Liebe Vrajas erfüllt ist.“ Śrīla Guru­deva sollte die eksta­ti­schen Gefühle, die er an jenem Tag beob­ach­tete, nie ver­gessen. Später schrieb Ācārya Kesarī in Mathurā einen Kom­mentar zum Dāmo­darāṣṭakam und wies Śrīla Guru­deva an, jeden Kārttika-Monat dieses Spiel des Bin­dens Śrī Dāmo­daras durch Mutter Yaśodā zu beschreiben und täg­lich das Dāmo­darāṣṭakam-Lied zu singen.

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