Elftes Kapitel

Annakūṭa und Kārttika-Vrata

Śrīla Gurudeva beging jährlich all die Feiertage des Vaiṣṇava-Kalenders. Jedes Jahr nach dem Navadvīpa-Parikramā kehrte er nach Mathurā zurück und organisierte dort die Festlichkeiten für das Erscheinen Kṛṣṇas und Seiner Inkarnationen, die Erscheinung- und Verscheidungstage der Ācāryas der Gauḍīya-Tradition und anderer Sampradāyas, sowie andere wichtige Feste wie Akṣaya Tṛtīyā und Candana-Yātrā. Als der glückverheißende Kārttika-Monat im späten Herbst des Jahres 1955 näherrückte, versandte Śrīla Gurudeva eine öffentliche Einladung, in sādhu-saṅga, d.h. unter Führung Ācārya Kesarīs und der Śrī Gauḍīya Vedānta Samiti, dem kārttika-vrata zu folgen.

Śrīla Gurudeva widmete die Dezemberausgabe der Śrī Bhagavad Patrikā der Bedeutung des Kārttika-Monates und beschrieb, wie die Gottgeweihten der Gauḍīya Vedānta Samiti den Gelübden dieses Monats folgten:

Für Vaiṣṇavas ist das Einhalten des Cāturmāsya-Gelübdes eine der wichtigsten Pflichten. Śrī Caitanya Mahāprabhu selbst folgte den Regeln dieser vier Monate mit tiefem Respekt. Der letzte Cāturmāsya-Monat ist aber nicht nur für Vaiṣṇavas, sondern für jeden Menschen von Wichtigkeit, weil die vorherrschende Gottheit dieses Monats, Śrīmatī Rādhārāṇī, in diesem Monat spezielle Segnungen gewährt. Die Schriften empfehlen, diesen Monat zu ehren, indem man zu heiligen Orten reist und dort in spiritueller Gemeinschaft seinen Gelübden nachkommt. Im Hari-Bhakti-Vilāsa heißt es, dass man im Kārttika-Monat die Tempel Viṣṇus umkreisen, über Śrī Viṣṇu hören, die Vaiṣṇavas besuchen und sich in ihrer Nähe aufhalten soll. Man sollte das Kārttika-Vrata nicht zu Hause befolgen, vielmehr sollte man dieses Gelübde respektvoll an heiligen Orten einhalten.

Diese Aussagen der großen Seelen und der sātvata-vaiṣṇava-smṛti Śrī Hari-Bhakti-Vilāsa vor Augen, organisiert die Śrī Gauḍīya Vedānta Samiti jährliche Pilgerreisen zu den heiligen Stätten, an denen der Höchste Herr Śrī Kṛṣṇa mit Seinen Gefährten ewig vielfältige Spiele vollführt. Wenn man solche spirituellen Reisen unternimmt, wird man mit transzendentalen Ergebnissen gesegnet. In heiliger Gemeinschaft eröffnen sich großartige Möglichkeiten, seine Hingabe zu Gott zu vergrößern. Viele Leute fragen: „Kann ich nicht zu Hause bleiben und dort spirituellen Praktiken nachgehen? Warum ist es nötig, zu heiligen Orten zu pilgern?“ Es ist wahr, und die Schriften bestätigen, dass man Religion immer und überall leben kann. Anderseits unterweisen sie uns aber auch, heilige Gemeinschaft aufzusuchen. Und diese Gemeinschaft ist dort, wo man lebt, meist nicht so leicht erhältlich. Durch eigene Bemühung, durch Lernen oder durch Intelligenz kann man kein reines Wissen über die Absolute Wahrheit bekommen. Die sādhus jedoch kann man ‒ nachdem ihnen gedient und sich vor ihnen verneigt hat ‒ über spirituelle Wahrheiten befragen.

Sādhu-saṅga, Gemeinschaft mit Heiligen, fördert eine hingebungsvolle Geisteshaltung. Man wird wahrhaft gesegnet, wenn man vom Mund reiner Gottgeweihter über die ruhmreichen Taten Bhagavāns hört. Genaugenommen ist eine solche Gelegenheit für Menschen, die weltlichem Sinnesgenuss verhaftet sind, nur extrem selten erhältlich. Obwohl viele andere Feste von der Vedānta Samiti ausgerichtet werden, liegt das Hauptaugenmerk der Pilger darauf, während des Kārttika-Monats zusammenzukommen, um sich der sat-saṅga beizugesellen, über den Herrn zu hören, die verschiedenen heiligen Stätten zu besuchen und kīrtana zu singen.

Ācārya Kesarī beabsichtigte, den Mathurā-Tempel als Ausgangsort für den Vraja-Maṇḍala-Parikramā während des Kārttika-Monates zu nutzen. Śrīla Gurudeva arbeitete hart, um den Tempel für den Parikramā und die Besucher vorzubereiten. Viele sannyāsīs, brahmacārīs und Pilger waren auf dem Weg nach Mathurā. Der Winter in Mathurā ist streng und kalt, deshalb wurden für die Gottgeweihten extra Decken gemietet. Ācāryadeva bestieg mit seiner parikramā-Gruppe am 29. Oktober den Zug im Howrah-Bahnhof in Kalkutta und traf am 2. November 2:30 Uhr nachmittags auf dem Bahnhof in Mathurā ein. Auf dem Weg hatten sie Gayā, Kāśī, Prayāga und andere heilige Orte besucht. Śrīla Gurudeva, der mit vielen Gottgeweihten zum Bahnhof gekommen war, begrüßte Śrīla Bhaktiprajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja und seine Pilgergruppe mit saṅkīrtana. Unter den Gottgeweihten, die zur Begrüßung zum Bahnhof gekommen waren, befand sich auch Śrīla Bhaktibhūdeva Śrauti Mahārāja, ein führender sannyāsī-Schüler Śrīla Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākuras und großer Vaiṣṇava-Gelehrter. Er war ein lieber Gottbruder Ācārya Kesarīs und beide besaßen tiefe Zuneigung und Respekt füreinander. Auch viele andere Gottgeweihte hatten sich eingefunden, um Ācāryadeva und die Pilger zu begrüßen.

Als der Zug im Bahnhof in Mathurā zum Halten kam, brachten alle Ācārya Kesarī ihre ausgestreckten Ehrerbietungen dar. Bhaktibhūdeva Śrauti Mahārāja bekränzte Ācāryadeva mit einer duftenden Blumengirlande. Auch alle anderen älteren sannyāsīs, die Ācārya Kesarī begleiteten, wie Śrīmad Bhaktivijñāna Āśrama Mahārāja und Śrīmad Bhaktijīvana Janārdana Mahārāja, wurden von Śrīla Gurudeva mit Blumengirlanden begrüßt. Es war ein herzliches Wiedersehen. Danach ging es mit einem machtvollen saṅkīrtana, mit der Bildgestalt Śrī Caitanya Mahāprabhus an der Spitze, zurück zur Śrī Keśavajī Gauḍīya Maṭha, wo alle freudigl mahā-prasādam zu sich nahmen. Am nächsten Tag begann der Vraja-Maṇḍala Parikramā mit Gelübden an Viśrāma-Ghāṭa in Mathurā. Śrīla Gurudeva organisierte den Parikramā mit Hilfe der Geweihten der Keśavajī Gauḍīya Maṭha. Er kümmerte sich um den Transport, die Unterkünfte und das mahā-prasāda. Nach dem Mathurā-Parikramā besuchte die Gruppe die wichtigsten Schauplätze der Spiele Kṛṣṇas in Vraja-Maṇḍala. Zunächst blieben sie für einige Tage in Govardhana. Danach besuchten sie Kāmyavana, Varṣāṇā, Nandagrāma und Yāvaṭa und kamen anschließend für das Annakūṭa-Fest nach Mathurā zurück.

In Mathurā bereitete Śrīla Gurudeva das erste Govardhana-Pūjā-Fest (Annakūta-Fest) in der Śrī Keśavajī Gauḍīya Maṭḥa vor. Annakūta ist der Tag, an dem Śrī Kṛṣṇa mit den Vrajavāsīs vor 5000 Jahren Girirāja Govardhana verehrte. Der Höchst Herr wies persönlich alle Vrajavāsīs an, wie sie Girirāja Govardhana verehren sollten. Unablässig und mit tiefer Liebe dient Śrī Govardhana Kṛṣṇa und den Vrajavāsīs auf vielfache Art und Weise. Śrīmatī Rādhārāṇī beschreibt ihn im Śrīmad-Bhāgavatam (10.21.18) als den besten Diener Śrī Haris. Für diese Feier ließ Śrīla Gurudeva den Tempel prachtvoll mit Blumen und Girlanden schmücken. Er lud weithin zu einem großen Fest und Festessen ein, und von nah und fern kamen Gläubige, um der Feier beizuwohnen.

Am Annakūṭa-Tag war die gesamte Tempelhalle mit Speisen für Girirāja angefüllt. Die Einwohner Mathurās hatten noch nie so ein riesiges Annakūṭa Fest gesehen. Normalerweise gilt eine Darbringung von 56 Zubereitungen als hervorragend, doch bei diesem Annakūṭa-Fest wurden 365 verschiedene Speisen geopfert. Śrīla Gurudeva leitete die Gemeinde in der Verehrung Girirāja Govardhanas, der Kühe, brāhmaṇas und Vaiṣṇavas an. Er erwies allen Gottgeweihten und Gästen der Vaiṣṇava-Etikette gemäß Respekt. Gelehrte und angesehene Gäste aus Mathurā waren gekommen und bestaunten dieses grandiose Fest in ihrer Stadt. Nach der Śrīmad Bhāgavatam-Vorlesung über die Śrī Govardhana Pūjā öffneten sich um 15 Uhr unter lautem Rufen von „Haribol! Girirāja Mahārāja Kī Jaya!“ die Türen des Altars. Der Tempel hallte von frohem Singen und dem Klang der Instrumente wieder. Vom Nachmittag bis Mitternacht wurde annakūta-mahā-prasāda frei an geladene und ungeladene Gäste verteilt, an Männer, Frauen, sādhus, sannyāsīs, Arme und Reiche, Traurige und Fröhliche. Es erfreute das Herz, zu sehen, wie Leute aller Herkunft und aller Schichten gemeinsam glücklich prasāda ehrten.

Mehr als fünftausend Menschen wurden an diesem Tag im Tempel bewirtet. Einhellig pries jeder das Annakūṭa-Fest: „Noch nie hat Mathurā eine so riesige Govardhana-Pūjā gesehen!“ Am 18. November dann zog der Parikramā nach Vṛndāvana und blieb dort für fünf Tage, um die nahegelegenen heiligen Orte zu besuchen. Von Vṛndāvana aus ging es weiter nach Gokula und Rāval, bevor der Parikramā nach Mathurā zurückkehrte. Einen Monat nutzten die Pilger enthusiastisch die Gelegenheit, in sādhu-saṅga die bhakti-Vorgänge zu praktizieren. Sie weinten bei ihrer Abreise und priesen ihr gutes Glück mit Hunderten Stimmen, als sie sich von den Vaiṣṇavas verabschiedeten.

Jedes Jahr führte Śrīla Gurudeva den Vraja-Maṇḍala-Parikramā durch und kam für das Annakūṭa-Fest in die Keśavajī Gauḍīya Maṭha. Ācārya Kesarī blieb häufig nach dem Kārttika-Monat noch einen Monat länger in der Keśavajī Gauḍīya Maṭha und gab abends Vorträge aus dem Śrīmad Bhāgavatam. Oft bat er auch Śrīla Gurudeva, aus dem Bhāgavatam zu sprechen. Eines Tages vor der Abendvorlesung saß Ācārya Kesarī auf seinem Bett und chantete, tief in Meditation über seinen inneren Dienst versunken. Śrīla Gurudeva saß auf dem Boden in der Nähe seines göttlichen Meisters und begann die Geschichte zu erzählen, wie Kṛṣṇa von Mutter Yaśodā an den Mörser gebunden wurde. Während Śrīla Gurudeva hari-kathā sprach, hörte Ācārya Kesarī nicht nur zu, sondern er war in Vraja gegenwärtig. Er konnte den Kummer und die Sorge Mutter Yaśodās mitfühlen und wurde von spirituellen Gefühlen überwältigt.

Śrīla Gurudeva war Zeuge, wie all die Zeichen ekstatischer Liebe am Körper seines spirituellen Meisters erschienen. Obwohl er von ernster Natur war, konnte Ācārya Kesarī die Schmerzen der Trennung, die in diesem Spiel beschrieben werden, nicht ertragen und verlor das Bewusstsein. Śrīla Gurudeva fächelte seinem spirituellen Meister Luft zu und wischte ihm mit einem feuchten Tuch den Schweiß vom Körper. Wieder bei äußerem Bewusstsein, sagte Ācārya Kesarī zu Gurudeva: „Mein Predigen ist erfolgreich, denn ich habe jemanden gefunden, dessen Herz mit der reinen Liebe Vrajas erfüllt ist.“ Śrīla Gurudeva sollte die ekstatischen Gefühle, die er an jenem Tag beobachtete, nie vergessen. Später schrieb Ācārya Kesarī in Mathurā einen Kommentar zum Dāmodarāṣṭakam und wies Śrīla Gurudeva an, jeden Kārttika-Monat dieses Spiel des Bindens Śrī Dāmodaras durch Mutter Yaśodā zu beschreiben und täglich das Dāmodarāṣṭakam-Lied zu singen.

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