Neuntes Kapitel

Vaiṣṇavas in der Keśavajī Gauḍīya Maṭha

Śrīmad Bhaktikuśala Narasiṁha Mahārāja, ein Schüler Śrīla Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākuras und der Onkel Śrīmad Bhaktivedānta Vāmana Mahārājas, wurde als der älteste Vaiṣṇava in der Keśavajī Gauḍīya Maṭha respektiert. Haridāsa Vrajavāsī, Kuñja Bihārī Brahmacārī und Rasarāja Vrajavāsī waren die ersten Gottgeweihten im Tempel.

Haridāsa Vrajavāsī war in einer reichen Familie in Mathurā aufgewachsen. Von seiner frühen Kindheit an zeigte er reges Interesse an Spiritualität. Sein Vater Śrī Gaṇeśilālā hatte ihm den Namen Śrī Haricandra gegeben. In seiner Jugend pflegte er mit Gleichaltrigen kīrtana-Veranstaltungen zu organisieren und an spirituellen Diskussionen teilzunehmen. Sein Vater hatte ihn zu Hause unterrichtet und in der Familienfirma beschäftigte. Er war begierig, einen echten spirituellen Meister zu finden und sich in hari-bhajana zu vertiefen. Als Jugendlicher verließ er sein Zuhause und reiste auf der Suche nach einem spirituellen Meister ohne Besitz zu allen heiligen Orten in Indien. Doch weil er natürliche Zuneigung zu Vraja besaß, kehrte er schließlich wieder nach Mathurā-Maṇḍala zurück.

Am 13. Dezember 1954 ergab es sich, dass er in der dharmaśālā der Keśavajī Gauḍīya Maṭha übernachtete. Ācārya Kesarī hatte das Haus erst kurz zuvor gekauft und hielt sich gerade mit Śrīla Gurudeva, Śrī Sanātana Prabhu und den Teilnehmern der Vraja-Maṇḍala Parikramā dort auf, um den Tempel feierlich zu eröffnen. Als Haricandra das kraftvolle hari-kathā Ācārya Kesarīs hörte, fühlte er, dass seine Suche nach einem Guru ein Ende gefunden hatte. Er wandte sich an Ācārya Kesarī mit einer Bitte um Einweihung. Ācārya Kesarī, der seine dienende Haltung und seinen aufrichtigen Wunsch nach bhajana sah, gab ihm harināma und dīkṣā und taufte ihn auf den Namen Haridāsa Vrajavāsī. Bevor Ācārya Kesarī nach Bengalen abreiste, wies er Haridāsa Vrajavāsī an, in Mathurā zu bleiben und unter der Führung Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Mahārāja zu dienen. Fortan blieb Haridāsa Vrajavāsī in Mathurā und diente dort Hari, Guru und Vaiṣṇavas mit Körper, Geist und Worten. Er war versiert in allen Arten des Dienstes und begriff schnell den Kern der Gauḍīya-Vaiṣṇava-Lehre. Zwischen Gurudeva und ihm entwickelte sich eine enge Freundschaft, denn er war ernsthaft und verkörperte den Grundsatz: saralatā hi vaiṣṇavatā ‒ „ein Vaiṣṇavismus zu sein bedeutet, einfachen Herzens zu sein“. Er half Gurudeva bei jeder Art von Dienst, unbedeutendem wie auch wichtigem.

Kuñja Bihārī Brahmacārī war ein Kommandeur und Ausbilder in der Indischen Armee gewesen. Er stammte aus Gharowal in Utthara Kanda. Er erhielt seine militärische Ausbildung in Lucknow und wurde in Mathurā stationiert. Nach seiner Arbeit kam er regelmäßig zu Ācārya Kesarī in die Keśavajī Gauḍīya Maṭha. Er hatte schon in seiner Jugend großes Interesse an Religion gezeigt und quittierte bald nach seinem Treffen mit Ācārya Kesarī seinen Dienst und zog in den Tempel ein. Ācārya Kesarī weihte ihn ein und änderte seinen Namen von Khem Siṁha in Kuñja Bihārī. Kuñja Bihārī war energisch, mutig und verantwortungsbewusst. Śrīla Gurudeva übertrug ihm die Leitung der dharmaśālā. Kuñja Bihārī konnte keine Feindseligkeit gegen den Tempel, aber auch kein falsches Verhalten der brahmacārīs im Tempel ertragen.

Rasarāja Vrajavāsī stammte aus Puruliya in Bihar. Nach fünfzig Jahren erfolgreichem Familienleben wurde in ihm der Wunsch übermächtig, Bhagavān zu verehren und dem weltlichen Leben zu entsagen. Er gab seine Frau, seine Kinder und seinen Besitz auf, trat in den vānaprasthaāśrama ein und begab sich auf die Suche nach einem spirituellen Meister. Er reiste für viele Jahre, unter anderem nach Vārāṇasī, Prayāga, Haridvāra, Hṛṣīkeśa und Vṛndāvana. 1955 kam er zur Keśavajī Gauḍīya Maṭha. Er war sofort von Ācārya Kesarīs anziehendem hari-kathā gefesselt und ergab sich seinen Lotosfüßen. Bald darauf empfing er harināma und dīkṣā. Mit großem Vertrauen diente er Ācāryadeva und widmete sich dem hari-bhajana. Ācāryadeva wies Rasarāja Vrajavāsī an, in Mathurā zu bleiben und Śrīla Gurudeva beim Publizieren der neu erschienenen Śrī Bhāgavata Patrikā zu unterstützen. Obwohl Rasarāja Vrajavāsī nach außen hin ernst und unnahbar wirkte, war er ein sehr fröhlicher Mensch und machte seinem Namen Rasarāja (der König des Humors) alle Ehre. Jeder, ob brahmacārī, sannyāsī oder gṛhastha, mochte ihn.  Er stand in dem Ruf, einen weinenden Mann zum Lachen und einen Lachenden zum Weinen bringen zu können.

Muralī Brahmacārī war im selben Dorf wie Śrīla Gurudeva geboren. Er blieb für einige Jahre im Tempel in Mathurā. Auch der ältere Govinda Dāsa Bābājī wohnte im Tempel. Unbeeindruckt von den schwierigen Umständen und Entbehrungen lebten sie mit Śrīla Gurudeva und praktizierten enthusiastisch die neun Arten von bhakti. Die brahmacārīs kochten, was immer auf dem Markt erhältlich war, meist nur eine oder zwei Sorten einheimisches Gemüse pro Jahreszeit. Eines dieser Saisongemüse war die Wasserbrotwurzel (Taro oder Kochu), eine längliche Wurzel, die sehr üppig am Wasser wächst. Die meisten Leute kauften diese Wurzel nur selten, weil sie Blähungen, allergische Reaktionen im Hals und unangenehmes Jucken verursachen kann. Große Mengen davon wurden dem Tempel gespendet und ein brahmacārī buk capatis und bereitete die Wurzeln sowie noch ein weiteres Gemüsegericht zu. Nach der Opferung zu den Bildgestalten ehrten die wenigen Gottgeweihten das prasādam zusammen. Trotz ihres spartanischen Lebens waren die Geweihten zufrieden und enthusiastisch.  Śrīla Gurudeva servierte Narasiṁha Mahārāja, Govinda Dāsa Bābājī Mahārāja und den anderen Vaiṣṇavas prasādam. Rasarāja Vrajavāsī saß ernst in der Reihe. Er war kräftig gebaut und sah mit seiner Brille wie ein Gelehrter aus. Die meisten Gottgeweihten hatten kein Problem mit den Kochuwurzeln, aber wenn Rasarāja Vrajavāsī sie aß, schwoll sein Hals für mehrere Stunden schmerzhaft an.

Eines Tages während des prasādams, nachdem das erste Gemüsegericht ausgeteilt worden war, rief ein brahmacārī: „O Rasarāja, sei vorsichtig! Nimm keine Suppe, die ist mit Kochu!“

„Kochu?“, schrie Rasarāja Vrajavāsī. „Warum habt ihr das nicht vorher gesagt? Ich habe schon davon gegessen! Mein Hals fängt schon an zu jucken und dick zu werden! Er begann sein Hals zu kratzen und nach Luft zu schnappen: „Kṛṣṇa, hilf mir! Ich kann nicht atmen!“ Er fiel keuchend zum Boden und wand sich zwischen den Geweihten. Die brachen in schallendes Gelächter aus. „Habt ihr kein Mitleid mit mir unglückseligen Kerl?“ japste Rasarāja, während er sich hin- und herwälzte.

„Oh Rasarājajī,“ sagte der Koch, „das ist kein Kochu, das sind ganz normale Kartoffeln.“

Rasarāja Vrajavāsī setzte sich wieder hin und lachte fröhlich. „Haha! Ist doch viel mehr Spaß, wenn wir alle mitspielen! Ha!“

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