Sechsunddreißigstes Kapitel

Kārttika in Ayodhyā

Im Jahr 1949 wollte Ācāryadeva den Kārttika-Monat in Ayodhyā verbringen. Er übertrug Śrīla Gurudeva die Verantwortung für die Vorbereitung. Gurudeva reiste vor dem Rest der Gruppe nach Ayodhyā, um Petroleum, Unterkünfte, Reis und andere Lebensmittel zu besorgen. Ācārya Kesarī trug ihm auf, die staatlichen Lebensmittelausgabestätten um Unterstützung zu bitten. Als Gurudeva jedoch dort Unterstützung beantragen wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass alle Vorräte schon an andere Gruppen vergeben worden waren. Gurudeva verfügte nicht über genügend Geld, um alles einzukaufen, aber er wollte auch Ācārya Kesarī keine Unannehmlichkeiten bereiten, indem er bis zum letzten Moment mit den Besorgungen wartete. Bald würde Ācāryadeva mit hunderten Pilgern eintreffen, die alle von der Devānanda-Gauḍīya-Maṭha zu versorgen waren. Śrīla Gurudeva suchte nach einer Unterkunft für die Gottgeweihten. Er sprach über den Ruhm Śrī Rāmas und gewann die Herzen durch seine Liebe, aber noch immer konnte keine geeignete Unterkunft finden. Tag für Tag wurden die Aussichten schlechter. Da besuchte er eines Tages einen großen āśrama, in dem Śrī Rāma verehrt wurde. Der ācārya und seine Anhänger dort waren muktivādīs, Unpersönlichkeitsanhänger, die für unpersönliche Befreiung beteten.

Śrīla Gurudeva vertiefte sich mit dem ācārya des āśramas in ein Gespräch über Śrī Rāma. Er sprach so anziehendes und kraftvolles rāma-kathā, dass die Anwesenden überaus erstaunt waren. Auch der ācārya war von Gurudevas Worten beeindruckt. Er befragte ihn über das Rāmāyaṇa und Gurudeva beantwortete alle seine Fragen in wundervoller Weise. Śrīla Gurudeva erklärte die tiefere Bedeutung des Gebets des Tempels:

siyā rāma māyā sab jagaḥ jāni karo praṇām jhoḍa juga pāṇi

Erweise jedem deine Achtung mit gefalteten Händen, denn wisse, Sītā-Rāma weilen überall.

Śrīla Gurudeva erklärte: „Rāma befindet sich in jedermanns Herzen als die Überseele. Die Lebewesen können niemals mit dem Brahman eins werden, dies ist eine falsche Auslegung der Māyāvādīs. Alle Lebewesen sind ewige Diener Bhagavāns. Dienst zu Rāma ist ewig und wahre spirituelle Praxis besteht darin, liebenden Dienst zu Ihm zu erlangen. Hanumān würde sich nie wünschen, mit Sītā-Rāma zu verschmelzen, ihm so etwas auch nur vorzuschlagen, würde seinen Zorn entfachen. Hanumān sagt selbst:

sevya sevaka bhāva vinuna bhāva tariyā iha urugara
bhajiye rāma pāda paṅkaja saba kāja bisara

Lege alles andere beiseite und verehre einfach Śrī Rāmacandra. Er ist ewig verehrenswert und ich bin ewiglich Sein Diener.

Śrīla Gurudeva rezitierte mehrere Verse aus Tulasī Dāsas Rāma-Carita-Mānasa, die Gott als ewige Höchste Person herausstellten und auch die Individualität der Seele als Sein ewiger Diener betonten. Am Ende fragte der ācārya: „Ich bin überglücklich, jemanden zu treffen, der so viel Liebe für Rāma besitzt. Woher kommen Sie? Was sind Ihre Pläne in Ayodhyā?“

„Mein spiritueller Meister ist ein großer sādhu der Gauḍīya-Sampradāya“, antwortete Gurudeva. „Alles, was ich weiß, verdanke ich seiner grundlosen Barmherzigkeit. Er hat mich nach Ayodhyā geschickt, um Unterkunft und Verpflegung für ein paar hundert Pilger zu organisieren, die mit ihm hierherkommen, um den Kārttika-Monat zu begehen. Ich bin vorausgereist, um bei staatlichen Stellen Unterstützung zu beantragen, aber deren Vorräte waren schon aufgebraucht.“

„Warum sind Sie in der Gauḍīya-Maṭha?“, wollte der ācārya wissen. „Wir sehen, dass Sie Liebe für Rāma besitzen und ein großer Gelehrter des Rāmāyaṇas sind. Warum folgen sie Caitanya Mahāprabhu und vernachlässigen Śrī Rāma?”

 „Wir verehren Śrī Rāma an Seinem Erscheinungstag wie auch das ganze Jahr hindurch“, erwiderte Gurudeva. „Wie Sie sehen, kommen wir auf Pilgerreise hier nach Ayodhyā, zu Śrī Rāmas Heiligem Land. Außerdem sind Mahāprabhu und Kṛṣṇa nicht von Rāma verschieden.“ Gurudeva zitierte Verse aus den Schriften, die belegten, dass alle Inkarnationen Gottes von Kṛṣṇa, der Ursache aller Ursachen, ausgehen. Dann fügte er hinzu: „Wäre Mahāprabhu nicht im Kali-Yuga erschienen, würde heute niemand mehr Śrī Rāma Respekt erweisen. Die Menschen hätten Ihn allmählich ganz und gar vergessen. Caitanya Mahāprabhu gab allen Lebewesen caitanya – reines Bewusstsein. Nur so waren die Leute im Kali-Yuga fähig, Śrī Rāma, die Heiligen Orte, bhakti und die bhaktas zu verstehen. Vor dem Erscheinen Mahāprabhus verschwanden allmählich alle spirituellen Themen aus der Gesellschaft. Selbst die Geburtsstätten Śrī Kṛṣṇas und Śrī Rāmas waren verlorengegangen, geplündert und geschändet von Eroberern. Erst nach dem Erscheinen Caitanya Mahāprabhus begannen die Menschen wieder, das wahre Ziel des Lebens zu erkennen.“

Śrīla Gurudeva verherrlichte Mahāprabhu und die Gauḍīya-Schülernachfolge. Der ācārya war von seiner Sichtweise angetan und sagte: „Es freut mich, zu hören, dass Ihre sampradāya Śrī Rāma ehrt. Ich würde gerne Ihren Gurudeva kennenlernen. Wenn er mit den Pilgern eintrifft, so laden Sie ihn bitte ein, den Kārttika-Monat in meinem āśrama zu verbringen und uns mit seinen Vorträgen zu segnen. Wir würden uns um alles Notwendige kümmern und Sie auch durch Ayodhyā führen, falls sie dies wünschen.“

Gurudeva nahm sein großzügiges Angebot an. Als Ācārya Kesarī am Bahnhof in Ayodhyā eintraf, waren auch die sādhus des Rāma-Tempels gekommen, um ihn zu begrüßen. Ācārya Kesarī war überrascht: „Gaura Nārāyaṇa! Du bist mit so vielen bhaktas gekommen, um uns zu empfangen?“

Gurudeva lachte und bekränzte seinen spirituellen Meister mit einer Blumengirlande. Auf dem Weg zum Tempel erklärte ihm Gurudeva, was geschehen war. Angekommen im āśrama, wurde Ācārya Kesarī vom ācārya begrüßt. Sie brachten sich gegenseitig Ehrerbietungen dar und sprachen zuneigungsvoll miteinander.

Morgens und abends hielten die Gottgeweihten harināma-saṅkīrtana ab. Ācārya Kesarī gab tiefgründige Vorlesungen über das Spiel Śrī Kṛṣṇas, wie Er von Mutter Yaśodā im Kārttika-Monat an einen Mörser gebunden wurde. Er sprach auch über die Spiele Śrī Rāmas. Nach der Vorlesung baten die sādhus Gurudeva, zu erklären, was sie nicht vollständig verstanden hatten.

Während des Monats in Ayodhyā führte Ācārya Kesarī die Pilger zum Śrī Rāmas Geburtsort, zum Palast von Daśarathas, zur Residenz Hanumāns und zu anderen heiligen Orten. Dem ācārya des Āśramas gefiel es, die Gauḍīya-bhaktas zu beherbergen. Als Ācārya Kesarī mit seiner Gruppe abreiste, waren die sādhus traurig und baten sie, bald wiederzukommen. Sie nahmen die Anweisungen Ācārya Kesarīs an und begannen in ihrem āśrama bhakti zu folgen. Über die Jahre hinweg kamen viele Gottgeweihte aus Ayodhyā zu Gurudeva. Sie nahmen ihn als ihren unterweisenden Lehrer an und begannen Mahāprabhu und Rādhā-Kṛṣṇa zu verehren.

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