Kārt­tika in Ayodhyā

Im Jahr 1949 wollte Ācār­ya­deva den Kārttika‐Monat in Ayodhyā ver­bringen. Er über­trug Śrīla Guru­deva die Ver­ant­wor­tung für die Vor­be­rei­tung. Guru­deva reiste vor dem Rest der Gruppe nach Ayodhyā, um Petro­leum, Unter­künfte, Reis und andere Lebens­mittel zu besorgen. Ācārya Kesarī trug ihm auf, die staat­li­chen Lebens­mit­tel­aus­ga­be­stätten um Unter­stüt­zung zu bitten. Als Guru­deva jedoch dort Unter­stüt­zung bean­tragen wollte, wurde ihm mit­ge­teilt, dass alle Vor­räte schon an andere Gruppen ver­geben worden waren. Guru­deva ver­fügte nicht über genü­gend Geld, um alles ein­zu­kaufen, aber er wollte auch Ācārya Kesarī keine Unan­nehm­lich­keiten bereiten, indem er bis zum letzten Moment mit den Besor­gungen war­tete. Bald würde Ācār­ya­deva mit hun­derten Pil­gern ein­treffen, die alle von der Devānanda‐Gauḍīya‐Maṭha zu ver­sorgen waren. Śrīla Guru­deva suchte nach einer Unter­kunft für die Gott­ge­weihten. Er sprach über den Ruhm Śrī Rāmas und gewann die Herzen durch seine Liebe, aber noch immer konnte er keine geeig­nete Unter­kunft finden. Tag für Tag wurden die Aus­sichten schlechter. Da besuchte er eines Tages einen großen āśrama, in dem Śrī Rāma ver­ehrt wurde. Der ācārya und seine Anhänger dort waren muk­ti­vādīs, Unper­sön­lich­keits­an­hänger, die für unper­sön­liche Befreiung beteten.

Śrīla Guru­deva ver­tiefte sich mit dem ācārya des āśramas in ein Gespräch über Śrī Rāma. Er sprach so anzie­hendes und kraft­volles rāma‐kathā, dass die Anwe­senden überaus erstaunt waren. Auch der ācārya war von Guru­devas Worten beein­druckt. Er befragte ihn über das Rāmāyaṇa und Guru­deva beant­wor­tete alle seine Fragen in wun­der­voller Weise. Śrīla Guru­deva erklärte die tie­fere Bedeu­tung des Gebets des Tem­pels:

siyā rāma māyā sab jagaḥ jāni karo praṇām jhoḍa juga pāṇi

Erweise jedem deine Ach­tung mit gefal­teten Händen, denn wisse, Sītā‐Rāma weilen überall.

Śrīla Guru­deva erklärte: „Rāma befindet sich in jeder­manns Herzen als die Über­seele. Die Lebe­wesen können nie­mals mit dem Brahman eins werden, dies ist eine fal­sche Aus­le­gung der Māyāvādīs. Alle Lebe­wesen sind ewige Diener Bha­ga­vāns. Dienst zu Rāma ist ewig und wahre spi­ri­tu­elle Praxis besteht darin, lie­benden Dienst zu Ihm zu erlangen. Hanumān würde sich nie wün­schen, mit Sītā‐Rāma zu ver­schmelzen, ihm so etwas auch nur vor­zu­schlagen, würde seinen Zorn ent­fa­chen. Hanumān sagt selbst:

sevya sevaka bhāva vinuna bhāva tariyā iha urugara
bha­jiye rāma pāda paṅ­kaja saba kāja bisara

Lege alles andere bei­seite und ver­ehre ein­fach Śrī Rāma­candra. Er ist ewig ver­eh­rens­wert und ich bin ewig­lich Sein Diener.

Śrīla Guru­deva rezi­tierte meh­rere Verse aus Tulasī Dāsas Rāma‐Carita‐Mānasa, die Gott als ewige Höchste Person her­aus­stellten und auch die Indi­vi­dua­lität der Seele als Sein ewiger Diener betonten. Am Ende fragte der ācārya: „Ich bin über­glück­lich, jemanden zu treffen, der so viel Liebe für Rāma besitzt. Woher kommen Sie? Was sind Ihre Pläne in Ayodhyā?“

Mein spi­ri­tu­eller Mei­ster ist ein großer sādhu der Gauḍīya‐Sampradāya“, ant­wor­tete Guru­deva. „Alles, was ich weiß, ver­danke ich seiner grund­losen Barm­her­zig­keit. Er hat mich nach Ayodhyā geschickt, um Unter­kunft und Ver­pfle­gung für ein paar hun­dert Pilger zu orga­ni­sieren, die mit ihm hier­her­kommen, um den Kārttika‐Monat zu begehen. Ich bin vor­aus­ge­reist, um bei staat­li­chen Stellen Unter­stüt­zung zu bean­tragen, aber deren Vor­räte waren schon auf­ge­braucht.“

Warum sind Sie in der Gauḍīya‐Maṭha?“, wollte der ācārya wissen. „Wir sehen, dass Sie Liebe für Rāma besitzen und ein großer Gelehrter des Rāmāyaṇas sind. Warum folgen sie Cai­tanya Mahāprabhu und ver­nach­läs­sigen Śrī Rāma?”

 „Wir ver­ehren Śrī Rāma an Seinem Erschei­nungstag wie auch das ganze Jahr hin­durch“, erwi­derte Guru­deva. „Wie Sie sehen, kommen wir auf Pil­ger­reise hier nach Ayodhyā, zu Śrī Rāmas Hei­ligem Land. Außerdem sind Mahāprabhu und Kṛṣṇa nicht von Rāma ver­schieden.“ Guru­deva zitierte Verse aus den Schriften, die belegten, dass alle Inkar­na­tionen Gottes von Kṛṣṇa, der Ursache aller Ursa­chen, aus­gehen. Dann fügte er hinzu: „Wäre Mahāprabhu nicht im Kali‐Yuga erschienen, würde heute nie­mand mehr Śrī Rāma Respekt erweisen. Die Men­schen hätten Ihn all­mäh­lich ganz und gar ver­gessen. Cai­tanya Mahāprabhu gab allen Lebe­wesen cai­tanya – reines Bewusst­sein. Nur so waren die Leute im Kali‐Yuga fähig, Śrī Rāma, die Hei­ligen Orte, bhakti und die bhaktas zu ver­stehen. Vor dem Erscheinen Mahāprabhus ver­schwanden all­mäh­lich alle spi­ri­tu­ellen Themen aus der Gesell­schaft. Selbst die Geburts­stätten Śrī Kṛṣṇas und Śrī Rāmas waren ver­lo­ren­ge­gangen, geplün­dert und geschändet von Erobe­rern. Erst nach dem Erscheinen Cai­tanya Mahāprabhus begannen die Men­schen wieder, das wahre Ziel des Lebens zu erkennen.“

Śrīla Guru­deva ver­herr­lichte Mahāprabhu und die Gauḍīya‐Schülernachfolge. Der ācārya war von seiner Sicht­weise angetan und sagte: „Es freut mich, zu hören, dass Ihre sam­pra­dāya Śrī Rāma ehrt. Ich würde gerne Ihren Guru­deva ken­nen­lernen. Wenn er mit den Pil­gern ein­trifft, so laden Sie ihn bitte ein, den Kārttika‐Monat in meinem āśrama zu ver­bringen und uns mit seinen Vor­trägen zu segnen. Wir würden uns um alles Not­wen­dige küm­mern und Sie auch durch Ayodhyā führen, falls sie dies wün­schen.“

Guru­deva nahm sein groß­zü­giges Angebot an. Als Ācārya Kesarī am Bahnhof in Ayodhyā ein­traf, waren auch die sādhus des Rāma‐Tempels gekommen, um ihn zu begrüßen. Ācārya Kesarī war über­rascht: „Gaura Nārāyaṇa! Du bist mit so vielen bhaktas gekommen, um uns zu emp­fangen?“

Guru­deva lachte und bekränzte seinen spi­ri­tu­ellen Mei­ster mit einer Blu­men­gir­lande. Auf dem Weg zum Tempel erklärte ihm Guru­deva, was geschehen war. Ange­kommen im āśrama, wurde Ācārya Kesarī vom ācārya begrüßt. Sie brachten sich gegen­seitig Ehr­er­bie­tungen dar und spra­chen zunei­gungs­voll mit­ein­ander.

Mor­gens und abends hielten die Gott­ge­weihten harināma‐saṅkīrtana ab. Ācārya Kesarī gab tief­grün­dige Vor­le­sungen über das Spiel Śrī Kṛṣṇas, wie Er von Mutter Yaśodā im Kārttika‐Monat an einen Mörser gebunden wurde. Er sprach auch über die Spiele Śrī Rāmas. Nach der Vor­le­sung baten die sādhus Guru­deva, zu erklären, was sie nicht voll­ständig ver­standen hatten.

Wäh­rend des Monats in Ayodhyā führte Ācārya Kesarī die Pilger zu Śrī Rāmas Geburtsort, zum Palast von Daśa­rathas, zur Resi­denz Hanumāns und zu anderen hei­ligen Orten. Dem ācārya des Āśramas gefiel es, die Gauḍīya‐bhaktas zu beher­bergen. Als Ācārya Kesarī mit seiner Gruppe abreiste, waren die sādhus traurig und baten sie, bald wie­der­zu­kommen. Sie nahmen die Anwei­sungen Ācārya Kes­arīs an und begannen in ihrem āśrama bhakti zu folgen. Über die Jahre hinweg kamen viele Gott­ge­weihte aus Ayodhyā zu Guru­deva. Sie nahmen ihn als ihren unter­wei­senden Lehrer an und begannen Mahāprabhu und Rādhā‐Kṛṣṇa zu ver­ehren.

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