Vierundzwanzigstes Kapitel

Wen wir bitten

Nach Gaura-Pūrṇimā begleitete Śrīla Gurudeva Ācārya Kesarī und einige seiner vertrauten Gefährten zu verschiedenen heiligen Plätze in Gauḍa-Maṇḍala. Gauḍa-Maṇḍala ist das Gebiet Bengalens, in dem Mahāprabhu Seine Spiele offenbarte und in dem viele Geburtsorte großer Vaiṣṇavas und Gefährten Mahāprabhus liegen.  Sie besuchten Śāntipura, den Wohnort Advaita Ācāryas, und Phuliyā, wo Haridāsa Ṭhākura gelebt hatte. Sie besuchten auch Ambikā-Kālnā, wo Gaurīdāsa Paṇḍita Gaura-Nityānanda-Bildgestalten verehrt hatte. Diese Gaura-Nityānanda-Bildgestalten waren von Mahāprabhu und Nityānanda Prabhu selbst aus einem Neem-Baum manifestiert worden, nachdem Gaurīdāsa Paṇḍita Sie gebeten hatte, ihn nicht zu verlassen. Dann begaben sich Ācārya Kesarī und Śrīla Gurudeva nach Cāṭigrāma, dem Heimatdorf von Mahāprabhus engen Gefährten Puṇḍarīka Vidyānidhi, Caitanya Vallabha, Vāsudeva Datta und Mukunda Datta. Weiter ging es nach Ekacakrā-Dhāma, dem Geburtsort Śrī Nityānanda Prabhus, danach nach Kaṭvā, wo Nimāi Paṇḍita von Keśava Bhāratī sannyāsa angenommen hatte, und danach nach Śrīkhaṇḍa, wo viele bedeutende Gefährten Mahāprabhus geboren worden waren, wie etwa Narahari Sarakāra Ṭhākura, Mukunda Ṭhākura, Raghunandana und Jagadānanda, um nur einige zu nennen. Schließlich beendeten sie ihren parikramā in Pānīhāṭī und Ādi Saptagrāma.

Ācārya Kesarī beschrieb den Ruhm jedes einzelnen Ortes und die Spiele, die stattgefunden hatten. Als Śrīla Gurudeva vom Ruhm Ādi Saptagrāmas hörte, dem Erscheinungsort Raghunātha Dāsa Gosvāmīs, fragte er: „Warum kamen entsagte Vaiṣṇavas wie Haridāsa Ṭhākura zu Hiranya und Govardhana Majumadāra? Schließlich hatte Mahāprabhu davor gewarnt: „Mit Königen und Adligen zu verkehren, kommt dem Trinken von Gift gleich. Entsagte Vaiṣṇavas sollten solche Personen nicht treffen.“ Trotzdem besuchten etliche Vaiṣṇavas im entsagten Lebensstand den Vizekönig Govardhana Majumadāra. Warum?“

Ācārya Kesarī erklärte: „Haridāsa Ṭhākura hatte kein Verlangen nach Reichtum oder irgendetwas anderem Materiellem. Er war niṣkiñcana-akiñcana, vollkommen losgelöst und frei von weltlichen Wünschen. Aber er hatte den transzendentalen Wunsch, Raghunātha Dāsa Gosvāmī, den Sohn Govardhana Majumadāras, zu treffen. Dāsa Gosvāmī kam aus der spirituellen Welt Vraja-Mandala. Im Mahāprabhus Spielen erschien er als Raghunātha, doch in Kṛṣṇas Vraja-Spielen ist er Rati Mañjarī. Ohne Rati Mañjarīs Gnade kann keine rati, keine Anziehung zu Kṛṣṇa, in unser Herz einziehen. Rati Mañjarī verleiht anurāga, den Wunsch nach bhajana, bhakti und eine transzendentale Beziehung. Jetzt ist unsere rati, unsere Liebe oder unser Begehren, auf unseren materiellen Sinnen gerichtet. Ohne spirituelle Kraft und Anziehung können wir nicht unsere materielle Bedingtheit überwinden und den Bereich der Ewigkeit betreten.

Einmal saß Nityānanda Prabhu in Pānīhāṭī, am Ufer der Gaṅgā, in der Gesellschaft von Śivānanda Sena und Tausenden Geweihten unter einem Baum. Raghunātha kam dorthin, um Nityānanda Prabhu zu treffen, und brachte dem Herrn von fern seine Ehrerbietungen dar. Nityānanda Prabhu rief ihn zu sich: ‚Du Dieb! Du versteckst dich vor mir! Heute werde ich dich bestrafen! Heute und auf ewig wirst du allen Vaiṣṇavas dienen müssen.‘ Nityānanda setzte Seine beiden Füße auf Śrī Raghunāthas Kopf und sagte: ‚Den Menschen wird nur dann wirklich geholfen, wenn sie vraja-rati erhalten, die Liebe und Zuneigung Vrajas. Du musst diese rati verteilen: nicht nur an diejenigen, die dein Haus besuchen, sondern an alle. Dieser Ort hier erinnert mich daran, wie sich Kṛṣṇa mit seinen Freunden am Ufer der Yamunā zu einem Picknick niedersetzte. Serviere auf der Stelle für jeden hier prasādam. Das wird Mich erfreuen.‘

Rasch und geschickt organisierte Raghunātha Dāsa Gosvāmī alles Notwendige. Die Liebe der svarūpa-śakti, der persönlichen Energie Gottes, verlieh ihm Kraft. An jenem Morgen verteilte er nicht einfach nur süßen Joghurt, Reis und Früchte am Flussufer ‒ nein. Bei diesem Fest verteilte Rati Mañjarī rati, liebende Anziehung für Rādhā-Kṛṣṇa. Das Medium waren Reis, Ghee, Obst, Joghurt und so weiter, doch in Wahrheit gab er nichts Gewöhnliches. Auf Nityānandas Befehl hin schenkte er seine reine, innige Liebe den Gottgeweihten.

Mahāprabhu selbst erschien inmitten des Festes, und Nityānanda Prabhu bot ihm als erstes die Speisen an. Gern nahm Mahāprabhu die Darbringung entgegen, die mit rati zubereitet und von Nityānanda Prabhu, dem ursprünglichen Guru, gereicht wurden. Anschließend wurde Sein prasādam an Zehntausende begierige Empfängern verteilt. Jeder kostete Glückseligkeit, sobald er die rati empfing, die Raghunātha Dāsa Gosvāmī verschenkte. Nityānanda Prabhu wies Raghunātha Dāsa Gosvāmī an, diesen Dienst nie zu beenden.“

Gurudeva fragte daraufhin Ācārya Kesarī: „Rati Mañjarī verteilte vraja-rati. Hat nicht auch Prabhupāda Sarasvatī Ṭhākura, der Überbringer der svarūpa-śakti (Gottes persönlicher Energie), diese rati verteilt?“

„In der Tat, das hat er.“

„Und du, Gurudeva, gewährst diese rati auch?“

„Ja“, antwortete Ācāryadeva mit einem Lächeln. „Jene glücklichen Seelen, die das geeignete Gefäß dafür in ihrem Herzen bereitstellen, werden rati erhalten.“

„Wenn ich darum bete“, fragte Gurudeva, „werden die spirituellen Meister mich dann damit beschenken?“

„Warum sollten sie nicht? Wenn du mit Glauben und Respekt darum bittest, werden die barmherzigen spirituellen Meister sie dir zuteilwerden lassen.“

Ācārya Kesarī wies auf die Rolle der sādhakas, der praktizierenden Gottgeweihten, hin. „Wir sind nur Bettler“, sagte er. „Die sādhakas suchen die Orte der spirituellen Meister auf und bitten sie um vraja-rati, die Liebe von Vraja. Wenn wir die Menschen um etwas bitten, geben sie fünf oder zehn Rupien, aber sie können keine vraja-rati geben. Sie werden viṣaya-rati erwecken, Anhaftung an die Sinnesobjekte, und versuchen, uns zu ihrem Diener zu machen. Nur die spirituellen Meister schenken reine Liebe.“

Von diesem Zeitpunkt lernte Śrīla Gurudeva die Gebete der guru-varga, der spirituellen Meister in der Schülernachfolge, auswendig und betete sie täglich:

tavaivāsmi tavaivāsmi na jīvāmi tvayā vinā
iti vijñāya rādhe tvaṁ naya māṁ caraṇāntike
Śrī Vilāpa-Kusumāñjali 96

Ich bin Dein! Ich bin Dein! Ohne Dich kann ich nicht leben! Weil du das weißt, oh Rādhe, gewähre mir bitte einen Platz bei Deinen Lotosfüßen.

yat-kiṅkarīṣu bahuśaḥ khalu kāku-vāṇī,
nityaṁ parasya puruṣasya śikhaṇḍa-mauleḥ
tasyāḥ kadā rasa-nidheḥ vṛṣabhānu-jāyās
tat-keli-kuñja-bhavanāṅgana-mārjanī syām
Rādhā-Rasa-Sudhā-Nidhi 8

Oh Tochter Mahārāja Vṛṣabhānus, Reich nektargleicher Liebe! Der höchste Mächtige, der Ursprung aller Avatāras, der eine Pfauenfeder in Seinem Haar trägt, fällt Deinen Dienerinnen zu Füßen und bittet demütig um Eintritt in den kuñja Eurer amourösen Spiele. Ach wäre ich nur ein Reisig in dem Besen, der Deinen Freudengarten fegt – mein Dasein wäre gekrönt!

hā devī! kāku-bhara-gadgadayādya vācā
yāce nipatya bhuvi daṇḍavad-udbhaṭārtiḥ
asya prasādam abudhasya janasya kṛtvā
gāndharvike! nija-gaṇe gaṇanāṁ vidhehi
Gāndharvā-Samprārthanāṣṭakam 2

Oh Gāndharvike, Devī, die Sehnsucht verzehrt mich! Ich werfe mich Dir zu Füßen und bete verzweifelt und mit erstickter Stimme: Bitte sei mir, nutzlos und einfältig, wie ich bin, barmherzig und nimm mich als eine Deiner Dienerinnen an!

Śrīla Gurudeva betete täglich mit diesen Versen zum Göttlichen Paar. Zudem prägte er sich die von Liebe erfüllten Lieder der früheren ācāryas ein und vertiefte sich in ihre Meditation. Gurudeva wurde ein versierter kīrtanīyā und nahm alle jüngeren Gottgeweihten mit zum kīrtana. Wenn er sang, meditierte Gurudeva über den tiefen Sinn der bhajanas. Ācārya Kesarī und die anderen Vaiṣṇavas waren von Śrīla Gurudevas hingebungsvollem Singen sehr angetan. Gurudeva ermutigte alle Gottgeweihten, an den Tempelprogrammen teilzunehmen. Falls ein brahmacārī nicht zum kīrtana und den Vorträgen erschien, ging Gurudeva zu ihm und fragte: „Prabhu, stimmt etwas nicht? Bist du krank und kannst nicht zum Programm kommen? Kann ich dir helfen?“ Wenn der brahmacārī dann trotzdem fernblieb, setzte sich Gurudeva zur ārati-Zeit an sein Bett und sang und spielte Instrumente dort. Grinsend begleitete dann der brahmacārī Śrīla Gurudeva zur Tempelhalle.

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