Wen wir bitten

Nach Gaura‐Pūrṇimā beglei­tete Śrīla Guru­deva Ācārya Kesarī und einige seiner ver­trauten Gefährten zu ver­schie­denen hei­ligen Plätze in Gauḍa‐Maṇḍala. Gauḍa‐Maṇḍala ist das Gebiet Ben­ga­lens, in dem Mahāprabhu Seine Spiele offen­barte und in dem viele Geburts­orte großer Vaiṣṇavas und Gefährten Mahāprabhus liegen.  Sie besuchten Śān­tipura, den Wohnort Advaita Ācāryas, und Phu­liyā, wo Hari­dāsa Ṭhākura gelebt hatte. Sie besuchten auch Ambikā‐Kālnā, wo Gaurīdāsa Paṇḍita Gaura‐Nityānanda‐Bildgestalten ver­ehrt hatte. Diese Gaura‐Nityānanda‐Bildgestalten waren von Mahāprabhu und Nity­ā­n­anda Prabhu selbst aus einem Neem‐Baum mani­fe­stiert worden, nachdem Gaurīdāsa Paṇḍita Sie gebeten hatte, ihn nicht zu ver­lassen. Dann begaben sich Ācārya Kesarī und Śrīla Guru­deva nach Cāṭi­grāma, dem Hei­mat­dorf von Mahāprabhus engen Gefährten Puṇḍarīka Vidyā­n­idhi, Cai­tanya Vall­abha, Vāsu­deva Datta und Mukunda Datta. Weiter ging es nach Ekacakrā‐Dhāma, dem Geburtsort Śrī Nity­ā­n­anda Prabhus, danach nach Kaṭvā, wo Nimāi Paṇḍita von Keśava Bhā­ratī san­nyāsa ange­nommen hatte, und danach nach Śrīk­haṇḍa, wo viele bedeu­tende Gefährten Mahāprabhus geboren worden waren, wie etwa Nara­hari Sarakāra Ṭhākura, Mukunda Ṭhākura, Ragh­un­andana und Jag­adā­n­anda, um nur einige zu nennen. Schließ­lich been­deten sie ihren pari­kramā in Pānīhāṭī und Ādi Sap­tagrāma.

Ācārya Kesarī beschrieb den Ruhm jedes ein­zelnen Ortes und die Spiele, die statt­ge­funden hatten. Als Śrīla Guru­deva vom Ruhm Ādi Sap­tagrāmas hörte, dem Erschei­nungsort Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmīs, fragte er: „Warum kamen ent­sagte Vaiṣṇavas wie Hari­dāsa Ṭhākura zu Hiranya und Govardhana Majum­a­dāra? Schließ­lich hatte Mahāprabhu davor gewarnt: „Mit Königen und Adligen zu ver­kehren, kommt dem Trinken von Gift gleich. Ent­sagte Vaiṣṇavas sollten solche Per­sonen nicht treffen.“ Trotzdem besuchten etliche Vaiṣṇavas im ent­sagten Lebens­stand den Vize­könig Govardhana Majum­a­dāra. Warum?“

Ācārya Kesarī erklärte: „Hari­dāsa Ṭhākura hatte kein Ver­langen nach Reichtum oder irgend­etwas anderem Mate­ri­ellem. Er war niṣkiñcana‐akiñcana, voll­kommen los­ge­löst und frei von welt­li­chen Wün­schen. Aber er hatte den tran­szen­den­talen Wunsch, Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmī, den Sohn Govardhana Majum­a­dāras, zu treffen. Dāsa Gos­vāmī kam aus der spi­ri­tu­ellen Welt Vraja‐Mandala. Im Mahāprabhus Spielen erschien er als Raghun­ātha, doch in Kṛṣṇas Vraja‐Spielen ist er Rati Mañjarī. Ohne Rati Mañjarīs Gnade kann keine rati, keine Anzie­hung zu Kṛṣṇa, in unser Herz ein­ziehen. Rati Mañjarī ver­leiht anu­rāga, den Wunsch nach bha­jana, bhakti und eine tran­szen­den­tale Bezie­hung. Jetzt ist unsere rati, unsere Liebe oder unser Begehren, auf unseren mate­ri­ellen Sinnen gerichtet. Ohne spi­ri­tu­elle Kraft und Anzie­hung können wir nicht unsere mate­ri­elle Bedingt­heit über­winden und den Bereich der Ewig­keit betreten.

Einmal saß Nity­ā­n­anda Prabhu in Pānīhāṭī, am Ufer der Gaṅgā, in der Gesell­schaft von Śivā­n­anda Sena und Tau­senden Geweihten unter einem Baum. Raghun­ātha kam dorthin, um Nity­ā­n­anda Prabhu zu treffen, und brachte dem Herrn von fern seine Ehr­er­bie­tungen dar. Nity­ā­n­anda Prabhu rief ihn zu sich: ‚Du Dieb! Du ver­steckst dich vor mir! Heute werde ich dich bestrafen! Heute und auf ewig wirst du allen Vaiṣṇavas dienen müssen.‘ Nity­ā­n­anda setzte Seine beiden Füße auf Śrī Raghun­āthas Kopf und sagte: ‚Den Men­schen wird nur dann wirk­lich geholfen, wenn sie vraja‐rati erhalten, die Liebe und Zunei­gung Vrajas. Du musst diese rati ver­teilen: nicht nur an die­je­nigen, die dein Haus besu­chen, son­dern an alle. Dieser Ort hier erin­nert mich daran, wie sich Kṛṣṇa mit seinen Freunden am Ufer der Yamunā zu einem Pick­nick nie­der­setzte. Ser­viere auf der Stelle für jeden hier pras­ādam. Das wird Mich erfreuen.‘

Rasch und geschickt orga­ni­sierte Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmī alles Not­wen­dige. Die Liebe der svarūpa‐śakti, der per­sön­li­chen Energie Gottes, ver­lieh ihm Kraft. An jenem Morgen ver­teilte er nicht ein­fach nur süßen Joghurt, Reis und Früchte am Fluss­ufer ‒ nein. Bei diesem Fest ver­teilte Rati Mañjarī rati, lie­bende Anzie­hung für Rādhā‐Kṛṣṇa. Das Medium waren Reis, Ghee, Obst, Joghurt und so weiter, doch in Wahr­heit gab er nichts Gewöhn­li­ches. Auf Nity­ā­n­andas Befehl hin schenkte er seine reine, innige Liebe den Gott­ge­weihten.

Mahāprabhu selbst erschien inmitten des Festes, und Nity­ā­n­anda Prabhu bot ihm als erstes die Speisen an. Gern nahm Mahāprabhu die Dar­brin­gung ent­gegen, die mit rati zube­reitet und von Nity­ā­n­anda Prabhu, dem ursprüng­li­chen Guru, gereicht wurden. Anschlie­ßend wurde Sein pras­ādam an Zehn­tau­sende begie­rige Emp­fän­gern ver­teilt. Jeder kostete Glück­se­lig­keit, sobald er die rati emp­fing, die Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmī ver­schenkte. Nity­ā­n­anda Prabhu wies Raghun­ātha Dāsa Gos­vāmī an, diesen Dienst nie zu beenden.“

Guru­deva fragte dar­aufhin Ācārya Kesarī: „Rati Mañjarī ver­teilte vraja‐rati. Hat nicht auch Prab­hupāda Saras­vatī Ṭhākura, der Über­bringer der svarūpa‐śakti (Gottes per­sön­li­cher Energie), diese rati ver­teilt?“

In der Tat, das hat er.“

Und du, Guru­deva, gewährst diese rati auch?“

Ja“, ant­wor­tete Ācār­ya­deva mit einem Lächeln. „Jene glück­li­chen Seelen, die das geeig­nete Gefäß dafür in ihrem Herzen bereit­stellen, werden rati erhalten.“

Wenn ich darum bete“, fragte Guru­deva, „werden die spi­ri­tu­ellen Mei­ster mich dann damit beschenken?“

Warum sollten sie nicht? Wenn du mit Glauben und Respekt darum bit­test, werden die barm­her­zigen spi­ri­tu­ellen Mei­ster sie dir zuteil­werden lassen.“

Ācārya Kesarī wies auf die Rolle der sādhakas, der prak­ti­zie­renden Gott­ge­weihten, hin. „Wir sind nur Bettler“, sagte er. „Die sādhakas suchen die Orte der spi­ri­tu­ellen Mei­ster auf und bitten sie um vraja‐rati, die Liebe von Vraja. Wenn wir die Men­schen um etwas bitten, geben sie fünf oder zehn Rupien, aber sie können keine vraja‐rati geben. Sie werden viṣaya‐rati erwecken, Anhaf­tung an die Sin­nes­ob­jekte, und ver­su­chen, uns zu ihrem Diener zu machen. Nur die spi­ri­tu­ellen Mei­ster schenken reine Liebe.“

Von diesem Zeit­punkt lernte Śrīla Guru­deva die Gebete der guru‐varga, der spi­ri­tu­ellen Mei­ster in der Schü­ler­nach­folge, aus­wendig und betete sie täg­lich:

tavai­vāsmi tavai­vāsmi na jīvāmi tvayā vinā
iti vijñāya rādhe tvaṁ naya māṁ caraṇān­tike
Śrī Vilāpa‐Kusumāñjali 96

Ich bin Dein! Ich bin Dein! Ohne Dich kann ich nicht leben! Weil du das weißt, oh Rādhe, gewähre mir bitte einen Platz bei Deinen Lotos­füßen.

yat‐kiṅkarīṣu bahuśaḥ khalu kāku‐vāṇī,
nityaṁ parasya puruṣ­asya śikhaṇḍa‐mauleḥ
tasyāḥ kadā rasa‐nidheḥ vṛṣabhānu‐jāyās
tat‐keli‐kuñja‐bhavanāṅgana‐mārjanī syām
Rādhā‐Rasa‐Sudhā‐Nidhi 8

Oh Tochter Mahārāja Vṛṣ­ab­hānus, Reich nek­tar­glei­cher Liebe! Der höchste Mäch­tige, der Ursprung aller Ava­tāras, der eine Pfau­en­feder in Seinem Haar trägt, fällt Deinen Die­ne­rinnen zu Füßen und bittet demütig um Ein­tritt in den kuñja Eurer amou­rösen Spiele. Ach wäre ich nur ein Reisig in dem Besen, der Deinen Freu­den­garten fegt – mein Dasein wäre gekrönt!

hā devī! kāku‐bhara‐gadgadayādya vācā
yāce nipatya bhuvi daṇḍavad‐udbhaṭārtiḥ
asya pras­ādam abud­hasya jan­asya kṛtvā
gānd­har­vike! nija‐gaṇe gaṇanāṁ vid­hehi
Gāndharvā‐Samprārthanāṣṭakam 2

Oh Gānd­har­vike, Devī, die Sehn­sucht ver­zehrt mich! Ich werfe mich Dir zu Füßen und bete ver­zwei­felt und mit erstickter Stimme: Bitte sei mir, nutzlos und ein­fältig, wie ich bin, barm­herzig und nimm mich als eine Deiner Die­ne­rinnen an!

Śrīla Guru­deva betete täg­lich mit diesen Versen zum Gött­li­chen Paar. Zudem prägte er sich die von Liebe erfüllten Lieder der frü­heren ācāryas ein und ver­tiefte sich in ihre Medi­ta­tion. Guru­deva wurde ein ver­sierter kīr­t­anīyā und nahm alle jün­geren Gott­ge­weihten mit zum kīr­tana. Wenn er sang, medi­tierte Guru­deva über den tiefen Sinn der bha­janas. Ācārya Kesarī und die anderen Vaiṣṇavas waren von Śrīla Guru­devas hin­ge­bungs­vollem Singen sehr angetan. Guru­deva ermu­tigte alle Gott­ge­weihten, an den Tem­pel­pro­grammen teil­zu­nehmen. Falls ein brah­macārī nicht zum kīr­tana und den Vor­trägen erschien, ging Guru­deva zu ihm und fragte: „Prabhu, stimmt etwas nicht? Bist du krank und kannst nicht zum Pro­gramm kommen? Kann ich dir helfen?“ Wenn der brah­macārī dann trotzdem fern­blieb, setzte sich Guru­deva zur ārati-Zeit an sein Bett und sang und spielte Instru­mente dort. Grin­send beglei­tete dann der brah­macārī Śrīla Guru­deva zur Tem­pel­halle.

< Zurück    Vor­wärts >